Für eine löchernde Sanftheit

Für eine löchernde Sanftheit

Kike España
Dieses Mail1 soll Provokation und Einladung zugleich sein. Es versucht, etwas zu provozieren, auch wenn die Bedingungen dafür nicht einladend scheinen. Der Bruch in Zeit und Raum, den das Ereignis des 15M ausmachte, hat nach und nach an Intensität verloren, bis er schließlich nur noch konsistenzloses Zeichen war, das aufgerufen wird, wenn es nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu erleben, nichts mehr zu erfinden gibt. Nostalgie und Romantisierung einer vergangenen Erfindung, auf dass nichts Neues geschieht. Der Rhythmus der Wahlzyklen ist nicht der Rhythmus des Lebens und seiner unvorhersehbaren Musikalität, er ist auch nicht der Rhythmus der Stadt und ihrer unendlichen Geräusche. Seit einigen Jahren haben wir unseren Rhythmus zu sehr an die Leier der Wahlen und ihrer Resonanzen in den Medien angepasst. Dies soll keine Vorhaltung, keinen Abgesang auf den institutionellen Einschnitt bedeuten, sondern eher eine Anregung, unsere Energien und Zeiten erneut auf die soziale Transformation unserer Lebensweisen und auf die Transformation der Stadt auszurichten – ohne auch nur irgendetwas auszuschließen. Was hindert uns daran, schon jetzt damit anzufangen? Ökonomische Ressourcen, Macht, institutionelle Kontrolle, Räume? Und wenn die wahre Macht schon da wäre, im Zusammenkommen und im Tun, in den Beziehungen, die es aufzubauen und zu vervielfältigen gilt, in den sozialen Praxen, die es zu erfinden und zu instituieren gilt? In den Banden, die in der Begegnung entstehen, in der unterschiedlichen, und doch geteilten Position, die in jedem Augenblick performativ situierte Taktiken hervorruft. Bei den Demonstrationen, Kundgebungen, Plattformen, sozialen Räumen, Versammlungen, Konferenzen und Gesprächen, die uns zusammen- und die Normalität durcheinanderbringen, zählt nicht so sehr das, was verkündet und angeprangert wird, sondern das, was zusammenkommt. Das heißt, die Begegnung selbst. Das, was es ermöglicht, miteinander zu reden, Blicke, Affekte, Probleme, Freuden, Erschöpfung, Überdruss, Phantasien, Unbehagen, Zärtlichkeit, Berührung zu teilen, im Wissen, dass es sich nicht um eine individuelle oder persönliche, sondern um eine politische und singulär geteilte Frage handelt, die verschiedene Körper mit unterschiedlicher Intensität durchquert, dabei jedoch eine strategisch-kollektive Position hervorruft, von der aus die Ordnung der Dinge transversal angefochten werden kann.
Stellen wir uns vor, die ersehnten Institutionen, die eingemahnten Räume und die eingeforderten Rechte wären schon erobert. Diese Position wäre zweifelsohne gut, um von ihr aus die Kämpfe weiterzuführen, aber glauben wir wirklich, dass sie ohne organisierte und lebendige gesellschaftliche Gegenkräfte auch nur für ein paar Tage gehalten werden könnte? Und, was noch wichtiger ist: Wäre unter diesen neoliberalen Bedingungen, in die wir verstrickt sind, nicht etwas viel Tiefgreifenderes, Transformativeres und Transgressiveres notwendig? Wenn das neoliberale Kleid unsere Wunschströme formt, dann wird jede Transformation durch seine Form des kommodifizierenden Zuschnitts begrenzt. Vielleicht ist es notwendig, das Kleid zu zerreißen und aus seinen Fetzen etwas anderes zu flechten, ohne Muster und jenseits dessen, was gerade als modisch gilt, etwas Neues zu weben. Das wäre, so ließe sich behaupten, zwar wünschenswert, aber leider sehr schwer zu verwirklichen bei all der Müdigkeit, dem Übermaß an Prekarität, den zerbrechlichen Banden, den unterschiedlichen und kaum aufeinander abzustimmenden Rhythmen, Reibungen und unversöhnlichen Brüchen. Aber es ist gerade diese Trägheit, die unaufhaltsam in die existenzielle Leere führt, in die Krise der Präsenz, die absolute Entfremdung und die Individualisierung jeder Geste. Das heißt, es bleibt uns nichts anderes übrig, als zusammenzukommen, etwas Neues zu erfinden und mit dieser Trägheit zu brechen. Es ist eine Frage der Subsistenz, der Möglichkeit von anderen Lebensformen.
