Ist das Kunst oder Vogelschutz?

Ist das Kunst oder Vogelschutz?

Birgit Hölmer im Gespräch mit Elke Falat über ihre Serie "CUTS"
Elke Falat: Ich möchte mit dir über eine deiner Werkserien sprechen, die CUTS. Kannst du kurz beschreiben, was die CUTS sind?

Birgit Hölmer: CUTS sind Interventionen an Schaufenstern leerstehender Ladenlokale. Sie bestehen aus Klebestreifen, die abstrakte Formen bilden. Durch die Anbringung auf Glas scheinen die CUTS je nach Lichteinfall wie im Raum zu schweben. Diese Interventionen habe ich seit 2015 meist unangemeldet durchgeführt. Seitdem sind Hunderte von CUTS in Berlin, anderen deutschen Städten und während Stipendienaufenthalten im europäischen Ausland entstanden. Die CUTS verbleiben nur für einen begrenzten Zeitraum bis sie von den Eigentümer*innen entfernt oder im Laufe der Zeit beschädigt werden oder sich von alleine auflösen.

Welches Material verwendest du für die CUTS und was hat dich dazu inspiriert?

Die Klebestreifen habe ich durch Zufall in einer Druckerei gefunden. Sie fallen als Abfallprodukt beim Stickerdruck an. Ich habe sehr viele unterschiedliche Streifen, die in der Länge, in der Breite und der Farbigkeit variieren. Das hängt ganz vom jeweiligen Motiv des Aufklebers ab, das gedruckt wurde. Den Anstoß für dieses Material lieferte eigentlich meine Tochter. Sie hat Aufkleber gesammelt und mir die Ränder geschenkt, weil ich sie so schön fand. Die Umriss- und Negativformen bilden eine Silhouette von dem, was einmal war. Es ist ein Teil, der nicht mehr vorhanden ist, nur noch ein Rand, der mit der Auflösung spielt. Die CUTS am Schaufenster können auch am nächsten Tag verschwunden sein. Das ist für mich Teil des Prozesses.

In der Vergangenheit lag dein Schwerpunkt auf Zeichnung. Die CUTS sind immer noch linear, zweidimensional, aber gleichzeitig auch installativ. Wie hat sich bei dir der Schritt in den Raum vollzogen?

2015 hatte ich die Idee, mit Zeichnung in den Raum zu gehen, ohne genau zu wissen wie. Ich wollte keine realen Fäden spannen, sondern mir in der Fläche treu bleiben. Zu der Zeit ist mir ein Schaufenster in meiner Nachbarschaft aufgefallen und ich dachte: Das ist eigentlich das, was ich möchte: Formen kleben, die durch intuitives Arbeiten mit dem Raum entstehen. Innen und Außenraum bündeln sich auf der Scheibe und so sehen die CUTS aus, als ob sie im Raum schweben.

Die CUTS wirken so konzeptuell. Wie muss ich mir den künstlerischen Prozess dabei vorstellen? Wie gehst du vor?

Meine Arbeit entsteht im Moment und bezieht sich mit Farbe und Größe intuitiv direkt auf den Raum. Ich entwickle vorher keine festen Konzepte und gehe auch nicht konzeptuell mit dem Raum um. Ich mache keine Skizzen und setze diese dann um, sondern beginne einfach - es entwickelt sich im Prozess. Formen entstehen spontan, während ich arbeite. Oft gehe ich aber vor und zurück, um den Cut mit Abstand sehen zu können und korrigiere dann. Da können schon mal 10.000 Schritte zusammenkommen

Für deine Zeichnungen hast du ja schon in der Vergangenheit das Atelier verlassen, um beispielsweise im Wald zu arbeiten. Mit den CUTS hast du dich in den öffentlichen Raum begeben, wo noch mal andere Regeln und Gesetze gelten. Wie war das für dich?

