Vom Marktplatz zum 08/15 Einkaufszentrum

Schwerpunkt: Märkte

Vom Marktplatz zum 08/15 Einkaufszentrum

Das Berlin Carré
Anna-Lena Wenzel

Man hat sich mittlerweile so an ihren Anblick gewöhnt, dass jede Abweichung vom Standard Irritationen hervorruft: Einkaufszentren sehen überall gleich aus, enthalten weitestgehend dieselben Läden. Anders im Berlin Carré an der Karl-Liebknecht-Straße direkt beim Alexanderplatz. Hier handelt es sich um einen Marktplatz mit Geschichte: 1886 als die erste städtisch finanzierte Markthalle eröffnet, wurde sie aufgrund ihrer Größe und zentralen Lage auch liebevoll ´Bauch von Berlin` genannt. Im 2. Weltkrieg stark beschädigt, erfolgte 1969 der Abriss des Gebäudes. Es wurde aber in einer Rekordzeit von nur zehn Monaten neu errichtet. Ab 1993 folgten weitere umfangreiche Modernisierungen; es entstanden „einladende lichtdurchflutete, ganz individuelle Läden und Lädchen“[1] und die Markthalle bekam einen neuen Namen: Berlin Carré.

Dieses zeichnete sich durch eine kleinteilige Marktflächenstruktur aus. Viele Läden waren mit Ostalgieshops, Kulturveranstaltern oder Ateliers gefüllt, die Eckkneipe war Stammplatz für die sich direkt in der Nachbarschaft befindlichen Plattenbauten. Der Supermarkt diente tatsächlich der Nahversorgung und die Gastronomie bot für Mitteverhältnisse günstige Gerichte an. Tropfende Decken, eigenwillige Dekoobjekte und Wandarchitekturen sorgten für einen ganz individuellen Charme.

Wird an anderen Orten genau diese diverse Mischung aus Lebensmittelgrundversorgung, ortsspezifischen Kulturangeboten und abwechslungsreicher Gastronomie mühsam angestrebt, ist sie hier ihrem Ende geweiht – die zentrale Lage ist einfach zu repräsentativ. Sie rentiere sich nicht und die kleinteilige Marktstruktur entspräche nicht den heutigen Ansprüchen der großen Warenketten, heißt es. Peu à peu verlassen die (Zwischen-)Nutzer ihre Räumlichkeiten, wobei der geplante Umbau immer wieder verschoben wird. Der Plan ist das Gebäude zu entkernen und komplett umzubauen. Durch das Einziehen einer Zwischendecke soll sich die Verkaufsfläche von jetzt 7500 auf 10.000 Quadratmeter vergrößern. Kleine Läden oder Stände wird es dann nicht mehr geben, sondern nur noch großflächigen Einzelhandel. Dann wird das Einkaufszentrumeinerlei auch im Berlin Carré Einzug finden. Und der wechselvollen Geschichte der Markthalle ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden.

Kurzbeiträge

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99% Urban in der Vierten Welt NEUER TERMIN: Am Mittwoch, den 21.
Gemeinbleiben Ein Brief aus Neapel für das Recht auf Wohnen und eine Urbanität unter weiblichen Vorzeichen.
Für eine löchernde Sanftheit Auf Grundlage der Proteste im spanischen Málaga wird die soziale Transformation von Städten von Kiki Espagna neu gedacht.

Fundsachen

found footage-sculptures Patrick Borchers unterwegs in Neapels Straßen
Dickpic-Galerie Die Journalistin Anne Waak postet a
Mitte Juni (New Orleans) Gibt es den Mississippi River wirklich w

Straßenszenen

Benchmarks A conversation between Bernd Trasberger with Rob Hamelijnck from Fucking Good Art (Rotterdam) on the occasion of Trasbergers exhibition for BETON at Eduard-Müller-Platz in Neukölln, September 2022.   
Fragen des Ortes Laura Strack entwickelt in Bochum Wort-Poesien.
Aus der Zeit gefallene Orte VI: Glasgow Glasgow in den 1980er Jahren.

So klingt

die welcome city Ein Sarotti-Rap von Paula Hildebrandt
die Europacity Eine Soundcollage von Gilles Aubry dokumentiert das Projekt Am Rand von EuroapCity.
die Getreideverkehrsanlage She is my heart, and everything it embra

So lebt

der Vogel in der Stadt Vögeln-Nistkästen-Modelle für eine bessere Kohabitation
man mit Verlusten Jelka Plate schreibt über Raumverluste
es sich in der Großwohnsiedlung Wenke Seemann entwickelt im Dalog mit den Fotografien ihres Vaters Collagen zu Rostock.