Die Probleme der Repräsentation sind hinlänglich bekannt und unerträglich, ebenso wie die Naivität bestimmter Formen der horizontalen Organisation, bei denen vieles ausgeblendet und manchmal allzu viel Innenschau betrieben wird. Vielleicht müssen wir lernen, die Horizontalität bewohnbarer zu machen, vielleicht geht es darum, Schwingungen des Wunsches zu entfesseln, die sich horizontal ausbreiten, instituierende Mechanismen, die die Wellen nicht ausklingen lassen und ihre Rhythmen demokratisch regulieren. Es geht nicht darum, zu verführen, auch nicht darum, zu belauschen, zu vereinnahmen, zu repräsentieren, zu vereinigen oder zu kollektivieren, sondern vielmehr darum, Schwingungen zu erzeugen und sie auf eine Weise auszudehnen, die für jeden bewohnbar ist. Räume zu eröffnen und sie mit Leere zu bevölkern; ohne Identität, ohne Eigennamen, ohne Repräsentation, ohne Grenzen, ohne Angst. Strategisch geteilte Positionen zu erobern, um sie beizubehalten, zu bevölkern, bewohnbar zu machen und in Schwingung zu halten. Neue Lebensformen, neue Verhaltungsweisen, neue Arten des Wohnens.
Wenn wir aufhören wollen, auf eine bessere Zukunft zu warten, wenn wir die Wunschströme in die Gegenwart, ins Hier und Jetzt umleiten wollen, müssen wir die Hoffnung aufgeben. Die Hoffnung aufzugeben, bedeutet, viele der bereits existierenden sozialen Praxen voranzutreiben, sie aber auch radikal zu transformieren und neue zu erfinden, von den kleinsten Gesten bis zu den breitesten Bündnissen. Es bedeutet, uns ohne Angst in Schwingung zu versetzen und neue Weisen des Tanzens/ Kämpfens, neue Allianzen zu erproben. Sich nicht unhinterfragt der limitierten marktförmigen Lebensform unterzuordnen, die in Wirklichkeit nicht Leben ist. Nicht der Traurigkeit zu verfallen, die den Mechanismen und Institutionen des Markts eingeschrieben ist. Es bedeutet Ungehorsam gegenüber dieser Lebensform, die nicht Leben ist, Überschreitung ihrer Grenzen, Aufhebung ihres Schubladendenkens, um eine andere Form des Zusammenlebens zu erproben.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Unterdrückung sich aus der Vereinnahmung sozialer Kooperation nährt. Das Vermögen ist bereits da, im Sozialen, in seinen Verfugungen und Verflechtungen, doch der Markt vereinnahmt schnell seine Lebendigkeit, schnürt es ein und homogenisiert seine Komplexität. Aber im Sozialen gibt es auch Praxen, die nicht vereinnahmt werden können, die subsistieren, und selbst solche, die sich, während sie sich gegen die Vereinnahmung wehren, gleichzeitig neu erfinden können. Von der Pariser Kommune 1871 über den Mai 1968, das italienische 1977, die Antiglobalisierungsbewegung, den 15M, den 8M, die Bewegungen gegen den Klimawandel, aber auch auf lokalerer Ebene die selbstverwalteten Sozialzentren, die Mareas2, die Bürger_innenplattformen, die PAH3, die Mieter_innensyndikate, die Rentner_innen- und die Nachbarschaftsvereine – bis hin zu einer molekularen Ebene von kleineren Gruppen in Form von Versammlungen, Studiengruppen, Lesekreisen, etc.: überall gibt es eine mächtige Energie der sozialen Kooperation, auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlicher Intensität, in denen eine situativ geteilte Schwingung wirksam wird. Stellen wir uns vor, die Bedingungen könnten, auch wenn sie noch nicht gegeben sind, eintreten, es wäre, auch wenn es noch so beschissen läuft, alles bereit dafür, es gäbe Möglichkeiten, die Realität, die Lebensweisen und die Stadt radikal zu verändern. Was wäre zu tun? Welche Lebensweisen wären wünschenswert? Welche Räume würden wir schaffen, welche Verhaltungsweisen würden wir entfesseln, wie würden wir uns gegenseitig umsorgen? Vielleicht würden wir vieles von dem Wissen, über das wir bereits auf singuläre Weise verfügen – juristisches, räumliches, kommunikatives, intellektuelles, emotionales, körperliches, erzieherisches, analytisches, ökologisches, medizinisches, technisches, musikalisches, operatives, sorgendes, kulinarisches, physisches, hygienisches Wissen –, miteinander verknüpfen. Oder wir würden das Wissen auf strategische Weise intensivieren, um neue Lebensformen zu erfinden und die Stadt radikal zu transformieren, indem wir uns den konstituierten Mächten ohne Angst vor Ungehorsam entgegenstellen und jene Normalität verraten, die uns das Leben verunmöglicht. Vielleicht definiert sich dieses Wissen neu, vermischt und verwischt sich; vielleicht entsteht neues Wissen. Vielleicht tun sich gemischte genossenschaftliche