es sich 20 Tage im Grenzturm

es sich 20 Tage im Grenzturm

Anna-Lena Wenzel
Im Herbst 2019 hatten Kirstin Burckhardt, Anne Gathmann und ich für drei Wochen eine Residency im ehemaligen Wachturm im Schlesischen Busch, einem der wenigen erhaltenen Grenztürme der DDR in Berlin. Das Programm wurde von The Watch organisiert und von Chris Gylee, Dominique Hurth und Jo Zahn betreut. Zwar wohnten wir nicht im Grenzturm, trafen uns aber regelmäßig für ein paar Stunden um den Ort zu erkunden und uns auszutauschen. Unser Arbeitstitel lautete: „Der beste Ort, um sich zu verstecken, ist die Abhörstation“. Wir fragten uns, wo früher die Grenze verlief und reflektierten unsere Position als Wessis in einem DDR-Relikt. Sind wir Gäste, Eindringlinge, Kolonialistinnen?

10.9.2019
Der Grenzturm ist einer von drei übriggebliebenen in Berlin, er besteht aus einem Keller, einem Erdgeschoss mit Arrestzelle, ehemaligem Klo und Waffenkammer, einem Aufenthaltsraum ohne Fenster im ersten Stock und dem Beobachtungsstand im zweiten Stock. Hier verbringen wir unsere meiste Zeit, weil es hell ist und man einen tollen Blick hat.
Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie es hier aussah, als die Mauer stand, auch wenn es Fotos von damals gibt. Sind die Bäume wirklich erst vor 30 Jahren gepflanzt worden? Sie sehen schon viel älter aus. Ebenso schwer: Sich die Gewalttätigkeit auszumalen, die von dieser Mauer ausging. Als M. gestern erzählte, dass sein Vater während seiner Militärzeit Grenzsoldat war, aber zum Glück nie schießen musste, rückt die abstrakte Vergangenheit plötzlich ganz nah, hat mit konkreten Menschen zu tun. Hier standen wirklich Soldaten und mussten sich entscheiden, ob sie schießen oder nicht. Eine Zwickmühle: Wenn sie sich verweigert hätten, hätten sie mit Restriktionen rechnen müssen, hätten sie geschossen, hätten sie eventuell ein Leben beendet.

11.9.
Wir erforschen zwei Dinge: Was macht den Ort aus? Was macht der Ort mit uns? Drei Begriffe sind für unsere Auseinandersetzungen zentral: Grenze, Körper und Resonanz – um diese Begriffe zu schärfen ist der Wachturm ein prädestinierter Ort.

Am Ende der Residency gibt es eine Radiosendung alle Stipendiat*innen, zu der auch wir einen Teil beitragen werden. Wir beschäftigen uns mit der Frage, was es mit uns macht, wenn wir unsere Gespräche die ganze Zeit aufnehmen. Ist das Aufnehmen eine hilfreiche Form der Dokumentation oder verändert sie die Art und Weise unseres Sprechens durch die Tatsache, dass das Gesagte festgehalten wird? Ist das Aufnehmen nicht auch eine Form der Überwachung?

12.9.
Meistens improvisieren wir, wenn wir uns vor Ort treffen. Es geht darum, sich einzulassen, auch aufeinander. Ich bin überrascht, wie fordernd dieses Gemeinsame ist. Dabei machen wir es uns so gut es geht gemütlich, haben Decken mitgebracht, bringen Tee und Kaffee, Schokolade und Knabberzeug mit. Aber da es keine Toiletten und kein Wasser gibt, halten wir es immer nur ein paar Stunden aus.

Wie gut es da tut, ab und zu den Blick über den Park und in die Ferne schweifen zu lassen. Augenblicklich muss ich daran denken, dass der Blick der Grenzsoldaten im Gegensatz dazu nicht schweifen durfte, sondern einer klaren Kontroll- und Überwachungsfunktion unterlag: Immer den Streifen entlang. Rauf und runter. Ob hier auch Hunde eingesetzt wurden?

13.9.
Fundstücke aus der Broschüre Die Führungsstelle im Schlesischen Busch herausgegeben von der Kunstfabrik am Flutgraben e.V., 2005:
„Die Berliner Mauer hat es so nicht gegeben, vielmehr eine Vielzahl von Zuständen und Entwicklungen, die zu immer neuen Vorstellungen davon führten, was die Mauer war und sie funktionierte.“

Es gab: Sperrzonen, Schutzstreifen, Lichttrasse, Kontrollstreifen (Sand), elektrische Grenzsignalzäune, durchgehende Kolonnenwege, ein engmaschiges Netz von Beobachtungs- und Führungsstellen. Die Wachtürme säumten den Kolonnenweg im Todesstreifen in so engem Abstand, dass bei normaler Wetterlage Sichtbeziehungen zum jeweils nächsten Turm herstellbar waren.

