Der wilde Westen

Schwerpunkt: Brachen

Der wilde Westen

Was erzählen Halden über das Ruhrgebiet?
Text: Lena Fiedler, Foto: Klaus Holländer-Böhmer
„Today, the pyramids of the industrial revolution just uselessly stand in the way, they’re a scar in the landscape. The deafening noises have been replaced by silence, but if you listen carefully they will tell you their story.“[1]

Am Fuße der Halde Haniel wächst ein dichter Laubwald. Dahinter beginnt ein Kreuzweg. Auf diesem Lehrpfad der unzähligen Leiden Christi stehen Kruzifixe neben Kohlekarren. Ganz hoch oben am Ende befindet sich ein Plateau. Grau und kahl liegt es da. Von hier reicht der Blick bis ins Tal: das Ruhrgebiet wie auf einem Präsentierteller. Die Halde ist still. Am hohen Rand des Plateaus steht eine Reihe bunter Stelen aus alten Eisenbahnschienen, wie an einer Perlenkette aufgezogen: das Totem von Bottrop.

Die Halde Haniel gehört zu Prosper-Haniel, der letzten aktiven Zeche im Ruhrgebiet. Sie wurde am 21. Dezember 2018 geschlossen. Damit endete ein großes Kapitel des Ruhrgebiets. Die Kohle als Brennstoff der Region ist nun offiziell ein Fossil, das nur noch hinter Museumsglas betrachtet werden kann. Jetzt, 2020, ist die Zeit reif für einen Spaziergang zu den Relikten dieser Zeit und der Frage, wie mit diesen Ruinen der Regionen umgegangen wird. Am Ende des Spaziergangs stehen die Halden als Monumente da, als Pyramiden des Potts, die es zu bewahren gilt, weil sie mehr als der Abfall eines zum Erliegen gekommenen Industriezweigs sind. Ein Wüstenland, dem einst der Quell der deutschen Industrialisierung entsprang.

In den letzten 250 Jahren wurde wohl kaum eine andere Landschaft mehr umgegraben, ausgehöhlt, zugeschüttet und überbaut als das Ruhrgebiet. Die Halden entstanden dabei als Nebenprodukt im Bergbau. Das im Stollen abgetragene Gestein wurde neben der Zeche zu Hügeln aufgetürmt. Es wird als taubes Gestein oder als „waste rocks“ bezeichnet, ist eigentlich also Abfall. Das ausgehobene Gewölbe unter Tage wurde zum Berg an der Oberfläche. Halden und Stollen hängen zusammen, es gibt das eine nicht ohne das andere. Als der letzte Förderturm schloss, wurde auch der Stollen wie die Halde ein Ding ohne Zweck.
In der Dingtheorie des Philosophen Martin Heideggers werden Objekte zu Dingen, wenn sie ihre gewöhnliche Funktion verlieren, dem Menschen nicht mehr zuhanden sind. Im Gegensatz zum Stollen aber sind Halden reine Dinggeburten, sie kommen schon ohne Funktion auf die Welt. Was passiert mit diesen Dingen in einer Region, die selbst Ding zu werden droht? Wenn wir uns heute mit der Theorie von Dingen beschäftigen, soll es also auch darum gehen, was mit den Industrieorten geschehen wird, mit dem Rust Belt im Nordosten der USA, mit dem Norden Englands und eben dem Ruhrgebiet. Also, was erzählt die Halde von der Dingwerdung ihrer Umgebung?

Von Menschen gemachtes Gebirge

Bereits als der Produktionsprozess in den Zechenwerken noch aktiv war, wurden Halden schon zu Bunkeranlagen umgenutzt. Unter der Graf Moltke Halde beispielsweise wurde im zweiten Weltkrieg ein Stollenkrankenhaus errichtet. Heute sind viele der Halden umgestaltet und renaturiert, ein paar sind als Denkmäler erhalten geblieben, einige andere durch Land Art, wie zum Beispiel das Tetraeder in Bottrop, verziert. Sie wurden zu Landmarken mit Kunstobjekten ausgebaut. Jüngstes Exemplar ist die begehbare Achterbahn Tiger & Turtle auf der ehemaligen Zinkhütten-Deponie in Duisburg. Der Begriff Landmarke entstammt ursprünglich der Schiff- und Luftfahrt und sollte dort der Navigation dienen. Heute ragen diese Monumente aus der Landschaft hervor und navigieren das Land durch die Debatte um den Strukturwandel.