Formen auf, die in der Lage sind, das Leben lebenswert zu machen und zu zeigen, dass andere Lebensweisen möglich und viel erstrebenswerter sind. Es mag ja vielleicht sinnvoll scheinen, alles vorher zu durchdenken, einen großen Plan zu entwerfen, zu warten, bis die Bedingungen stimmen, bis alles gut läuft, bis wir mehr Informationen haben. Aber in der Zwischenzeit läuft das, was nicht Leben ist, weiter, und es fällt schwer, sich nicht zu fragen: Was, wenn all das Gerede über die richtigen Bedingungen nur eine Fiktion ist? Was, wenn die Bedingungen sich einfach herstellen? Was, wenn es keinen Plan bräuchte? Was, wenn es keine Notwendigkeit gäbe, zu warten und zu hoffen?
Es gibt, glaube ich, in konkreteren Fragestellungen ein geteiltes Begehren voranzukommen, und ich möchte es wagen, einige Überlegungen zu ihrer Situierung am Beispiel von Málaga anzustellen.
1) Die erste Überlegung besteht darin, dass der Vorschlag, das Leben und die Stadt zu transformieren, nichts Neues ist und auch nicht von einem spezifischen Raum wie etwa der Casa Invisible ausgeht. Er wird auf die eine oder andere Weise seit langer Zeit und an verschiedenen Orten gemacht und erprobt. Auf dieser ganzen Reise und in all diesen Erfahrungen gibt es viele grundlegende und unendlich wertvolle Erkenntnisse – ohne die wir nicht da wären, wo wir sind –, aber auch weniger wünschenswerte Gewohnheiten, Fehler, verbesserungswürdige Verfahren und Missstände, die wir nicht loswerden konnten. Es geht um einen umfassenderen Anspruch, nicht einfach um einen Raum, ein Stadtviertel, eine Stadt, eine Plattform, einen Namen oder eine politische Tradition, sondern um eine Form von Sozialität in Bewegung, die versucht, etwas anderes aufzubauen, auch wenn nicht ganz klar ist, wo es beginnt und wo es endet, was für sich genommen sehr interessant ist. Innerhalb dieser unbestimmten Masse sticht dennoch zunächst die Casa Invisible als permanente Kampfansage an eine Stadt hervor, die sich heute mehr denn je der Kommodifizierung verschrieben hat. Am Pol des institutionellen Einschnitts hat sich die munizipalistische Plattform Málaga Ahora bewährt, die bei diesen Wahlen leider keine Vertretung im Stadtparlament erkämpfen  konnte, die aber 2015 bis 2019 eine Gruppe von organisierten Aktivist_innen um sich sammeln und einige zentrale Probleme der Stadt in die öffentliche Debatte einbringen konnte; in der Frage des Wohnens und der Touristifizierung lassen sich vorrangig die PAH, das Sindicato de Inquilinas (Mieter_innen-Syndikat, das erst vor Kurzem gegründet wurde und eine erstaunliche Entwicklung durchlaufen hat) und die Asociación de Vecinos del Centro (als Nachbarschaftsverein mit sehr heterogener Zusammensetzung und hohem Kommunikationsvermögen) nennen. Hervorheben möchte ich auch die vielen neuen Sozialräume, die in den letzten Jahren eröffnet wurden, La Casa Azul, La Cajonera und La Medusa. Schließlich darf die phantastische Kooperationserfahrung der Bewegungsplattform Málaga No Se Vende nicht in Vergessenheit geraten, die ihrerseits mit anderen Städten international verbunden war. Diese translokale Verfasstheit ist wesentlich, um Allianzen mit größerer Konsistenz zu bilden. Stellen wir uns eine Stadt vor, in der wir Löcher schaffen, die ihrerseits mit anderen Löchern in anderen Städten kommunizieren; Löcher, in denen man sich wohlfühlt, behagliche, wohnliche Löcher, immer in Bewegung, mit wechselnden und sich ausdehnenden Konturen, in sehr unterschiedlichen Maßstäben, die immer durchlässiger werden. Womöglich werden wir diese Konstellation von Löchern eines Tages eine Stadt nennen können. Lasst uns mehr Löcher machen, Löcher ohne Besitz und Identität, wohnliche Löcher, winzige Löcher und große Löcher, Löcher, die zum Löchern bewegen.