Der öffentliche Raum interessiert mich, weil die Interventionen dann nicht nur im Kunstkontext stattfinden, sondern Teil des Alltags werden. Wenn man mehrere Tage an einem Ort arbeitet, sieht man jeden Tag zur gleichen Zeit mitunter die gleichen Leute vorbeigehen. Man wird angesprochen und in Gespräche verwickelt, was ich toll finde. Die Leute erzählen mir etwas, zum Beispiel über den Laden, der früher dort war.  Ich unterbreche meine Arbeit und klebe dann ganz anders weiter. Das mag ich einfach, flexibel auf Situationen zu reagieren. Und dann sind mir die vielen leerstehenden Läden aufgefallen. Am Anfang war ich sehr vorsichtig und habe gefragt, ob ich die Schaufenster benutzen darf.  Dabei habe ich gemerkt, dass es sehr schwierig ist, eine Genehmigung zu bekommen. Manchmal wurde Geld verlangt für die Nutzung eines Schaufensters. Schließlich habe ich einfach ohne Erlaubnis angefangen. Ich wurde oft erwischt, aber meistens konnte ich mit der Hausverwaltung einen Kompromiss aushandeln, zum Beispiel dass ich die Arbeiten nach acht Wochen wieder abnehme. Die Arbeiten sind leicht zu entfernen und hinterlassen keine Spuren oder Schäden. Mit den CUTS möchte ich indirekt auf die Gentrifizierung aufmerksam machen, aber in erster Linie nehme ich mir einfach den leeren Raum.

Die zufälligen Begegnungen, Interaktionen mit Passant*innen fließen in deine Arbeit mit ein. Erinnerst du dich an besonders positive oder negative Reaktionen solcher Begegnungen?

Als ich im Wedding CUTS geklebt habe, sprach mich jemand an und meinte: „Komm doch vorbei, wir haben einen Projektraum in der Nähe, annother vacant space. Kleb doch etwas bei uns. Nächste Woche sind wir allerdings nicht da, mein Freund und ich fahren nach Venedig zur Biennale, wo er ausstellt.“ Ich beschloss, in der Woche, in der sie weg sein würden, dort zu arbeiten, um nicht zu stören. Zu meiner Überraschung war er doch da. Er erklärte: „Mein Freund ist krank geworden und wir konnten nicht fahren. Komm doch kurz rein.“ So habe ich auch seinen Freund kennengelernt, den Künstler David Medalla, ein beeindruckender und charismatischer Mensch, der meine CUTS großartig fand. Er zeigte mir seine Skizzenbücher. Das war für mich ein sehr positives Erlebnis. Eine andere, lustige Geschichte habe ich in Düsseldorf erlebt. Ich klebte etwas am Hotel am Ufer, als eine Frau vorbeikam und meinte: „Das sind interessante Arbeiten." Es stellte sich heraus, dass sie die Großnichte von Malewitsch ist! Natürlich gab es auch negative Erlebnisse. Einmal klebte ich in der Torstraße, als plötzlich eine Polizistin vorbeikam und fragte: „Was machen Sie da? Sind Sie die Eigentümerin?“ „Nein, aber es ist leicht zu entfernen,“ antwortete ich. „Bleiben Sie stehen, hören Sie sofort auf und setzen Sie sich auf den Boden,“ befahl sie. Es war kalt, also sagte ich: „Nein, das mache ich nicht, ich werde krank." Daraufhin rief sie einen Streifenwagen und zwei weitere Polizisten kamen dazu. Einer fragte: „Was machen Sie hier? Ist in dem Beutel Abfall oder Material? „Abfall.“ antwortete ich wahrheitsgemäß, Abfall ist ja mein Material. Ein anderer Polizist erkannte mein Auto und sagte: „Ich habe Ihr Auto in Prenzlauer Berg gesehen, ich bin ein Fan von Ihnen.“ Das war lustig, aber sie mussten es aufnehmen und ein Formular wurde ausgefüllt. Es gab keine Anzeige, und ich habe danach nie wieder etwas davon gehört.      

Neben den CUTS, die du im Selbstauftrag im öffentlichen Raum installierst, wirst du auch von Kunstinstitutionen wie dem Osthaus Museum Hagen oder der Kai 10 I Arthena Foundation in Düsseldorf eingeladen und beauftragt. Gibt es einen Unterschied zwischen Auftragsarbeiten und Projekten, die du selbst initiierst?