Die großen Installationen auf den umgestalteten Halden verkleiden die Ebene in ein „Monument Valley“, wie es auf der Webseite Halden.Ruhr heißt. Zu sehen ist ein Mann auf einem Pferd im Abendlicht neben dem Tetraeder in Bottrop. Der Cowboy könnte einer der Haldenenthusiast*innen sein, die ihre Zeit damit verbringen, Halden zu besuchen und dann akribisch zu kartografieren. Sie schreiben an Blogs und Hobbyseiten und empfehlen sich gegenseitig die schönsten Halden, die eigentlich immer auch die einsamsten sind. Die Seite Ruhrgebiet-Industriekultur wird von S. Hellmann betrieben, einem Geographen, der seine Freizeit dazu nutzt, neue Halden zu kartographieren. Auf der Webseite dokumentiert er ihre Koordinaten, postet Bilder auf Twitter und beschreibt ihre historische Entstehung. Außerdem zählt er die neu entdeckten Hügel mit einem Halden-Ticker. Stand heute: 292.

Haldenenthusiast*innen könnten das deutsche Pendant zu den US-amerikanischen Dead-Mall-Anhänger*innen sein, einer Gruppe von Leuten, die es in die abertausenden, verwaisten Einkaufstempel der Vereinigten Staaten zieht. Sie teilen Fotos und Informationen zu den Malls in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen Dead Mall Enthusiasts. Tote Orte scheinen Menschen zu faszinieren, ehrgeizig drängen sie darauf, diese Ruinen neu zu erfahren. Sie pilgern zu verlassenen Vergnügungsparks, verwitterten Sanatorien, verwaisten Malls und eben stillgelegten Halden. Bei den erstgenannten Beispielen sind offenkundig die Spuren ihrer Dingwerdung zu beobachten, die Menschenleere der Geschäfte, die Verwahrlosung der Gebäude, der Eindruck des Verlassenen. Halden aber sind schon immer nur Halden gewesen. Erst in den letzten Jahren werden sie zunehmend umgenutzt. Die Halden machen das Ruhrgebiet zu einem alternativen Monument Valley − der Landschaft im Navajo-Reservat in Arizona, die durch ihre Tafelberge weltberühmt ist. Doch der Cowboy in der Wüste des Ruhrgebiets wirbt mit seinem Monument Valley, als sei es noch zu besiedelndes Neuland. Er sitzt auf seinem Pferd und blickt in die Kamera, wie um uns aufzufordern, ihn auf seinen Abenteuern in den wilden Westen zu begleiten.

Mumifizierung durch Musealisierung
Kaum jemand im Ruhrgebiet (bis auf die Enthusiast*innen) möchte die nackten Halden behalten. Halden, so wie sie sind, sind ungeliebtes Gelände. Sie sollen nicht einfach „nur“ existieren, also werden sie zum Objekt gemacht, sei es als Bergbaulehrpfad, Kreuzweg, Land Art oder Naherholungsgebiet. Ausgebaute Halden sind die Prestigeobjekte der Planungsämter und Zweckverbände. Sie sollen „fit für die Zukunft“ gemacht werden, sollen Raum für neue Nutzungen und Perspektiven bieten, die, wenn es gut läuft, als Wahrzeichen zur Idealisierung der Heimat beitragen. Der Zeche widerfährt Ähnliches. In Bochum wurde dem Bergbau ein Veranstaltungsmultiplex, das Deutsche Bergbau-Museum, gewidmet. Darunter wurde ein Schau-Schacht ausgehoben, der lediglich der Anschauung dient und in dem Besucher probebohren dürfen, über die Berufskrankheiten der Bergarbeiter belehrt werden und dabei zuschauen können, wie zum Schein ein Kohleflöz abgetragen wird. Viele Symbolbauten wie Zechen, Bergmannssiedlungen und Fabrikarbeitersiedlungen sind musealisiert worden. Grubenlampe und Presslufthammer wurden vom schweigenden Arbeitswerkzeug zum Ausstellungsgegenstand. Wird ein Ding zum Objekt gemacht, findet es wieder Eingang in das sprachliche Bedeutungsgewebe. Dadurch, dass es wieder benannt werden kann, liegt Funktion und Nutzen auf der Hand. Ein musealisierter Presslufthammer muss besichtigt werden.