2) Meine zweite Überlegung besteht darin, dass es derzeit eine zu ausgeprägte Trennung zwischen unseren Arbeitspraxen und unseren politischen Praxen gibt, zwischen dem, was uns ernährt, und dem, was uns Leben gibt. Es ist völlig logisch, dass in einer Zeit gnadenloser Prekarität getan wird, was möglich ist und wie es gerade möglich ist. Aber könnten wir diese Trennung irgendwie verschwimmen lassen? Unsere Arbeitspraxen politischer machen und unsere politischen Praxen nachhaltiger, oder sogar etwas Neues erfinden, das uns politisch aktiv leben lässt? Es hat schon viele Versuche gegeben. Trauen wir uns, darüber hinaus zu gehen? Monströse Kooperativismen, abenteuerliche Vermischungen von Disziplinen, neue Bedürfnisse, neue Weisen, uns mit dem zu versorgen, was wir brauchen. Die Form zu durchbrechen, wie ökonomische Nachhaltigkeit im Neoliberalismus verstanden wird, ohne den naiven Gedanken, es wäre verwerflich, ökonomische Ressourcen für den eigenen Unterhalt zu generieren, und ohne in die Falle zu gehen, Unternehmer_innen unserer selbst zu werden. Das Wissen und die Disziplinen, die wir kennen, sind nicht neutral, sie sind eingebettet in die Machtdispositive, die die Unterdrückung aufrechterhalten, die auf uns lastet. Das Wissen gemeinsam politisieren, die Disziplinen neu erfinden, undiszipliniert sein und neues Wissen im Dienste der Lebensformen generieren, die wir erproben wollen, das ist der Schlüssel dazu, politische Praxen und Arbeitspraxen auf eine profundere Weise zu verschmelzen. Kämpfen nicht nur als punktuelle und heroische Aktion des Parolen-Rufens in einer Demonstration oder des Plakatierens, sondern als Mut, das uns auferlegte Gerüst des Lebens abzubauen und neue Wege zu suchen, unser Leben kämpfend zu unterhalten. Politischer Kampf nicht als isolierter und isolierbarer Bereich, sondern als radikale Revolution unseres Lebens – das ist keine revolutionäre Laune, sondern pure Notwendigkeit. Wer kennt in diesem Leben nicht wenigstens ein bisschen von dem Gefühl, am Ersticken zu sein? Wir spüren mehr oder weniger intensiv, dass etwas nicht stimmt, aber die Wand ist so hoch und so dick, dass wir nicht wissen, wie wir etwas anderes machen können, wie wir es angehen sollen. Vielleicht gibt es auch keinen anderen Weg, oder vielleicht müssen erst die Bedingungen geschaffen werden, um etwas anderes zu tun, beginnend mit den kleinsten Fragen – denn es gibt kein Detail, das zu klein wäre, um damit zu beginnen –, um dann die Intensität zu erhöhen und sich auf mehreren Ebenen in Schwingung zu versetzen.
3) Die dritte Überlegung ist einfach eine Erinnerung, etwas, das allseits bekannt ist, aber leicht in Vergessenheit gerät: Das Vermögen, über das wir verfügen, gehört nicht uns allein, es ist in uns gegenwärtig, kommt aber von weit her, aus der langen Nacht der 500 Jahre, aus jedem kleinen Aufstand oder massenhaften Aufruhr zu jeder Zeit und an jedem Ort: 1520, 1871, 1936, 1968, 1977, 2011. Und vor allem aus jeder Ungerechtigkeit, jeder kleinen oder großen Unterdrückung im Laufe der Jahre und auf dem ganzen Planeten, gestern, heute und morgen; aus der Gewalt, die sich in jeder Ecke der Welt und in jeder Erinnerung der Enteigneten ausbreitet. Durch das patriarchale System, die machistische Gewalt, den Kolonialismus, den Rassismus, die Klassengewalt, den Hass auf die Armen, die Missachtung der Irren, die vergessene Verschiedenheit der Körper, Prekarität, Krankheit. Enteignung birgt Gewalt, aber auch Vermögen, und selbst in der größten Enge subsistiert eine Komplizität, die den Wunsch nach Zusammenschluss auslösen kann. Abgesehen davon spielt sich in jeder_m von uns immer ein mehr oder weniger starker Kampf zwischen Erleiden und Ausübung von Unterdrückung ab. Die Asymmetrien der Unterdrückung sind unausweichlich, und deshalb müssen wir Dispositive der Solidarität und der intersektionalen Selbstbefragung generieren, damit sich das Vermögen der situierten Kooperation wirklich entfalten kann. Dass das Vermögen nicht uns gehört, bedeutet, dass es unermesslich ist und dass seine massenhafte Entfaltung nur davon abhängt, dass wir lernen, gemeinsam in Schwingung zu sein. In der Enteignung steckt zweifellos viel Härte, und deshalb brauchen wir Sanftheit, um mit ihr umzugehen und uns aus ihr herauszuarbeiten.
