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"Fleischmarkt"

Ausgabe: Märkte

"Fleischmarkt"

Von Sex in Hinterzimmern
Nicolas Šustr / Foto: Anna-Lena Wenzel

„Warum gibt es das eigentlich nicht für Heteros?“ Eigentlich jeder Schwule, der schon mal in einem Darkroom war, kennt diese gern zwischen dem fünften und achten Bier klagend gestellte Frage aus dem heterosexuellen Freundeskreis.

 

Nun, ganz trocken gesprochen, weil es anscheinend keinen Markt dafür gibt. Sollte es sich denn kneipenwirtschaftlich gesehen lohnen, als Zugabe zum Alkoholverkauf zu relativ moderaten Preisen statt Nüsschen eben einen separaten Kopulationsraum anzubieten, dann gäbe es das bereits. Klar, es gibt heterosexuelle Swingerclubs, es gibt in Berlin den Kit Kat Club. Aber locker flockig nach dem Feierabend solche Orte aufzusuchen, gehört für den Großteil der Bevölkerung nun mal nicht zur gelebten Alltagspraxis. Um potenziellen Einwänden zuvor zu kommen: Nein, auch nicht jeder Ausüber regelmäßiger schwuler Sexualpraxis sucht diese Orte auf. Aber zumindest in Berlin gehört das für viele zur Normalität.

 

Schwule Spontansexualität ist bei näherer Betrachtung ein durchaus interessanter Markt. Nicht nur in den Fällen, wo für Sex Geld fließt, sondern auch da, wo auf freiwilliger Basis ohne ökonomischen Zwang Männer zusammenfinden. Denn auch hier gibt es, meist in etwas unklarer Rollenverteilung, Anbieter und Nachfrage. Getauscht werden Dinge wie körperliche Erleichterung oder auch persönliche Bestätigung. Weit älter als Darkrooms, die in dieser Form in den USA der 1970er Jahre entstanden, sind die Cruising Areas, vor öffentlichen Blicken zumindest teilweise geschützte Orte wie Parks oder Plätze unter Brücken. Belegbar sind Polizeirazzien in Parks in Windsor und London bis zurück in das Jahr 1699. Zu dieser Zeit gab es in London mit den Molly Houses einen Vorläufer heutiger Darkroomkneipen. Es handelte sich um Pubs, die über Hinterzimmer verfügten.

Mother Clap ist wohl die erste namentlich bekannte Schwulenmutti. Ihr als Kaffeehaus geführtes Molly House wurde über ein Jahr von der Polizei observiert und 1726 im Rahmen einer Razzia geschlossen. Im Gegensatz zu vielen anderen Betreibern dieser Etablissements schien bei ihr der Profitwunsch nicht im Vordergrund zu stehen.

Noch etwa 250 Jahre sollte die rechtliche und gesellschaftliche Situation für Schwule in der westlichen Welt nicht besser werden. Somit waren sexuelle Kontakte nur in aller Heimlichkeit möglich. Parks und öffentliche Klos, so genannte Klappen waren Orte, um jemanden kennen zu lernen.

                                                                                                     

Dementsprechend musste der ganze Prozess schnell vor sich gehen. Erkennen, ob das Gegenüber auch Sex will, ob die Chemie stimmt und schließlich auch den eigentlichen Akt schnell hinter sich bringen. Für Romantik und langsames Kennenlernen blieb unter diesen Umständen keine Zeit. Schließlich drohte nicht nur Ärger mit der Polizei. Verwandte, Bekannte, ja sogar die eigene Gattin hätten einen ja in flagranti erwischen oder zumindest unangenehme Fragen, ob des seltsamen Verhaltens oder Aufenthaltsortes stellen können. Heute kaum mehr vorstellbar in diesem Zusammenhang ist auch der anrüchige Unterton, der beim Begriff Junggeselle mitschwang.

So verwundert auch die Reduktion auf Äußerlichkeiten nicht sonderlich. Es ist schließlich eine jahrhundertealte Tradition bei schwulen Männern, die weniger in der Familie, sondern in der rudimentären Community weitergegeben wurde.

 

Darkrooms, Bahnhofsklos, Boxclubs

 

In der Halbwelt der schwulen Kontaktanbahnung vermischte sich alles: Stricher, Transvestiten, Kleinkriminelle. Juristisch und gesellschaftlich saßen alle in einem Boot, was beim Sex und auch bei Liebschaften für eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Schichten sorgte. Dennoch verachteten sich viele Besucher der Szene weiterhin nach den klassischen gesellschaftlichen Vorgaben aufs Herzlichste.

