Auf der Strasse IV

Auf der Strasse IV

Hannes Obens

Auf der Fahrt zum Kino am Potsdamer Platz ärgerte ich mich diesen Treffpunkt bei windig-nasskaltem Wetter vereinbart zu haben. Am Sony Center angekommen, wurde ich dann auch heftig vom scharfen Wind und dem schräg fallenden Regen malträtiert. Meine Sicht durch die Brille war ungefähr so gut wie in einer Autowaschstraße. Es kam noch schlimmer: eine Riesenveranstaltung für Teenies fand mitten auf dem Platz statt. Eine sich überschlagende männliche Stimme schrie: „Mädels, traut euch und tanzt mit!“ Und dann brüllte er irgendetwas, von dem ich nur „Detlef D. Soost“ verstand.


Das war einer jener Momente, in denen ich jede Hoffnung auf eine andere Gesellschaft verliere. Am Kino angekommen, war kein Durchkommen. Die Veranstaltung, die das Rahmenprogramm für die Premierenfeier eines Films namens „Springbreakers“ bildete, belegte den gesamten Vorderbereich des Kinos.

Man musste einmal um den Potsdamer Platz herumgehen, um über den Nebeneingang hineinzukommen. Alle Abkürzungsversuche wurden von grotesk aussehenden Bodyguards vereitelt, die öffentlichkeitswirksam die geladenen Teenie-Stars abschirmten. Durchnässt und gereizt, traf ich schließlich auf meine beiden wartenden Freunde, die mich irritiert musterten.


Als ich meinem Frust freien Lauf lassen wollte, kam plötzlich ein Mann entschlossenen Schrittes auf mich zu. Wir starrten uns an. Ungläubigkeit bei ihm, Ungläubigkeit bei mir: Ich sah mich, er sah sich. Wir hatten uns gefunden: mein Doppelgänger und ich. Zuerst Sprachlosigkeit, dann bat er mich die Brille abzunehmen, die beinahe baugleich mit seiner war. Die fast spiegelbildliche Ähnlichkeit blieb.


Dann aber das Erkennen feiner Unterschiede. Meine Nase sah etwas anders aus, er hatte ein paar mehr Falten. Die verzweifelte Suche nach Individualitätsmerkmalen war nicht ganz erfolglos, blieb aber ein wenig tragisch: „Aber du siehst älter aus als ich“, sagte ich. Dann umarmte er mich wie selbstverständlich, nahm seine Handykamera und machte Bilder – ich hatte Mühe, mich auf ihnen von ihm zu unterscheiden. Schließlich verschwand er in den Kinosaal, bevor auch ich unsere Begegnung dokumentieren konnte.


Meine Freunde hatten unterdessen die gesamte Szene fassungslos beobachtet. Dann erzählten sie, dass sie meinen unbekannten Doppelgänger vorher versehentlich angesprochen hatten. Es bleibt noch zu fragen: Wo bist du? Schreib mir, wenn du das lesen solltest. Wir können uns auch gern zu jeder Jahreszeit am Potsdamer Platz treffen.

Fr, 04/12/2013 - 13:38
Kurzbeiträge

Einwürfe

Plakate für mehr Mitgefühl Die Ministerin für Mitgefühl steht in di
Was die Corona-Pandemie mit uns macht Tagebuchzeichnungen von Alex Müller
Was die Corona-Pandemie verändert Notizen von Anna-Lena Wenzel nach der Lektüre von Carlin Emckes Corona-Journal.

Fundsachen

Dickpic-Galerie Die Journalistin Anne Waak postet a
Mitte Juni (New Orleans) Gibt es den Mississippi River wirklich w
Plakat Décollages Die Künstlerin Kirsten Heuschen sammelt Plakate und macht daraus Collagen

Straßenszenen

Köln, Rudolfplatz Ja, hock du mal einen Tag lang
Was es alles so gibt am Kottbusser Damm Neukölln ist von Kreuzberg aus nur über
Walking Cities in Lockdown Ein Interview mit Antonia Low

So klingt

die Getreideverkehrsanlage She is my heart, and everything it embra
eine Gutenachtgeschichte mit den Münchner Stadtsurfer*innen Nach dem Motto: Gemeinsam durch die Eins
Olevano Olevano Romano im Sommer – kurze Klangka

So lebt

es sich in der Großwohnsiedlung ‚Archivdialoge‘ nennt die Künstlerin
man bald in der Ringbahnstraße Wie verändern Neubauten das Stadt- und R
man in Kairo Cairo Notes von Esther Ernst