4) Bei der vierten Überlegung geht es um die Aufgabe, neue Formen des aktivistischen Lebens zu erkunden, eine neue aktivistische Sanftheit – diese ganze Konstellation von Intensitäten und Distanzen, die aktivistische Räume und Bewegungen ausmachen. Ein Bert Brecht zugeschriebener Spruch lautet: „Es gibt Menschen, die kämpfen einen Tag, und sie sind gut. Es gibt andere, die kämpfen ein Jahr und sind besser. Es gibt Menschen, die kämpfen viele Jahre und sind sehr gut. Aber es gibt Menschen, die kämpfen ihr Leben lang: Das sind die Unersetzlichen.“ Dieses heroische Verständnis von Kämpfen ist weder haltbar noch wünschenswert, denn es führt in vielen Fällen zum Ausschluss von Menschen, die das Gefühl haben, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind, dass ihre Kräfte nicht ausreichen. Die Komplexität des Lebens und seine vielfältigen Kanten und Asymmetrien machen es alles andere als einfach, einen wichtigen Teil des eigenen Lebens einer politischen Sache zu verschreiben – oder gar das eigene Leben politisch zu verändern. Aber dennoch ist, wie Marina Garcés erklärt, „die radikalste Bedeutung von Engagement jene, die unsere Leben diesseits und jenseits von Mobilisierung, Organisation und permanenter Aktion miteinander verschränkt. Das Leben zu verändern bedeutet notwendigerweise, seine Grenzen zu verstehen, anzunehmen und kollektiv zu umarmen.“4 Die eigenen Grenzen anzunehmen kann auch implizieren, die Herausforderung anzunehmen, neue Formen zu suchen, die unsere Konturen erweitern. Es geht um die Idee, neue Lebensformen zu erkunden, die aus ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, Komplexität und Zerbrechlichkeit heraus in den Kämpfen unserer Zeit präsent und aktiv – aktivistisch – sind. Deshalb ist es für Menschen, die politische Kämpfe nur nach der Regel von Sieg oder Niederlage im institutionellen Raum bewerten, so schwer zu verstehen, dass der wirkliche Konflikt im Leben liegt, darin, wie wir mit dem Leben umgehen, wie wir für uns Sorge tragen, welche Wünsche wir entfachen können, wie wir uns in Beziehung setzen. Die Stadt (und die Welt) zu verändern heißt, das Leben zu verändern. Den exzessiv aufopferungsvollen Antrieb, den wir uns zu oft abverlangen und der uns immer wieder ausbrennt. „Die Angst auslösende Militanz. Die erschöpfenden Präsenzen. Die Aversion gegen den Rückzug. Den Angstzustand in der Normalität.“5 Damit will ich keinesfalls sagen, dass es keinen Bedarf an Engagement, Hingabe und Einsatz gibt, manchmal auch bis zum Letzten, sondern dass dies aus dem Wunsch heraus und mit dem Horizont geschieht, eine andere Normalität – eine andere Alltäglichkeit – aufzubauen, die diesen anderen Lebensformen Dauer zu verleihen vermag, anstatt sie als bloße Ausnahme erscheinen zu lassen oder als Hereinbrechen einer zeitweiligen Anomalie, die uns aus der Bredouille hilft, um sogleich wieder zu verschwinden. Verkörperte, gefühlte und sinnlich engagierte Prozesse, die in der Lage sind, Ökologien der Sorge zu schaffen. Sorge zu tragen für Ungehorsam und ungefügige Lebensformen hat damit zu tun, sie zu instituieren, sie dauerhaft zu machen und zu vervielfältigen. Löcher nicht nur in der Stadt, sondern auch in unseren Subjektivitäten zu öffnen, bewohnbare Löcher, sanfte Löcher, eine neue, löchernde Sanftheit. Um Distanzen zu verringern, die Befremdungen bewohnbarer zu machen, im Unbehagen Sanftheit zu erzeugen.
5) Noch eine letzte Überlegung: ich glaube nicht, dass theoretische Reflexion mehr oder weniger wichtig ist, als das Klo zu putzen, den Sound zu machen oder eine Schicht zu übernehmen, aber ich denke, dass sie ebenso notwendig ist. Wenn wir nicht gemeinsam denken, wird für uns gedacht werden. Es gilt, das zu denken, was wir tun und was wir tun könnten, nicht abseits der Praxen, sondern von den Praxen aus und um neue Praxen anzustoßen. Theorie und Praxis sind weder unvereinbar noch unversöhnlich. Ob wir es wollen oder nicht, sind sie unauflöslich verwoben mit allem, was wir tun und sagen. Die Frage ist, ob wir wollen, dass unsere Praxen auf einem gemeinsam erarbeiteten Denken beruhen, oder darauf, was in den verschiedenen Machtdispositiven für uns gedacht wird. Und das gemeinsame Denken muss nicht unbedingt entlang eines Texts oder durch Worte geschehen, das sind nur zwei mögliche Materialisierungen, und wir werden unsere eigenen finden müssen. Vielleicht alles auf einmal: Texte, Aktionen, Tänze, Lachen, Streit, Spiele, Protest, also alles wie immer, aber es immerfort wagend, die Spannungen zwischen dem Formellen und dem Informellen, dem Geplanten und dem Spontanen sanfter zu machen; zu tanzen, während wir protestieren, zu streiten, während wir lachen, zu spielen, während wir schreiben.


