Lichter besetzte Häuser Beton Investoren

Das Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg

Das Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg

 

In Berlin gab es bisher mehrere Versuche, eine Chinatown mit typisch asiatischen Geschäften, Restaurants und Kultureinrichtungen aufzubauen. Alle diese Projekte hatten stets eines gemeinsam: Sie sind bereits in der Planungsphase gescheitert. Aktuell geistert die Idee einer Asia-Town im Bezirk Lichtenberg durch die Peripherie der hauptstädtischen Berichterstattung.

 

San Francisco hat eins, London hat eins, natürlich hat New York eins und sogar in Paris gibt es eins: ein Stadtviertel, in dem asiatische Einwanderer eigene Geschäfte, Restaurants und Kultureinrichtungen aufgebaut haben. Bezeichnet werden solche Gegenden landläufig als Chinatowns. In der Vergangenheit als Hort von organisierter Kriminalität gefürchtet, sind viele dieser Viertel inzwischen als Touristen-Hot-Spots und gentrifizierte Wohnquartiere en vogue.

 

In Anbetracht dieser Entwicklung muss sich natürlich jeder weltmännische Berliner und jede trendbewusste Berlinerin fragen, warum die deutsche Hauptstadt uns ein solches Viertel bisher vorenthält. Zwar findet sich in der Charlottenburger Kantstraße eine Ballung chinesischer Geschäfte und Restaurants und der gesamte Ostteil Berlins ist von einem feinmaschigen Netz vietnamesisch-geführter „China-Imbisse“ überspannt, eine wirkliche Chinatown aber fehlt der Weltstadt in spe.

 

Ideen, Millionen und Pagoden


Das dachte sich im Jahre 2002 wohl auch die Stadtentwicklungspolitikerin Claudia Hämmerling, als sie vorschlug, auf dem brachliegenden Areal des ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthofes an der Eldenaer Straße im Prenzlauer Berg, eine eben solche Chinatown zu errichten. Auf dem weitläufigen Gelände sollte ein Zentrum für asiatische Kultur und asiatisches Gewerbe entstehen. Die Idee floppte, weil sich kein Investor fand. Heute befinden sich dort moderne Reihenhäuser, luxuriöse Stadtvillen und eine Vielzahl großflächiger Einzelhandelsfilialen.   

 

Weitaus konkreter stellte sich im Jahr 2007 ein Chinatown-Projekt im Norden Berlins dar. Im brandenburgischen Oranienburg sollte auf einer 80 Hektar großen Fläche eine chinesische Stadt für 2.000 Einwohner entstehen. Mit einem chinesischen Einkaufs-, Kultur-, und Wohnviertel, einem Hotel, einem Heilkundezentrum für traditionelle chinesische Medizin und einem 14 Hektar großen Park wollten chinesische Investoren Touristen in den Landkreis Oberhavel locken. Zwischenzeitlich war von einer 13-stöckigen Pagode, Investitionen von fast 500 Millionen Euro und sogar vom größten Gebäude Europas die Rede.

 

Euphorisiert von der Vorstellung eines Touristenmagneten vor den Toren ihrer Stadt, gaben die politischen Entscheidungsträger Oranienburgs das für die Chinatown vorgesehene Gelände umgehend für ein Planungsverfahren frei. Trotzdem verlief das Projekt im märkischen Sande. Die potentiellen Geldgeber – ein finanzstarkes Pärchen aus dem Reich der Mitte, das nach eigener Aussage bis in höchste chinesische Regierungskreise vernetzt sein sollte – schafften es bis zum Schluss nicht, das von der Stadt geforderte ausführliche Finanzierungs- und Planungskonzept vorzulegen. Umgewandelt zu einem Gewerbegebiet befindet sich auf dem Areal heute ein Recyclingwerk für Altreifen und das Logistikzentrum einer Supermarktkette. 