Der Unterschied besteht darin, dass ich früher Orte gesucht habe, die mich gereizt haben, und dann begonnen habe, zu arbeiten, im Kontext von Gesprächen mit den Menschen, die mich umgeben. Manchmal, wenn ich im Atelier sitze und nicht weiterkomme, verspüre ich den Drang rauszugehen unter Leute und etwas zu schaffen. Das ist dann für mich eine Art Befreiungsschlag. Da bin ich autark. Im musealen Rahmen hingegen muss ich mich mit dem Raum auseinandersetzen, der mir gegeben wird. Das ist ein großer Unterschied, aber auch reizvoll. Manchmal muss ich von innen arbeiten wie im Osthaus Museum, da muss ich mich mit den Lichtverhältnissen auseinandersetzen. Eine besondere Herausforderung sind auch Gebäude wie das Bikini Berlin. Dort habe ich für das Haus am Waldsee im dritten Stock gearbeitet, aber die CUTS sollten von der Straße aus sichtbar sein. Mit einer großen Bodenarbeit habe ich im Kai 10 mit Form, Farbe und Struktur auf die Arbeiten der Gruppenausstellung reagiert. Das war eine Intervention im Ausstellungsraum. Was sonst im Stadtraum durch Gespräche mit Passanten, durch Raum und Umgebung einfließt, wird hier adaptiert. Auf dem Boden haben sich durch die Draufsicht und den Standpunktwechsel ganz unterschiedlich räumliche Wirkungen der CUTS ergeben. Das hätte ich ohne Auftrag nicht selbst entdeckt.

Bei den CUTS vermittelt sich auf dem ersten Blick auch die Assoziation einer zersprungenen Scheibe. Erst beim Näherkommen erkennt man die filigrane Struktur der aufgeklebten Streifen. Das heißt, die CUTS spielen immer auch mit Spiegelungen und Erwartungen und dem Raum hinter der Scheibe?

Du meinst, dass die CUTS eigentlich nicht an der Glasscheibe aufhören, sondern dass die Arbeit sich ausdehnt in alle Richtungen? Genau so ist es gedacht, ich finde das eine schöne Vorstellung. Die Fotos zeigen deutlich, dass sich einerseits der Vordergrund auf der Scheibe widerspiegelt und andererseits, dass man den Innenraum sieht, wenn man genau hinschaut. Es hängt stark von der Perspektive ab, wie sich das Bild verändert, auch je nach Lichteinfall.

Die CUTS auf den Schaufensterscheiben sind nicht von dir signiert und auch manchmal illegal, was deine Praxis in die Nähe der Street Art rückt. Gibt es da Berührungspunkte?

Ich habe 2023 eine Scheibe in den S-Bahn-Bögen am Alexa geklebt und bin dabei mit jemandem vom Graffiti-Kollektiv One United Power (1UP) ins Gespräch gekommen, der die Videos dreht. Er hat erzählt, wie sie ihre weltweiten Aktionen planen, das war interessant. 1UP ist ein Erkennungszeichen, das jeder kennt, eine Markierung, die zeigt, dass sie da waren. Ein anderes Mal bin ich einem Künstler vom Kollektiv Tape That in die Arme gelaufen, die das Tape Art Festival organisieren. Ich kannte ihn von einem Video und habe ihn angesprochen. Er kannte auch meine Arbeiten und hat mich als Künstlerin zum nächsten Festival eingeladen.

Du arbeitest einerseits anonym und autark im öffentlichen Raum und andererseits im institutionellen Kontext. Ist das für dich ein Widerspruch?

Am Anfang fand ich es interessant, im Stadtraum keine Signatur zu hinterlassen, sondern anonym zu bleiben. Dadurch konnte man die Werke nicht sofort einordnen. Viele Leute wussten nicht, was es eigentlich ist. Ist es ein Auftrag eines Ladens, Kunst oder vielleicht Vogelschutz? Das fand ich reizvoll. Es war irgendwo dazwischen und nicht eindeutig zuzuordnen. Mit der Zeit hat es sich herumgesprochen und viele Leute kennen die Arbeiten, wissen aber nicht, dass ich sie mache. Das finde ich interessant, weil ich als Person in den Hintergrund trete und die Arbeit im Vordergrund steht. Im Kunstkontext hat sich mein Name jedoch verbreitet und ich bekomme Einladungen, oft verbunden mit Arbeiten im öffentlichen Raum. Dabei wissen die Leute nicht genau, was passiert, wenn sie mich einladen, wie zum Beispiel in Wolfsburg. Da gab es den Auftrag am Kulturhaus Alvar Aalto zu arbeiten. Ich habe dann Bezug auf eine Form aus dem Plenarsaal, im Inneren des Gebäudes genommen, Es gibt Auftragsarbeiten, die Geld einbringen, und es gibt die freien Arbeiten. Ich empfinde das nicht als Widerspruch, denn es ist gut, alle Möglichkeiten, die in einer Arbeit stecken, auszuloten.

