Sie spritzt, er spritzt

Sie spritzt, er spritzt

Fotos: Alexandra Berlinger
"Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ ist eine Arbeit des Wiener Künstlerduos Alexandra Berlinger und Martin Wagner, die die beiden auf Einladung des Impulse Theater Festivals in Köln entwickelt haben. Sie besteht aus einer Adaption des „Reissdorf- Männchens“ und einer Holzbox, die zweimal täglich von den Künstler*innen verschoben wurde. Teilweise beteiligten sich auch Passant*innen spontan an der Verschiebung. Außerdem standen die Künstler*innen zu diesen Zeiten zu einem direkten Austausch über das Projekt zur Verfügung. Beide Teile der Arbeit, die im Rahmen des diesjährigen Stadtprojekts Angstraum Köln entstanden sind, waren vom 14. bis 23. Juni 2019 auf dem Neumarkt zu sehen. Nachdem es einige Tage nach der Eröffnung ein kontroverses mediales Echo auf die Arbeit gab, hat das Festival eine Stellungsnahme veröffentlicht, die hier in leicht abgewandelter und gekürzter Version veröffentlicht wird.

"Mit „Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ möchten Alexandra Berlinger und Martin Wagner Drogenabhängigkeit mitnichten verharmlosen. Vielmehr möchten sie auf die Verdrängung und Unsichtbarmachung des Problems hinweisen: „Wir wollen hier nicht die Gefahren beider Suchtmittel vergleichen, sondern auf die Stigmatisierung und Verdrängungsprozesse hinweisen, denen Drogenabhängige ausgesetzt sind“, sagt Martin Wagner. Denn im vergangenen Jahr wurde die Polizeipräsenz am Neumarkt massiv erhöht und viele der Verstecke, die für den Konsum genutzt worden waren, wurden unzugänglich gemacht — so z.B. am Josef-Haubrich-Hof, wo verschlossene Holzboxen über Treppenabgängen aufgestellt wurden. Für Martin Wagner „eine reine Kosmetik-Aktion“. Die Holzbox auf dem Neumarkt ist eine vom Künstlerduo selbst gebaute Kopie dieser Boxen. Alexandra Berlinger und Martin Wagner nennen die Boxen „Konsumfreiräume“. Mit dem Begriff verweisen sie darauf, dass der öffentliche Raum vom unerwünschten Konsum befreit wird, gleichzeitig aber auch nicht für den erwünschten Konsum zur Verfügung steht, der sich rund um den Neumarkt in der Shoppingzone abspielt. Mit der Verschiebung über den Platz möchte das Künstlerduo auf die Verdrängung der Drogenabhängigen von ihren ursprünglichen Konsumorten aufmerksam machen. Eine Dezentralisierung der Angebote für Suchtkranke, wie sie die Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt fordert, verschiebt das Problem aus Sicht des Künstlerduos nur, anstatt es zu lösen. Das konkrete Hilfsangebot eines Konsumraums vor Ort am Neumarkt hatte die Initiative abgelehnt. In einer Stellungnahme unter dem Titel „Ist das Kunst oder kann das weg?“ unterstreicht sie stattdessen mit der Forderung nach dezentralen Hilfsangeboten ihre Agenda einer Verdrängungspolitik auf Kosten der Schwächsten.

Mit der Adaption des „Reissdorf-Männchens“, das seit 1968 am Rudolfplatz installiert ist, verweist das Künstlerduo auf eine der stärksten Mächte im öffentlichen Raum: die Wirtschaft, deren Interessen in Marketing, Eventkultur und Reklame sichtbar werden und die Wahrnehmung der Innenstädte dominieren. Durch Maßstab und Bildsprache der adaptierten Leuchtreklame erlangen kritische Stimmen Gleichstellung im Wettstreit um die Bilddominanz: Alexandra Berlinger und Martin Wagner möchten damit auf einen weiteren Aspekt der Verdrängung hinweisen. In den sechziger Jahren galt Bier noch als Männergetränk — der Slogan „Er trinkt, sie trinkt“ zielt auf die weibliche Konsumentin als neue Zielgruppe, und damit die weitere Etablierung der Droge Alkohol. Das Suchtpotential des Alkohols und die gefährlichen Folgen des Alkoholkonsums hingegen werden in der Gesellschaft bis heute weitgehend verdrängt. So prägt der Konsum von Kölsch seit Jahrzehnten die Identität einer ganzen Stadtgesellschaft. Berlinger/Wagner möchten mit der Adaption der denkmalgeschützten Reklame die Frage aufwerfen, warum und wie zwischen legalem und illegalem Konsum unterschieden und wie dieser jeweils bewertet wird. „Sowohl bei Bier als auch bei härteren Drogen geht es um Konsum. Beim einen betrachtet die Gesellschaft den Konsum als legitim, beim anderen nicht.“ „Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ wendet sich gegen die Stigmatisierung und Unsichtbarkeit der Konsumenten illegaler Drogen: „Dadurch, dass wir diese Konstruktionen auf einem zentralen Platz zeigen, wollen wir auch die Schutzbedürftigkeit der Suchtkranken sichtbar machen“, sagt Alexandra Berlinger.

Unterstützung findet diese Perspektive bei Gesundheits- und Sozialdezernent Prof. Dr. Harald Rau, der zum Kölner Express sagte: „Ich freue mich, dass auch Kulturschaffende das problematische Thema ‚öffentlicher Drogenkonsum‘ aufgreifen und es so einmal aus ganz anderer Perspektive in der Stadtgesellschaft sichtbar wird. […] Ich bin dafür, hinzuschauen und für die suchtkranken Menschen wie auch für die vom öffentlichen Drogenkonsum beeinträchtigten Anwohnerinnen und Anwohner sowie Geschäftsinhaber durch konkrete Maßnahmen Hilfestellungen anzubieten und die Situation zu verbessern. Diesen Ansatz verfolgt die Stadt Köln mit dem niedrigschwelligen Drogenhilfeangebot mit Konsumraum.“ Die Hilfestellung für Drogenkonsument*innen vor Ort am Neumarkt kann aus Sicht der Projektbeteiligten bei lokalen Gewerbetreibenden aber natürlich durchaus legitime Ängste vor einer Abwertung des Platzes hervorrufen.

Das übergeordnete Anliegen der Projektbeteiligten ist es, das Thema „Drogen“ mit dem künstlerischen Mittel der satirischen Überhöhung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und eine Diskussion anzustoßen. Daher ist die mediale Aufmerksamkeit für das Künstlerduo erfreulich. Am Neumarkt treten Alexandra Berlinger und Martin Wagner selbst in den direkten Austausch mit Passant*innen: „Das Feedback der Menschen ist überwiegend positiv. Auch einige Drogenkonsumenten selbst haben gesagt, dass sie es gut finden, wenn das Problem thematisiert wird“, sagt Alexandra Berlinger."

8/2019
Mi, 08/14/2019 - 15:03
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