 

Das Dong Xuan Center. Das Lafayette des kleinen Mannes

  

Doch das Kapitel Chinatown ist für Berlin noch nicht abgeschlossen. Dafür sorgt die Dong Xuan GmbH. Diese kündigt seit mehreren Jahren an, in Berlin-Lichtenberg ein Quartier mit der kompletten Infrastruktur einer asiatischen Stadt errichten zu wollen. Bestehen soll diese Asia-Town aus zahlreichen asiatischen Geschäften, mehreren Pagoden, einem asiatischen Freizeit- und Gesundheitszentrum, einem mehrgeschossigen Neubau mit eingebauter Markthalle, einer Vielzahl Restaurants und einem eigenen Hotel. Der Mann, der hinter dieser Idee steckt, heißt Nguyen van Hien.

 

Nguyen kam im Zuge des Vertragsarbeiterabkommens zwischen der DDR und der Volksrepublik Vietnam 1988 als Fabrikarbeiter nach Ostberlin. Heute ist er Geschäftsführer der Dong Xuan GmbH, die seit 2005 das Dong Xuan Center in der Lichtenberger Herzbergstraße betreibt.

 

Beim Dong Xuan Center handelt es sich um ein Großhandelszentrum, das mit seiner Fläche von 160.000 Quadratmetern das größte seiner Art in Westeuropa ist. Es besteht aus fünf Hallen, in denen selbstständige Händler ihre Waren und Dienstleistungen anbieten. Ursprünglich als reiner Großmarkt geplant, waren die ersten Kunden des Centers vietnamesische Ladenbesitzer aus der Region, die dort Waren für ihre kleinen Geschäfte einkauften.

 

Doch schnell wurden die Hallen des Dong Xuan Centers zum Dreh- und Angelpunkt der (nord-)vietnamesischen Community Ostberlins, mit der dazugehörigen Infrastruktur. Neben den bestehenden Kleidungs- und Haushaltswarengeschäften finden sich auf dem Gelände heute zahlreiche vietnamesische Restaurants und Nahrungsmittelgeschäfte, Friseure, Nagelstudios, Reisebüros und sogar eine vietnamesisch-sprachige Fahrschule.

 

Dass im Dong Xuan Center eine enorme Auswahl an Textilien, Lederwaren und Geschenkartikeln des unteren Preissegments angeboten werden, sprach sich auch unter den preisbewussten Anwohnern Lichtenbergs schnell herum. So schoben sich neben den vietnamesisch-stämmigen Stammkunden auch immer mehr ortsansässige Besucher durch die engen Gänge der Geschäftshallen. Vorsichtig erschloss sich das deutsche Publikum durch erste zaghafte Einkäufe neonfarbener Jogginganzüge, karierter Rollkoffer und buntbedruckter Toilettendeckel das umfangreiche Waren-Potpourri des Dong Xuan Centers.

 

Heute ist es ein alltägliches Bild, wenn deutsche Besucher in den vietnamesischen Restaurants sitzen oder sich in den ansässigen Friseursalons die Harre schneiden lassen. In jüngster Zeit sollen nun sogar kleine Gruppen von Hipstern in den Räumlichkeiten des Dong Xuan Centers gesehen worden sein. Teilweise in englischer Sprache (!) sollen sich die urbanen Szenemenschen zu den Verkaufsständen mit günstigen Bomberjacken und gefaktem I-Phone-Zubehör durchgefragt haben.

 

Vietnamesischer Pioniergeist trifft deutsche Gesetzeslage


Nguyen van Hien war schon früh davon überzeugt, dass der Standort das Potential hat, ein großes Publikum, über die vietnamesische Community hinaus, nach Lichtenberg zu locken. Eine florierende Chinatown in Lichtenberg war für ihn immer mehr als bloße Phantasie. So kaufte die Dong Xuan GmbH schon früh die an das Center angrenzende Ruine des alten Kulturzentrums des VEB Elektrokohle, um diese zu einem Kulturgebäude mit Pensionen und Restaurants umzubauen. Von dort aus soll die „Asiatisierung“ des Quartiers voranschreiten. Was Nguyen van Hien noch fehlt, um sein Projekt voranzutreiben, ist die Genehmigung der Stadt Berlin.