Die Hinterlandmauer war knapp 3 Meter hoch (sind die Eisenpfosten auf der Wiese Überreste davon?). Der Signalzaun war 2-3 Meter hoch und mit Signaldraht bespannt, er sendete optische und akustische Signale. Die Grenzmauer (bis 1975) maß 3,60 bis 4 Meter und war mit einem  Rohr aus Asbestbeton ausgestattet. Insgesamt gab es 320 Beobachtungstürme.

13.8.1961: Mauerbau 
Ende der 1970er/ Anfang der 1980er Jahre entsteht die Führungsstelle im Schlesischen Busch

EK = Entlassungskandidat
NÜ = nächste Überprüfung

Zur Grenzpolizei gehörten Grenztruppen, freiwillige Helfer (?), Wach- und Schutzhunde. Im Schlesischen Busch war das Grenzregiment GR-33 zuständig. In der Führungsstelle liefen die Signale der elektronischen Anlagen, zum Beispiel von Grenzanlagen, aber auch die Fernmeldeleitungen zusammen. Hier fand die Verwaltung und Signalverarbeitung des gesamten Grenzabschnitts statt. Aus diesem Grund hatte der Wachturm mehr Komfort durch Heizung und WC. Der 1. Stock diente als Aufenthaltsraum und enthielt zwei Doppelstockbetten; im 2. Stock befand sich der Arbeitsraum des diensthabenden Kommandanten inkl. elektronischer Schalttafel; auf dem Dach waren Sirene und Suchscheinwerfer positioniert. 

Juni 1990: drei Tage vor Beendigung der Grenzkontrollen, besetzte der Punk und Liedermacher Kalle Winkler den Wachturm und betrieb hier das „Museum der Verbotenen Kunst“ bis 2004. Winkler war 1981 nach seiner Strafhaft in der DDR nach West-Berlin übergesiedelt. 1992 wurde der Wachturm unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2004 wird er vom Verein Flutgraben e. V. betreut.

14.9.
Als wir zu dritt im Arrestzimmer sitzen, ist es am Anfang ganz dunkel. Nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Wir entdecken, dass die drei Luftschächte wie eine Camera Obscura funktionieren und wir das Geschehen draußen verfolgen können, wenn auch auf dem Kopf. Wir sehen die Spaziergänger*innen vorbei laufen, Autos und Busse auf der Straße fahren. Anne gelingt es, das Bild immer schärfer zu machen, indem sie die Lichtquellen reduziert. Mit der Zeit wird das Schwarz-weiß-Bild zu einem Farbbild, man erkennt die gelben Busse, den blauen Himmel und weiße Wolken. Es hat etwas tröstliches, sich vorzustellen, dass die Menschen, die hier festgehalten wurden, wenigstens auf diese Weise mit der Außenwelt verbunden waren, dass es ein „Kino“ gab, dass sie unterhalten hat – wobei im Grenzstreifen damals wohl kaum so viel los war wie jetzt!

15.9.
Ich nutze den Ort zum Beobachten der Umgebung im Bewusstsein, dass auch ich sichtbar bin, wenn ich direkt am Fenster stehe. Ist es ein machtvolles Gucken alleine schon, weil es ein Gucken von oben ist? Das Gefühl verändert sich ein weiteres Mal, als ich auf das Dach steige. Hier schützt mich nur eine Brüstung vor dem Abgrund. Die eigentlich machtvolle Position fühlt sich plötzlich fragil an.

17.9.
Ich erzähle von der Veranstaltung mit Steffen Mau, auf der er sein Buch Lütten Klein – eine ostdeutsche Transformation vorgestellt hat. Es geht darin um den Verlust der spezifischen Materialitäten, Geschichten, Identitäten nach der Wende. Während ich spreche, verändert sich die Wahrnehmung des Ortes: Der Grenzturm als Ort der Bedrohung und Überwachung wird zu einem fragilen, ja, gefährdeten Objekt, weil so viele Spuren der DDR heute verschwunden sind. Hinzu kommt die Dekontextualisierung. Wer kann den Turm heute noch als Grenzturm lesen, erinnert sich an seine Funktion?

