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Stalins Rückkehr

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Einmal Ulan-Bator und zurück oder wie Stalin nach Berlin kam


Der Morgen war kalt und grau, als vor knapp vier Wochen, um kurz nach neun am Vormittag auf der Karl-Marx-Allee ein LKW mit besonderen Fracht ankam. Weit weniger feierlich als im Sommer 1951, aber sicherlich genau so aufregend wie einst, wurde die in aller Stille demontierte Stalin-Statue zwischen Koppen- und Andreasstraße für kurze Zeit erneut aufgestellt. Vom Original des sowjetischen Künstlers Nikolai Tomski nicht zu unterscheiden, handelte es sich bei der sonderbaren Fracht jedoch um eine andere Variante des Stalin-Denkmals. Die knapp zweieinhalb Tonnen Bronze standen bis Oktober 2017 auf dem Firmengelände eines mongolischen Geschäftsmanns in Ulan-Bator, der sich den 4,80 Meter-Koloss aus bislang unerfindlichen Gründen in seinen Vorgartengestellt hatte, nachdem er jahrelang in einer Diskothek gestanden hatte. Ein Stalin im Vorgarten – und dazu auch noch ein echter Tomski?  das alles irritierte das Team der Gedenkstätte Hohenschönhausen, das eine Ausstellung über Stalin vorbereitete, ziemlich.  

 

Im Zuge der Weltfestspiele der Jugend und Studenten, die im Sommer 1951 in Ost-Berlin stattfanden, erhielt die SED-Führung und damit ganz Berlin endlich eine eigene Stalin-Statue. Ost-Berlin und die noch ziemlich junge DDR standen ganz im Zeichen der Ehrerbietung des sowjetischen Diktators Josef Stalin, der offiziell als der „beste Freund des Deutschen Volkes“ gefeiert wurde. Die Stalin-Jünger Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck kannten überlebensgroße Führerdenkmäler bereits aus den Zeiten ihres Exils in der Sowjetunion. Als die Statue per Flugzeug aus Leningrad eintraf, waren sie alle dabei, um den „Voshd‘“ aus aller Nähe zu betrachten. Denn näher sollte das deutsche Volk ihn nie wieder zu sehen bekommen. Ein einziges Mal nur betrat Stalin deutschen Boden: im Sommer 1945, als er gemeinsam mit Churchill, Truman, Roosevelt und Attlee die Neuordnung der Alten Welt beschließen sollte. Auf der neuerbauten und im Winter 1949 umbenannten Stalinallee aber war der ideale Platz einer Huldigungsstätte gefunden.

 

Die Zeiten aber änderten sich, Stalin starb und seine Nachfolger ließen ihn 1956 in der Sowjetunion von allen Thronen und Sockeln entfernen. Nur in der DDR dauerte es noch fünf weitere Jahre bis auch dort 1961 das Denkmal von der Stalinallee eingeschmolzen werden sollte. Ob aus der Skulptur dann wirklich einige Figuren im Tierpark gegossen worden sind, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Fragmente des Denkmals gibt es nachweislich lediglich zwei: sein Ohr und seine Bartspitze. Sie waren dem Rechercheteam für eine Wechselausstellung über Stalin und die Deutschen in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen jedoch zu wenig. Und so wurde recherchiert, wurden Fotos analysiert, das Bundesarchiv auf den Kopf gestellt, gemutmaßt und telefoniert. So lange, bis mit Sicherheit gesagt werden konnte: Der Stalin im Vorgarten von Ulan-Bator ist tatsächlich äußerlich identisch mit dem einst in Berlin aufgestelltem Denkmal. Ein Foto der Demontage aus dem Jahr 1991 und Bilder vom Originalstandort vor der mongolischen Staatsbibliothek, gaben den entscheidenden Hinweis. Den Stalin aus Berlin gab es zwar nicht mehr, aber warum nicht einfach den aus der Mongolei nach Berlin holen und zeigen?

 

Von da an begannen knapp 14 Monate Verhandlungen mit dem Besitzer, der Deutschen Botschaft in der Mongolei und einer Berliner Spedition, mit der die Statue aus der Mongolei nach Deutschland überführt werden sollte. Zwischenzeitlich gab es kein Holz für eine Transportkiste, dann wieder riss der Kontakt zum Büro des Besitzers ab und als Stalin gut verpackt beim mongolischen Zoll lag, verlangte dieser plötzlich einen Nachweis darüber, dass das riesige Bronzeteil kein Kulturgut von nationaler Bedeutung wäre. Als all diese Hürden und bürokratische Kämpfe überwunden waren, begann Stalins Fahrt nach Berlin. Mehr als 8.000 Kilometer, vier Ländergrenzen und zwei Wochen später dann endlich der erlösende Anruf: der LKW ist da und Stalin unversehrt. Aus der Ankunftsfreude entstand die Idee einer temporären Wiederaufstellung und so kam es, dass die Stalin-Skulptur an einem Januarmorgen noch einmal an seinen alten Platz in der heutigen Karl-Marx-Allee aufgestellt wurde. Anschließend kam er an seinen eigentlichen Bestimmungsort in der Gedenkstätte Hohenschönhausen und liegt dort neben dem Eingang zur Ausstellung „Der rote Gott. Stalin und die Deutschen“. Mit der Hand in der Brusttasche schaut er fast friedlich in den Berliner Himmel, bis er im Juli wieder zurückkehrt in den mongolischen Vorgarten.

 

Text: Eva Langhals, Fotos: privat
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