 

Zwar ist von Bezirksseite zu hören, dass die Idee Asia-Town ausdrücklich begrüßt werden würde, es gäbe jedoch planungsrechtliche Widerstände bei der Umsetzung. So ist der Standort Herzbergstraße als ein Entwicklungsgebiet für den produktionsgeprägten Bereich ausgeschrieben. In einem solchen Gebiet solle vorrangig Produktion stattfinden – Einzelhandel ist gesetzlich untersagt.

Damit steht das Projekt vor großen Hindernissen. Die einzige Möglichkeit einer Realisierung wäre eine Änderung des geltenden Planungsrechts,  laut Aussage der Bezirksseite ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Ein weiteres Problem ist, dass eine Änderung des Planungsrechts es auch jeder anderen Form von Einzelhandel erlauben würde, sich in dem Gebiet anzusiedeln. Eine Reservierung des Areals für asiatische Unternehmen ist rechtlich nicht umsetzbar.

 

Statt vietnamesischen High-Class-Restaurants oder einem Business-Hotel mit chinesischem Flair könnte der Besucher der Herzbergstraße im Falle einer Gesetzesänderung deshalb auch von einer überdimensionalen Kaufland-Filiale begrüßt werden.

 

Von China lernen, heißt siegen lernen


Auf eine Chinatown scheint Berlin also auch in Zukunft noch lange verzichten zu müssen. Ganz anders dagegen verhielt es sich mit einem ähnlichen Projekt in der südchinesischen Provinz Guangdong. Dort wurde nach nur einem Jahr Bauzeit ein Luxus-Wohnpark eröffnet, der einem exakten Nachbau des oberösterreichischen Dorfes Hallstatt entspricht. Wohlhabende Chinesen können dort unter tropischer Sonne ein kopiertes Stück Alpenland genießen.

 

Würde der Berliner Senat ähnlich pragmatisch an Projekte dieser Art heran gehen, gäbe es neben der Lichtenberger Chinatown unzählige weitere Möglichkeiten, exotisches Lebensgefühl nach Berlin zu holen. So zum Beispiel:

 

  • Der Nachbau der Uferpromenade von Havanna am nördlichen Ufer des Müggelsees.
  • Das Anlegen eines Serengeti-Parks auf dem Tempelhofer Feld. Optional mit Safaritouren oder großflächigen Treibjagden (mit berlinpass zum halben Preis).  
  • Die Flutung der Bezirke Steglitz-Zehlendorf, Spandau und Reinickendorf zwecks unterseeischem Nachbau des Great Barrier Reefs auf diesem Gebiet.

 

Sollte einer der Leser dieses Artikels ein politischer Entscheidungsträger in hoher Position sein, ist der Autor durchaus bereit, in sondierende Verhandlung der Projektplanung zu gehen. Weitreichende Beziehungen in gehobene Kreise des akademischen Großstadtprekariats werden mitgebracht.

 

http://dongxuan-berlin.de/

http://en.wikipedia.org/wiki/Hallstatt_%28China%29

http://spandau-unter-wasser.de

 

 

 

Text und Fotos: Marcel Bode
Kurzbeiträge

Einwürfe

Für Fans der Stadterkundung

Für alle großen und kleinen Fans des

"Wir verarzten uns selbst"

Aktuell wie vor 35 Jahren - eine Anle

Fundsachen

Straßenszenen

„Slowing“ Stadt

Eine Stadterkundungstour von Svenia S

Ist das Kunst oder …?

Alle zehn Jahre finden in Münster die

Schönhauser hinauf und hinunter

Heute, Mittwoch, laufe ich die Schönh

So klingt

Wien

„Autos schossen aus schmalen, tiefen

Jerusalem

Jerusalem - in der Stadt, in der alles heilig zu sein scheint, wird um wirklich jeden Quadratmeter gekämpft

Hamburg

In unserem "So klingt?" zeigt sich Hamburg ganz von seiner maritimen Seite

So lebt

... es sich in Neu-Hohenschönhausen

So lebt … es sich in Neu-Hohe

... es sich in mobilen Häusern

Wie lebt es sich in e

... man mit Hartz IV

Hartz IV und wir