18.9.
Ein mit der Wende nutzlos gewordenes Objekt ist das Handbuch für den Grenzdienst, das ich im Wachturm finde. Ich wusste nicht, dass es einen Militärverlag gab (den es wahrscheinlich auch im Westen gegeben hat, nur dass er da anders hieß) und stolpere sowohl über die Inhalte, als auch über die zum Teil ungewohnte Schreibweise. Zum Beispiel haben die Semikolons am Satzende ein Leerzeichen vor sich stehen und ungewohnt ist auch, dass der Redaktionsschluss mit einem konkreten Datum angegeben ist.

Schon die einleitenden Worte sind der Hammer, weil sie einerseits so nahbar wirken in ihrer Ansprache und zugleich doch eine klar hierarchische Linie ziehen:

„Ich bin überzeugt, daß Ihnen das Handbuch bei der Vorbereitung und Leitung der Gefechtsausbildung eine wertvolle Hilfe sein wird und daß Sie mit Unterstützung Ihrer Vorgesetzen seinen Inhalt ideenreich verwirklichen werden.
Dazu wünsche ich Ihnen viel Tatkraft und Erfolg.
Thieme Generalmajor“

Und dann diese vielen Worte, die in meinen West-Ohren fremd klingen:

Feste Infanteriesperren, Abschleppen von Geschädigten, Bordsprechanlage, Schießen im Zielgleitverfahren, Nebelmittel, VEB Brillant, Deckenherstellung, Graphischer Großbetrieb, Kernstrahlkontrolle, Vorgefechtsordnung, Horchposten, Feuerkommandos, Prinzip der Souveränität, Prinzip der Nichteinmischung, Prinzip der friedlichen Koexistenz

Grenzdienst
Grenzstreife
Grenzsicherung
Grenzzwischenfall
Grenzprovokation
Grenzkonflikt
Grenzverletzer
Grenzverletzungen

19.9.
Beim Ankommen merkt man es besonders stark: Es mufft hier drin, wobei der Geruch je höher man kommt von Etage zu Etage luftiger, frischer wird. Ist es unten fast klaustrophobisch eng und dunkel, hält man es eigentlich nur oben gut aus. Wie haben sie es früher hier nur ertragen?

22.9.
Wir machen den Grenzraum zu einem Ort, an dem wir uns Dinge sagen, die wir sonst nicht in dieser Offenheit teilen. Er wird dadurch zu einem Raum der Intimität, wodurch eine weitere Umkehrung (Querung des Ortes) stattfindet, denn früher, so stelle ich es mir vor, bestand an diesem Ort eine Diskrepanz zwischen persönlich und offiziell, herrschte Misstrauen vor, wurde nichts enthüllt, fühlten sich auch die Grenzsoldaten überwacht. Zwar ging es auch ums Sichtbarwerden, aber nicht in einem empathischen, bestärkenden Sinne.
In unseren Gesprächen kommt beides vor: das Berührtwerden und das Unbehagen, denn der Ort und das Thema Überwachung bringen auch uns an unsere Grenzen.

25.9.
Es klopft an der Tür. Ein Mann stellt sich mit dem Namen Eisenhart vor, er ist Fotograf und setzt sich im Rahmen einer Residency mit der Berliner Mauer auseinander. Er fragt, ob er sich den Turm anschauen kann und ich lasse ihn herein. Wir steigen zuerst in den Keller hinab und gucken genau hin: Was für Müll befindet sich im Schacht? Verstecken sich hinter dem Schrank eventuell noch Akten? Wo führen die verschiedenen Leitungen hin?

Beim gemeinsamen Begehen des Turms entdecke ich neue Sprachfundstücke:
Signalerkennungsanlage
Prüf- und Schaltanlage für die Selbstschussanlage der Splittermine SM-70
Plastfolieschweißgerät
Keim (der Name auf dem Farbeimer im Keller)

Auf dem Dach gucken wir hinunter. Eisenhart weist mich auf die beiden Blitzableiter hin, an denen man hinauf klettern könne. Da die Befestigungen zum Teil ausgerissen sind und das Kabel ausgeleiert ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass hier schon Leute hochgeklettert sind. Wir entdecken zwei nebeneinander liegende Gullis unter den Eichenbäumen und spekulieren, dass es sich um einen Bunker handeln könnte, der mit dem Turm verbunden sind. Wir beschließen nach draußen zu gehen und sehen dort, dass sich im Gulli tatsächlich Wasser befindet, es sich also nicht um einen Bunker handelt. Die runde Metallplatte im Boden direkt neben dem Turm ist wahrscheinlich das Klärbecken, das im Schema des Turmes eingezeichnet ist – was Sinn machen würde, weil sich direkt an dieser Seite die Toiletten befunden haben.

