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Stadt Gestalten

Stadt Gestalten

Anna-Lena Wenzel: In deiner Serie „Stadt Gestalten“ führst du Porträts von Street-Artists und Straßenszenen, in denen du sie in Aktion zeigst, zusammen. Es gibt eine Szene, in der die Street-Artists von Polizisten befragt werden, auf anderen Fotos sieht es aus, als wäre ihre Tätigkeit das Normalste von Welt. Wie gefährlich ist Street Art?

 

Jérome Gerull: Die Street-Artists, die ich begleitet habe, sind ausschließlich am kleistern und kleben, sind also keine Graffitikünstler. Je nachdem wie und wo die Paste Ups, Aufkleber, Styrocuts und vieles mehr angebracht werden, sind sie mehr und weniger legal. Die Künstler agieren sehr unterschiedlich. Für die meisten ist das Anbringen der Bilder und Werke tatsächlich recht gewöhnlich, da sie den städtischen Raum als einen öffentlichen betrachten. Die Künstler nehmen sich mit sehr viel Energie ihr 'Recht auf Stadt'. Manchmal vergessen sie allerdings während der Aktionen auf ihre Umgebung zu achten...die Kontrolle von der Polizei auf dem Bild, hatte keine weiteren Folgen für die Gruppe.

 

Auf deinen Porträts verbergen alle Street-Artists ihre Gesichter – sie wollen abgesehen von ihrem Künstlernamen anonym bleiben. Ist das nur eine Schutzmaßnahme oder Konzept?


Bei der Fotostrecke habe ich den Fokus auf die Künstler gelegt, die anonym unterwegs sind. Genau diese Anonymität macht den Reiz beim Betrachten aus: je aufmerksamer man durch die Straßen läuft desto neugieriger wird man wer sich dahinter verbirgt. Es gibt jedoch auch einige Street-Artists, die unverdeckt auftreten, diese sind dann häufig viel kommerzieller ausgerichtet oder treten offen als 'Künstler' auf. In der Serie habe ich das klassische Porträt umgedeutet, man erfährt etwas über die Personen und deren Arbeit, indem man Einblick in die Ateliers bekommt, das Gesicht fehlt jedoch. Im besten Fall bleibt die Spannung weiter bestehen: „Wer steckt dahinter?“

 

Auf deinen Fotos entsteht der Eindruck, dass die meisten Street-Artists kollektiv unterwegs sind. Ist das so oder täuscht der Eindruck?

 

Während der Aktionen in den Straßen sind die Künstler oft in Gruppen unterwegs, durch die gegenseitige Unterstützung und Kooperation gewinnt die Street-Art-Szene sehr viel Energie. Es gibt ein aktives Netzwerk, welches sich untereinander intensiv austauscht und antreibt; in Online-Netzwerken wird sich global ausgetauscht.

 

Du hast – soweit man das beurteilen kann – nur männliche Street-Artists porträtiert. Warum gibt es so wenige Frauen in der Szene?

 

Bei der Umsetzung der Serie konnte ich leider keine Frauen finden, die anonym arbeiteten. Die Szene ist allerdings momentan stark am Wachsen besonders in Hamburg, so dass mittlerweile auch weibliche Street-Artists in Frage kommen würden.

 

War es also ein persönliches Interesse, die Personen dahinter kennenzulernen?

 

Mich hat die Szene besonders aus stadtsoziologischer Sicht interessiert, z.B. welche Haltungen die Street-Artists zu den Aufwertungsprozessen und Luxussanierungen in den Großstädten einnehmen. Je mehr Einblick ich in die Szene bekam, desto interessanter wurde es, den unterschiedlichen Arbeitsweisen und Ansichten nachzugehen.

 

Wie ist der Kontakt zu den Street-Artists entstanden?

 

Ich habe die Künstler direkt angefragt. Durch einen vorhandenen Kontakt konnte ich nach und nach weitere Künstler von dem Konzept überzeugen. '99%' der Künstler, die ich kennengelernt habe, sind sehr eigenwillige, freundliche und einfallsreiche Individuen.         

 

Aber sind sie auch kritisch?

 

Die fotografierten Künstler wollen sich in erster Linie kreativ austoben, zugleich sehen sich die meisten als ein Teil der Bewegung 'Recht auf Stadt' und wollen als ein Gegengewicht zu den Werbeflächen die urbanen Räume mitgestalten. In Stadtteilen wie z.B. der Hafencity in Hamburg wird Street Art massiv entfernt, dadurch werden bevorzugt Orte aufgesucht, wo die Toleranz gegenüber den Kunstwerken größer ist.

An Bespielen wie dem 'Gängeviertel' oder den 'Esso-Häusern' kann man verfolgen, wie beliebte und vielseitig sozial durchmischte Stadtteile nur dann weiter pulsieren, wenn stadtplanerische Prozesse nicht ausschließlich in Händen von Investoren sind, sondern durch die direkte Mitbestimmung der Stadtbewohner beeinflusst werden. Die Street Artists, die ich begleitet habe, tun dies in einer eigenen unkonventionellen Art.

Dazu ein schönes Zitat von Pirho: "Wenn man annimmt, dass die Straßen die Adern der Stadt sind und die Stadt lebt, gibt Street Art dem Schaffenden das Gefühl, ein Teil eines lebendigen Organismus zu sein."

 

Künstlerporträts in der Reihenfolge ihres Erscheinens: HKNS, TONA, SPÄM, LIEB SEIN, Hallo Karlo, PUSH, TONA, ALIAS

 

www.jeromegerull.de

 

Fotos: Jérome Gerull / Interview: Anna-Lena Wenzel
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