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... man mit Hartz IV

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Interview: Anna-Lena Wenzel

Anna-Lena Wenzel: Dein Buch „Hartz IV und wir“ basiert auf Gesprächen mit Menschen, die zeitweise Hartz IV bezogen haben. In Form von Protokollen erzählst du diese sehr individuellen Geschichten. Für mich stecken in dem Buch mehrere Themen: die Kritik am System Hartz IV, eine generelle Kritik an der Arbeitswelt mit seinen niedrigen Löhnen und unnützen Tätigkeiten und der Versuch, diesem System mit dem bedingungslosen Grundeinkommen eine Alternative gegenüberzustellen. Was war dein Antrieb dieses Buch zu schreiben?

 

Anne Waak: Den Anfängen des Buches lag am Anfang meiner Recherchen im Jahr 2010 zunächst die Beobachtung zugrunde, dass auffällig viele Leute im meinem Umfeld und in meinem Alter – etwa Ende 20, Anfang 30 – von Hartz IV lebten. Leute, mit denen ich studiert hatte oder die zum meinem erweiterten Freundeskreis gehören. Ich wollte dann einen Zeitungsartikel über die Gründe und Auswirkungen dessen schreiben, hatte aber bald das Gefühl, das Thema könnte eine längere Betrachtung wert sein.

 

Bei den beschriebenen Beispielen gibt es einige, die sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen, weil die Protagonisten schwarz etwas dazuverdienen oder dem Amt gegenüber falsche Angaben machen. Die Namen sind deshalb zum Teil Pseudonyme. Wie hast du die zwölf im Buch Porträtierten gefunden? War es schwer, genügend Leute zu finden?

 

Erstaunlicherweise war das ganz leicht. Ich habe nie eine Suchanzeige aufgeben müssen, meine Protagonisten sind mir einfach so begegnet. Viel mehr Leute übrigens, als jetzt im Buch auftauchen. Zum Beispiel stellte sich beim Gespräch an der Bar heraus, dass jemand Hartz IV bezieht, gemeinsame Bekannte machten mich auf diese oder jenen aufmerksam, ein Regisseurin, mit der ich Jahre zuvor einmal gearbeitet hatte, kontaktierte mich sogar von sich aus, weil sie über ihre Situation reden wollte. Insofern war es dann auch nicht erstaunlich, dass mir all diese Leute quasi von selbst über den Weg liefen: Es gibt in der sogenannten Kreativen Klasse sehr viel mehr Hartz IV-Empfänger als man so glaubt. Und die meisten Menschen erzählen sehr gern von sich, wenn man sie nur lässt.

 

Wie waren die Reaktionen auf dein Buch?

 

Schwer zu sagen, ich habe keine Leserbriefe bekommen oder so. Bei der Buchpremiere in Berlin aber gab es ein Gespräch, zu dem zwei meiner Protokollanten eingeladen waren und bei dem wir gemeinsam mit dem Publikum über die Thematik diskutiert haben. Aber was heißt schon „diskutiert“, im Grunde waren sich alle ziemlich einig: Hartz IV ist eine ambivalente Sache. Es beziehen zu wollen, kann sich fast zu einem eigenen Job auswachsen. Aber Hartz IV kann auch eine Befreiung sein. Eine Art Vorstufe zum bedingungslosen Grundeinkommen.

 

Beim Lesen der Biografien der im Buch porträtierten Hartz IV-Empfänger ist mir aufgefallen, dass die meisten aus einem bürgerlichen Elternhaus stammen und studiert haben. Können sich diese „Umcodierung“ von Hartz IV nur bestimmte Menschen leisten?

 

Dazu kam es genau andersherum: Ich wollte meinen Blick auf einen bestimmten Gesellschaftsausschnitt konzentrieren. Was passiert, wenn Leute aus diesem Umfeld – privilegierte Herkunft, studiert, jung – Hartz IV beziehen? Während ich an dem Buch arbeitete, entstand dann die Debatte um die sogenannte Generation Y als bestimmende Kraft in der Arbeitswelt von heute; eine rein zahlenmäßig kleine Gruppe, die in Zeiten sich jagender Krisen neue Regeln aufstellt. Und ich wollte mit dem Buch auch dem üblichen Vorurteil vom Hartz IV-Empfänger als bildungsfern und tendenziell verwahrlost begegnen. Aber was auch klar wird: Es hilft studiert zu haben, will man sich mit dem bürokratischen Apparat Hartz IV auseinandersetzen.

 

Der Ansatz, Menschen, die Hartz IV bekommen, als Quelle des Widerstands gegen das neoliberale Leistungsethos zu bezeichnen, ist erfrischend. Es fügt dem negativen Image des „Hartz IV‘lers“ eine neue Ebene hinzu. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch die beschriebenen Personen einem enormen psychischen Druck ausgesetzt sind – sei es vom Amt selber oder durch das gesellschaftliche Umfeld – denn keiner hat länger als ein oder eineinhalb Jahre Hartz IV bezogen. Ich frage mich, ob dieser Widerstand nicht weiter gehen müßte. Also ob man, statt das System durch das Beziehen von Hartz IV quasi parasitär auszunutzen, nicht aktiver gegen die heutigen Arbeitsbedingungen und die neoliberale Ideologie vorgehen müßte. Was denkst du dazu?

 

Die Frage tauchte auch bei mir selbst immer wieder auf: Wenn man Hartz IV als eine Chance auf Freiheit begreift, stabilisiert man nicht letztendlich das System selbst? Und die Antwort ist sicher: ja. Aber es gibt nun mal unbestreitbar viele – oft temporäre – Hartz IV-Empfänger in der Kulturwirtschaft, von denen viele gar nichts wissen. Sie von sich und ihrer Situation erzählen zu lassen, ist ein Schritt und hoffentlich nicht der letzte.

 

Dein Buch ist nur als E-Book erschienen, obwohl 2014 die Einführung von Hartz IV zehnjähriges Jubiläum feierte. War es schwer, einen Verlag zu finden, der sich des Themas annimmt?

 

Das ist eine Randerzählung des Buches, in der sich wiederum die Probleme, aber auch Möglichkeiten der sogenannten Kreativwirtschaft spiegeln: Der Verlag, der das Buch herausbringen wollte, war kurz vor Vertragsunterzeichnung eingegangen. Danach lag das Buch einige Zeit auf Eis. 2013 dann gründete ich gemeinsam mit den Schriftstellern Ingo Niermann und Joachim Bessing Waahr.de, ein Online-Archiv für literarischen Journalismus. Dort bringen wir auch E-Books heraus, „Hartz IV und wir war unser erster Titel.

 

Glaubst du an die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens?

 

Um mal ein wenig pseudo-philosophisch daherzureden: Ich bin zu pessimistisch, um auf ein bedingungsloses Grundeinkommen zu glauben, aber optimistisch genug, um daran zu hoffen.

 

„Hartz IV und wir - Protokolle ist 2014 als E-Book bei  Waahr.de im Verlag Marienbad erschienen.

 

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