Wir setzten uns an den Tisch im „Beobachtungszimmer“ und blättern durch den 700 Seiten schweren Band Aus anderer Sicht von Annett Gröschner und Arwed Messmer, der historische Aufnahmen der Mauer enthält.[2] „1966 hatten Grenztruppen der DDR den innerstädtischen Mauerverlauf über die ganze Länge von 43,7 km (von Treptow bis Pankow und ausschließlich auf Ostberliner Seite) fotografisch erfasst. Dokumentiert werden sollte der schlechte Zustand der aus unterschiedlichsten Materialien bestehenden, im offiziellen Sprachgebrauch der DDR-Grenztruppen als PTA (pioniertechnische Anlage) bezeichneten Grenze zu Westberlin. Die Filme wurden entwickelt – und vergessen – und unterlagen bis zur Wende strengster Geheimhaltung.“ Annett Gröschner und Arwed Messmer entdeckten den Pappkarton voller Negative Anfang der Neunzigerjahre bei Recherchen im Militärischen Zwischenarchiv und machten ein Buch daraus.

Wir staunen über die improvisierten Grenzanlagen auf den Fotos und freuen uns über die unterschiedlichen Typologien der Grenztürme. Ich bemerke, dass es damals noch kaum Bäume gab und viele Grenzstreifen alles andere urban aussehen. Das Buch enthält auch einige Serie von Porträts von Grenzsoldaten und wir fragen uns, ob die Balken über ihren Augen sie zu Verbrechern macht oder sie anonymisiert und dadurch schützt.

Anschließend sprechen wir lange darüber, was man mit dem Grenzstreifen hätte machen könnte. Eisenhart kritisiert die Kommerzialisierung der Mauer, empört sich über die Bebauung mit Investorenarchitektur, wünscht sich einen durchgehenden Radweg entlang der Mauer.
Ich denke ich diesem Zusammenhang noch einmal, dass der ehemalige Mauerstreifen vor allem für die Leute aus dem Westen ein Abenteuerspielplatz war, während er sich für die Ost-Berliner wie kontaminierte Erde angefühlt haben muss. Zum ersten Mal bekomme ich Zweifel, ob die Eroberung der vielen Freiräume der Nachwendezeit, die zum Berlin-Mythos beitrugen, eine geteilte Erfahrung oder nur eine Westerzählung ist.

29.9.
Wieder klopft einer an der Tür und fragt, ob er mal gucken kann. Es ist ein Mann, der den Geo-Cash, der im Lüftungsschacht neben dem Eingang versteckt ist, gesucht hat und dabei neugierig wurde, was es mit dem Ort auf sich hat. Er ist aus West-Berlin und erzählt, er wäre schon einmal, kurz nach der Wende, in einem Grenzturm gewesen. Ich hake nach und frage ihn, wie sich das angefühlt hat. „Das war bei der Jannowitzbrücke, da war ich 17, da sind wir einfach rein. Das war nicht bedrohlich, es war eher wie ein Abenteuer. Ich habe da eine 1000 Watt Lampe aus dem Suchscheinwerfer mitgenommen. Ich weiß gar nicht mehr, wo die jetzt ist, aber wahrscheinlich liegt die irgendwo bei meiner Schwiegermutter in Süddeutschland herum.“ Ich frage ihn, wie es war, in einer geteilten Stadt zu leben. „Auch in West-Berlin gehörte die Mauer zum Alltag. Wenn man mit dem Fahrrad unterwegs war, ist man irgendwann an die Grenze gekommen. Manchmal sind die Grenzsoldaten auch auf der westlichen Seite entlang gelaufen, aber das war eher selten. In meiner Klasse waren damals auch einige Schüler*innen aus der DDR, die waren immer zusammen, das war eine Clique. Die waren lockerer“, sagt er, „die hatten Zusammengehörigkeitsgefühl.“

30.9.
Klicken, um Überwachung zu starten, so heißt es beim Audioprogramm Audacity, als ich die Radiosendung aus dem Grenzturm zusammenschneide.
 
So, 10/29/2023 - 15:06
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