Mich würde noch interessieren, wo Du Kontinuitäten zu deinen anderen Arbeiten siehst. Gibt es bestimmte Themen, die sich durchziehen?

Ja, ich liebe Hybride. Das bedeutet, dass ich nicht nur in der Malerei oder Zeichnung bleibe, sondern oft Mischformen (er)finde. Experimente mit Material, wie mit Seife oder Silikon oder im Fall der CUTS mit den Klebestreifen, ziehen sich ebenfalls durch. Bei vielen Arbeiten sind auch Vorder- und Rückseite relevant. Bei den Silikonarbeiten wird ein pastoses Farbegemisch durch eine Gaze gesiebt. Ausgestellt wird entweder die Rückseite mit den reliefartigen Strukturen oder beide Seiten bei der Paravent-Installation im Raum. Das ist auch bei der permanenten Wasser-Licht-Projektion in Bergkamen wichtig. Vom Innenraum wird auf eine Seite projiziert, aber von der anderen Seite ist die Lichtprojektion nur zu sehen. Das Gleiche gilt für die CUTS. Hier sind Innen- und Außenraum wichtig, denn beide spielen eine Rolle und manchmal sind die Räume auch begehbar, wie in Museen oder in der legendären Bar Babette. Da sah man tagsüber im Gegenlicht oder abends von innen alles nur schwarz-weiß. Auch bei den Prägungen drückt sich die Kugelschreiberzeichnung plastisch von hinten nach vorne durch das Steinpapier. Die Rückseite wird sichtbar. Diese Geschichte der zwei Seiten und des Hybriden zieht sich durch. Außerdem arbeite ich gerne im Freien, sowohl für die Zeichnungen im Wald als auch für die urbane Version der CUTS im Stadtraum.

Wie geht es dir, wenn dir die Cuts im Straßenbild begegnen? Was bleibt?

Manchmal verschwinden die CUTS schon nach einem Tag. Normalerweise halte ich sie fotografisch fest. Einmal habe ich eine merkwürdige Situation erlebt. Ich hatte eine Fensterscheibe in der Brunnenstraße beklebt und plötzlich kam ein junger Unternehmer mit zurückgegelten Haaren auf mich zu und fragte mich, was ich mir dabei gedacht hätte, sein Fenster zu beschmieren. Ich antwortete nur: „Das ist ein Geschenk!“ Er war natürlich verärgert und verlangte, dass ich alles entferne. Also löste ich das meiste ab, ließ aber eine kleine Form stehen. Ein halbes Jahr später ging ich wieder hin und bemerkte, dass der Laden jetzt ein Friseursalon war und der Teil meiner CUTS, den ich stehen gelassen hatte, immer noch da war.

Die Kuratorin Elke Falat und die Künstlerin Birgit Hölmer haben schon mehrfach zusammengearbeitet: 2021 wurde Hölmer im Rahmen von Offen für Kultur von Falat in die Hansabibliothek in Berlin eingeladen, 2022 nahm Hölmer beim Projekt Kunst in der Porschestraße in Wolfsburg teil, das Falat kurartierte. Das Gespräch entstand für die Publikation CUT TEMPORARY von Birgit Hölmer. Sie ist 2025 beim Vexer Verlag erschienen.

Fotos: Birgit Hölmer
Fr, 01/09/2026 - 08:04
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Fundsachen

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Malheur Couleur Die Farbe Weiß weckt zuallererst Assozia
Sechser Inflationär verbreitet: gepinselte Sechsen auf temporärem Stadtmobiliar. 

Straßenszenen

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die Platte Zwei Songtexte von WK13 und Joe Rilla bringen die Ost-Plattenbauten zum Klingen
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Sorge „Sorge“: meine Platte, meine Heimat,
(e) es sich in der Schule der Arbeit Ute Richter deckt mit ihrer künstlerischen Forschung ein vergesenes Kapitel der emanzipatorischen Erwachsenenbildung in Leipzig auf.
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