„Freiraum“ im Berlin der Neunziger Jahre

„Freiraum“ im Berlin der Neunziger Jahre

Eine hartnäckige Narration und ihr historischer und politischer Kontext am Beispiel des Projektraums General Public
Text: Annette Maechtel

„Als wir angefangen haben, war drum herum noch eine Menge Brachland. Gegenüber war die alte Polizeistation, die leer stand. Neben uns war ein großes unbebautes Grundstück, auf der anderen Seite fehlte das Vorderhaus“[1], diese Beschreibung der räumlichen Umgebung von General Public im Gründungsjahr 2005 an der Bezirksgrenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte ist nicht nur für die Geschichte dieses Projektraums konstitutiv: Die Verfügbarkeit von Raum durch Leerstand und Brachflächen im Zentrum Berlins ist im Laufe der 1990er Jahre als „Freiraum“ zu einem Narrativ der Stadt geworden, das heute als Katalysator für Berlins Entwicklung als Kulturstandort gilt. Denn vielen Initiativen aus dem Kunstfeld ermöglichte die Situation nach 1989 die Nutzung von günstig verfügbaren Räumen. Dadurch konnte sich eine projekt- und guppenbasierte, künstlerisch-politische Praxis jenseits des etablierten Kunstfeldes und Kunstmarktes ausprägen. Diese Praxis entwickelte sich nicht erst im Berlin der Nachwende, aber dort in zentralen Bezirken im Ostteil der Stadt unter besonderen Bedingungen, deren historische Spezifik und politische Gemengelage bisher nur wenig erforscht wurde.

Während die heutige Narration der Nachwende suggeriert, dass „Freiraum“ einfach vorhanden gewesen sei, muss dieser jedoch als Folge systembedingter und struktureller Transformationen in der Nachwende gesehen werden. Folgt man bei der Betrachtung von Raum der Argumentation des französischen Raumtheoretikers Henri Lefebvre wird deutlich, dass Raum ­– und damit auch Freiraum – eben nicht per se existiert. Raum wird vielmehr hervorgebracht. Er ist das Ergebnis von politischen Entscheidungen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen und von subjektiven Vorstellungen. Mit Lefebvre ist der „Freiraum“ der Nachwende Teil eines politischen, sozialen und kulturellen Aushandlungsprozesses, der ihn gleichsam erst mit produziert. Dieser Prozess wurde maßgeblich durch den Verlauf der Restitutionsprozesse um während der DDR oder dem Nationalsozialismus enteigneter Grundstücke und Immobilien (in einer 1. Phase von 1990 bis 1996, in einer 2. Phase bis 1999) infolge der Wiedervereinigung bestimmt.[2] Ab 1996 waren mehr als 50% der offenen Verfahren abgeschlossen und die Eigentumsverhältnisse geklärt. Erst danach waren Immobilienverwaltungen wieder voll geschäftsfähig und es konnten Verkauf und Modernisierungen getätigt werden. So ist es kein Zufall, dass sich die leerstehenden Räume der 1990er Jahre vor allem im östlichen Teil des Bezirks Berlin Mitte befanden, wo sich die Restrukturierung von Raum als Prozess der Entstaatlichung und Förderung von Privateigentum besonders deutlich abzeichnete. Dieser Prozess basierte auf den Restitutionsverfahren, die das kurz vor der Wiedervereinigung als Gesetz der DDR und Teil des Einigungsvertrages verabschiedete „Vermögensgesetz“ regelte. Im Kontext der Wiedervereinigung stellte die Frage nach dem Umgang mit „offenen Vermögensfragen“ einen Verhandlungspunkt von höchster Priorität dar, da die Bundesregierung auf dem Grundsatz des Privateigentums nach Artikel 14 des Grundgesetzes als Grundlage ihrer Wirtschafts- und Sozialordnung bestand. Mit dem Vermögensgesetz war die Eigentumsgarantie des Grundgesetzartikels 14 der BRD abgesichert. Der „Freiraum“ der Nachwende ist insofern im Zusammenhang mit dem historischen Transformationsprozess der politischen Systeme vom Sozialismus hin zum Kapitalismus zu sehen.[3]