Hauntological Landscapes
Was erzählt Dingkultur über jene, die sie erzeugen? Jede Zeit hat ihren eigenen Dingzustand hervorgebracht, seien es Dinge als Warenform, Dinge als Akteure, Dinge als surreale Objekte, Dinge als Kitsch oder nostalgische Dinge. Die Industrialisierung hat Gegenden erzeugt, wo Zeit nur als gebrochen erlebt werden kann. Ausgebeutete Landschaften zeugen von einer Zukunft, die verloren zu sein scheint und bestimmen damit eine kulturelle Logik, die typisch für postkapitalistische Strukturen ist. Jaques Derrida schreibt in „Marx’ Gespenster“[2] von diesem Phänomen als Hantologie. Zukunft werde nicht mehr in ihrer Virtualität, sondern immer als das Scheitern ihrer Möglichkeit wahrgenommen.
Nach dem Ende der Zechen wird das Ruhrgebiet von seinen Grubenlampen, Halden und Zechen eingeholt. Seit dem Ende des Bergbaus entwickeln die Dinge eine unheimliche Anwesenheit aus der negierten Möglichkeit („agency of the no longer“) wie der britische Kulturwissenschaftler Mark Fisher schreibt. Symptome dessen sind der Industriekitsch und die flächendeckende Musealisierung der Arbeiterkultur und Zeitgeschichte als fatale Wiederholung. Im 18. Jahrhundert, als die Kohleförderung im großen Stil begann, beschrieb Karl Marx die Wertschöpfungsketten und Warenwerdung in der kapitalistischen Gesellschaft. Die Bedingungen, unter denen die Bergarbeiter zu arbeiten hatten, sind dem Kulturgut Kohle heute zwar nicht mehr anzumerken, doch das Gebiet scheint verflucht, ein wirksamer Exorzismus nicht in Sicht. Einzig auf der Halde Haniel thront ein Totem über der Ödnis und erinnert an die Verunglückten.

Rederecht für Industriegelände

Ist das hier ein Manifest für die Nicht-Nutzung von Industriebrachen? Das Beste wäre es, ihre Entstehungsgeschichte zu vergessen, wenn die Halde für sich selbst sprechen soll. Wenn sie nicht zu einem Objekt gemacht werden würde, könnte sie in ihrer schieren Dinghaftigkeit als Hügel betrachtet werden. Doch das scheint die Betrachtenden einzuschüchtern. Umso schlimmer ist es für jene, die in einem Gebiet leben, deren Grundfesten über die Jahrzehnte verdinglicht wurden. Damit einher geht ein Zustand der Unsicherheit, der verstehen lässt, warum die Verschüchterten im Ruhrgebiet ihr immergleiches Mantra beschwören: Abschied? Welcher Abschied? Obwohl die Kohleförderung seit zwei Jahrzehnten nicht mehr rentabel, das nahe Ende des Wirtschaftszweigs also gewiss ist, möchte das kaum jemand im Ruhrgebiet realisieren. In Orten, die wie das Ruhrgebiet in der Vergangenheit verortet sind, finden sich Hinweise auf hantologische Prozesse, die mit der als alltäglich empfundenen Rückbezüglichkeit des Orts brechen. Wenn Halden allerdings schon keine Dinge bleiben dürfen, sollten sie immerhin zu Objekten werden, denen Rechte zugesichert werden. In Neuseeland wurde 2017 vor Gericht entschieden, den Whanganui River juristisch zukünftig als Menschen zu betrachten.[3] In Zukunft können Zweckentfremdungen und Umnutzungen des Flusses also nur noch unter Einbezug eines Gerichts beschlossen werden. Soziale Prozesse bestimmen den Status von Objekten, diese wiederum bestimmen soziale Prozesse. Der Objektstatus ist also entscheidend für den gesellschaftlichen Diskurs, der sich um das Objekt herum entfaltet.