1 Bei diesem Text handelt es sich um eine E-Mail, die der Autor am 30. Mai 2019, vier Tage nach den Kommunalwahlen in Spanien, an die Mailingliste der Casa Invisible, des selbstverwalteten sozialen Zentrums in Málaga, sandte. Bei diesen Wahlen waren viele Sitze der munizipalistischen Wahlplattformen, die sich im Gefolge der 15M-Bewegung und der Platzbesetzungen von 2011 gegründet hatten, verloren gegangen. Die Übersetzung der Mail beruht auf der Erstübersetzung von Birgit Mennel.
2 Unter dem Begriff der mareas (Gezeiten) formierten sich seit 2013 Gruppierungen, die – unterschieden durch verschiedene Farben als marea verde, blanca, negra, roja usw. – in verschiedensten Bereichen von Bildung über Recht und Gesundheit bis hin zu Arbeit konkreten Konzepte, Forderungen, Beratungen und Aktionen entwickelten. Vgl. die unter https://15mpedia.org/wiki/Mareas aufgelisteten Farben und Arbeitsbereiche.
3 Plattform der von Hypotheken Betroffenen, vgl. http://afectadosporlahipoteca.com/.
4 Marina Garcés, Ciudad Princesa, Barcelona: Galaxia Gutenberg 2018, 87f.
5 Ebd., 88.