Eines der ersten bekannten Cruisinggebiete im Berlin des 19. Jahrhunderts war das Kastanienwäldchen vor der Singakademie, dem heutigen Maxim-Gorki-Theater. Im heute noch als Crusinggebiet bekannten Tiergarten trafen schon in den 1840er Jahren Soldaten auf Freier, um ihren kargen Sold aufzubessern. Andere begüterte Schwule unterhielten Boxclubs, um ungestörten Zugang zu jungen Männern zu haben. Großstädte übten schon früh eine große Anziehungskraft auf Schwule aus. Nicht unbedingt, weil die Gesetze liberaler wären, sondern weil sie in der Anonymität der Stadt „unauffälliger und daher unbehelligter leben können“, wie der Sexualforscher Magnus Hirschfeld Anfang des 20. Jahrhunderts konstatierte. Etwa 40 Schwulenkneipen und 1000 bis 2000 Stricher gab es kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach polizeilichen Schätzungen in Berlin. In den zwanziger Jahren wurde aus Berlin endgültig das „Spree-Babylon“. Neben den klassischen schwulen Ausgehgebieten rund um den Alexanderplatz und die südliche Friedrichstraße, etablierte sich am Nollendorfplatz ein weiteres Szenegebiet.

 

Nach wie vor wurde Homosexualität jedoch verfolgt und bestraft, so dass sexuelle Kontakte von Flüchtigkeit und Heimlichkeit geprägt waren. Wenige Wochen nach der nationalsozialistischen Machterlangung wurden die bekanntesten schwulen Treffpunkte geschlossen, Homosexuelle wurden immer systematischer verfolgt – die Repressalien reichten bis zur Einweisung in Konzentrationslager. Nach dem Krieg blieb in Westdeutschland die von den Nazis verschärfte Fassung des Schwulenparagrafen 175 in Kraft, während die DDR die liberalere Version der Weimarer Republik übernahm und schließlich 1968 ganz abschaffte. 1969 entschärfte auch die Bundesrepublik den Paragrafen, in Folge dessen sich in West-Berlin rund um die Motzstraße schnell eine Szene entwickelte. Bis dahin waren Parks und öffentliche Klos die Treffpunkte. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in den 60er Jahren in Berliner Parks, in die ich um Mitternacht ging, um heimlich andere Schwule zu treffen, voller Angst von Baum zu Baum strich. Die Furcht vor Rockerbanden saß uns allen in den Gliedern, man hörte die schrecklichsten Geschichten“, sagte Rosa von Praunheim dem tip 1979. Die erste Darkroomkneipe Berlins eröffnete mit der Lederbar Knolle in der Bundesallee 1975. In der Provinz war häufig das Bahnhofsklo die einzige Möglichkeit, Sexualpartner kennenzulernen. Oder die Fahrt in die große Stadt: Städte wie Nürnberg entwickelten eine florierende Homoszene.

 

Eine große Zäsur beim fröhlichen Herumficken war das Aufkommen von AIDS. Reihenweise erkrankten und starben Schwule an der Immunschwäche, viele Bars schlossen die Darkrooms zum Teil monatelang, woanders schlossen die Behörden die Bars.

In den 90er Jahren differenzierten sich die einzelnen Fetischszenen weiter aus, von der Bar für den Schwulen von nebenan bis zu Sportklamottenliebhabern oder SM-Freunden gab es spezialisierte Anlaufpunkte. Von den zunächst fast etwas betulichen Naked-Sex-Parties ausgehend, hat sich eine Fülle von thematisch stark eingegrenzten Veranstaltungen für Urin-, Kot- oder Fistingliebhaber entwickelt. Eine der bizarrsten ist der regelmäßig stattfindende Fickstutenmarkt, bei dem man sich im Vorfeld auf eine aktive oder passive Rolle festlegen muss und die „Stuten“ mit verbundenen Augen den „Hengsten“ zugeführt werden.

 

Geodating statt Fleischbeschau?

 

Doch auch im sexuellen Bereich verändert das Internet vieles. Bei Internetportalen wie Planetromeo.com können nach detaillierten Vorgaben potenzielle Sexualpartner kontaktiert werden. Eine unbeteiligte Öffentlichkeit bekommt so praktisch nichts mehr mit und selbst in der tiefsten Provinz kann sofort und jederzeit Kontakt zu Gleichgesinnten, die vielleicht sogar gleich um die Ecke wohnen, hergestellt werden. Innerhalb weniger Jahre ist damit in den entwickelten Ländern die Klappenkultur verschwunden, allerdings auch, weil Schließungen, bauliche Veränderungen und die Einführung der City-Toiletten die Kontaktaufnahme erschwert haben. Trotzdem beflügeln die Erinnerungen an diese Zeit noch immer die sexuelle Fantasien einiger. So gibt es Menschen, die zu Hause ein Glory Hole – das sind Öffnungen zwischen einzelnen Toilettenkabinen, die Oralsex durch die Wand erlauben – nachgebaut haben.

 

Noch schneller, noch zufälliger und mobiler ermöglichen Handy-Apps wie Grindr den Kontakt. Anhand von Geodaten werden alle potenziell kontaktwilligen Männer, die sich gerade in der näheren Umgebung befinden, aufgelistet. Eine Entwicklung, die gerade in kleineren Städten rein schwule Kneipen in wirtschaftliche Not bringt. Neben dem sexuellen Kontakt ergaben sich in der sozial so durchmischten Schwulenszene natürlich auch Gespräche und Denkanstöße aus Milieus, die man sonst nie im Leben getroffen hätte. Ob in einigen Jahren Darkrooms nur noch eine Erinnerung an vergangene Zeiten sein werden, muss sich zeigen.

 

Nicolas Šustr ist freiberuflicher Journalist in Berlin

http://sustr.blogspot.de

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