Eine Halde als solche ist bereits angefüllt mit Menschlichem, das heißt mit Diskurs. Betrachten wir Halden wie einen Spiegel dessen, eröffnet sich ein Zugang zu ihren hantologischen Konflikten. Wie sieht sie aus, die postindustrielle Gesellschaft? Welche Konflikte wurden auf ihrem Boden ausgetragen und wer geht heute eigentlich als Gewinner aus diesem Kampf hervor– und wer als Verlierer?

Halden stehen auch für einen Umgang mit der Erde: Jahrzehntelange Kohleförderung hat dazu geführt, dass große Teile des Gebiets abgesackt sind und so unter dem Grundwasserspiegel liegen. Und obwohl mit menschlicher Arbeit in der Natur viel Reichtum geschaffen wurde, blieb das Ruhrgebiet mit einem großen Teil seiner Menschen immer arm. Nach 1945 kratzte man im totalen Zusammenbruch der Zivilisation die Kohle wieder mit Hacken aus ungesicherten Flözen. Nicht anders als vor der Industrialisierung. Im Anblick einer Halde könnte man sich auch fragen: Und, was hat das alles gebracht?

Bruno Latour hat mit Wir sind nie modern gewesen den Text für das Ruhrgebiet geschrieben, in dem die Probleme der Überlappungen von Zeitlichkeit in der Moderne erfasst sind:  „Von welchem Land ließe sich nicht sagen, dass es ein Land voller ‘Gegensätze’ ist. Wir sind alle dabei, die Zeiten zu vermengen. Wir sind alle wieder vormodern geworden.“[4] Er kritisiert die modernen Grenzziehungspraktiken, die mit einer augenscheinlich klaren Subjekt-Objekt-Trennung hausieren gehen und sieht eben darin den Nachteil der modernen Gesellschaft gegenüber Kulturen, die Traditionen und Technik zusammen denken. Ihnen ist ein Umgang mit verschiedenen Dingen und Objekten gemein, der ihrer Bedeutung für gesellschaftliche Prozesse Beachtung schenkt.

Walter Benjamin rechnet in Traumkitsch mit dem Surrealismus und seinem Umgang mit Dingen ab. Er schreibt, die „allerletzte Fratze“ am Totempfahl sei der Kitsch „mit der wir uns im Traum und im Gespräch bekleiden, um die Kraft der ausgestorbenen Dingwelt in uns zu nehmen.“[5] Der Pfahl auf der Halde Haniel in Bottrop ist selber Kitsch, bunt bemalte Eisenbahnstelen erinnern nur wieder an die fast stillgelegte Zeche nebenan. Diese Stelen, Kitsch der Dingwelt, rücken weiter vor im Stellungskrieg des Strukturwandels. Das Ruhrgebiet ist nie modern gewesen. Die Haldencowboys klettern trotzdem die Halden hoch. Oben angekommen, schauen sie hinunter auf das Valley und sehen: es ist grün.


[1] Henk van Rensbergen, http://www.abandoned-places.com/faq.htm, (26.06.2020)

[2] Derrida, Jacques (1993). Marx’ Gespenster: der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue InternationaleFrankfurt a. M.: Suhrkamp.

[3] https://www.theguardian.com/world/2017/mar/16/new-zealand-river-granted-...

[4] Latour, Bruno. (2008). Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a.  M.: Suhrkamp, S. 101.

[5] Benjamin. Walter. (1991). Traumkitsch. In: Thiedemann, R. & Schweppenhäuser. H. (Hrsg.). Ästhetische Fragmente, S. 620-622.

Der Text wurde erstmals im Urbane Künste Ruhr Magazin Nr. 5 / Ruhr Ding Klima, 2021, veröffentlicht.

 
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