Der Text ist das Vorwort des Buches "Die sanfte Stadt" erschienen bei transversal texts im Oktober 2021 (übersetzt von Gerald Raunig).
Das Foto zeigt einen Moment vor der Demonstration zur Verteidigung von La Casa Invisible in Málaga im Juli 2018, in dem sich die Atmosphäre auf der Straße anarchistisch und solidarisch auflädt.

Am 1. Juni 2022 findet um 19:30 bei pro qm in der Almstadtstraße 48-50 in Berlin eine Buchpräsentation und Diskussion statt. https://www.pro-qm.de/activist-urbanism-solidary-city
Di, 05/17/2022 - 12:42
Kurzbeiträge

Einwürfe

Gemeinbleiben Ein Brief aus Neapel für das Recht auf Wohnen und eine Urbanität unter weiblichen Vorzeichen.
Für eine löchernde Sanftheit Auf Grundlage der Proteste im spanischen Málaga wird die soziale Transformation von Städten von Kiki Espagna neu gedacht.

Fundsachen

found footage-sculptures Patrick Borchers unterwegs in Neapels Straßen
Dickpic-Galerie Die Journalistin Anne Waak postet a
Mitte Juni (New Orleans) Gibt es den Mississippi River wirklich w

Straßenszenen

Benchmarks A conversation between Bernd Trasberger with Rob Hamelijnck from Fucking Good Art (Rotterdam) on the occasion of Trasbergers exhibition for BETON at Eduard-Müller-Platz in Neukölln, September 2022.   
Fragen des Ortes Laura Strack entwickelt in Bochum Wort-Poesien.
Aus der Zeit gefallene Orte VI: Glasgow Glasgow in den 1980er Jahren.

So klingt

die Europacity Eine Soundcollage von Gilles Aubry dokumentiert das Projekt Am Rand von EuroapCity.
die Getreideverkehrsanlage She is my heart, and everything it embra
eine Gutenachtgeschichte mit den Münchner Stadtsurfer*innen Nach dem Motto: Gemeinsam durch die Eins

So lebt

der Vogel in der Stadt Vögeln-Nistkästen-Modelle für eine bessere Kohabitation
man mit Verlusten Jelka Plate schreibt über Raumverluste
es sich in der Großwohnsiedlung Wenke Seemann entwickelt im Dalog mit den Fotografien ihres Vaters Collagen zu Rostock.