Im Zuge der Wiedervereinigung wurden im Ostteil Berlins bis 1999 knapp 200.000 Anträge auf Rückübertragung gestellt. Durch die Rückgabe der Liegenschaften an die Alteigentümer*innen und den in der Regel darauf folgenden abschreibungsorientierter Weiterverkauf fand eine Restrukturierung der Eigentumsverhältnisse vor allem in den zentral gelegenen Ostberliner Bezirken statt.[4] In Verbindung mit der städtischen Sanierungsförderung konnten die restituierten Liegenschaften, die sich häufig in einem schlechten Zustand befanden, ohne großes Eigenkapital in Wert gesetzt werden. Das Haus, in dem sich der Raum von General Public befand, ist ein Beispiel für diesen Übergang einer staatlichen Einrichtung – bis 1998 war es das Agrarwissenschaftliche Institut der Humboldt-Uni – hin zu einem Privatbesitz westdeutscher Erben. Zwischen Restituierung und Sanierung entstand eine Verwertungslücke, die die letzte Phase der Nachwende und den „Freiraum“ von General Public zeitlich markiert. Ohne den Druck von Anschaffungskosten – das Haus wurde restituiert – und Sanierungsmaßnahmen konnte das Gebäude in der Schönhauser Allee 167c erstmal ruhen und die Miete über 15 Jahre unangetastet bleiben. So kam eine Gewerberaummiete von 3 Euro pro qm zustande, auf der das Finanzierungsmodell von General Public maßgeblich basierte. Diese geringen Kosten konnten ohne weitere Förderungen über Mitgliedsbeiträge, einem auf Solidarität begründetem Beitrag aller weiteren Parteien im Haus und einem inoffiziellen Barbetrieb eingespielt werden. Dies war auch deshalb möglich, weil noch kaum staatliche Kontrollen für die Einhaltung von Brandschutzauflagen, Hygienebestimmungen, Gema-Gebühren oder baurechtliche Genehmigungen und Gewerbesteuern stattfanden. Während bei General Public ein direkter Kontakt zum Erben bestand, ermöglichte die kommunale Wohnungs- und Kulturverwaltung in den 1990er Jahren auch ohne direkten Kontakt zu den Alteigentümer*innen die Zugänglichkeit zu den restituierten Räumen.[5]

Unter diesen Bedingungen konnte sich nach 1989 eine Praxis der selbstorganisierten und nicht-institutionalisierten Raumnutzungen in einer Mischung aus Bar, Club, Ausstellungsraum, Musikstudio, Kino-, Diskussions-, oder auch Seminarraum entwickeln. Es entstand eine Praxis, die ohne Verwertungsdruck den physischen, diskursiven und sozialen Raum offen hielt für immer wieder neue und durchaus auch widersprüchliche Formate, Themen und Positionen. 1994 bezeichnete der damalige Kultursenator Ulrich Roloff Momin solche Initiativen abfällig als „Wildwuchs“[6], denn mit ihren in den Leerstellen und Brachen der Stadt selbstorganisierten und heterogenen Programmen wandten sie sich von den engen Vorstellungen von Kunstproduktion bestehender Kunst-, Kultur- und Bildungsinstitutionen ab und politisierten damit auch bestehende Ausschlussmechanismen und Machtstrukturen nicht nur im Kunstfeld. Raum war dabei Thema und Mittel, um an den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen der Nachwende in Form von Projekten und Ausstellungen aktiv teilzuhaben.[7] General Public schloss an diese Bedingungen, Diskurse und Praktiken der 1990er Jahre an, wenn auch ihre Praxis im Gegensatz zu den Räumen der 1990er Jahre bereits sehr viel stärker an die internationale Kunstwelt angebunden war.

2012 wurde General Public mit dem 30.000 Euro dotierten und erstmalig 2012 verliehenen >Projektraumpreis des Berliner Senats für Kulturelle Angelegenheiten für ihr Programm mit über 400 Veranstaltungen ausgezeichnet. Die Etablierung dieses Preises spielgelt die Wandlung der Berliner Senats-Kulturpolitik von der Geringschätzung selbstorganisierter Räume hin zu deren hochdotierter Anerkennung und Legitimation als „Investition für Wirtschaft und Stadtentwicklung von Berlin“[8] wieder. Bereits 2009 sah der heutige Kultursenator Klaus Lederer in der Kunst- und Kulturproduktion in den Zwischenräumen der Stadt eine „Berliner Tradition“.[9] Als kulturelle Zwischennutzungen sind sie aber durchaus auch anschlussfähig an das neue Leitbild Berlins als kreative Stadt und Kunstmetropole geworden, da sie die Stadt selbst kulturalisieren. Bereits die erste Berlin Biennale 1998 und die weltweite Zunahme von Biennalen insgesamt dokumentieren den machtvollen Zusammenhang von temporären Raumproduktionen im Kontext des Kunstfelds, neuen Institutionsmodellen, Stadtentwicklung und Marketing. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Verleihung des „Projektraumpreises“ seit 2013 im Rahmen der >Berlin Art Week stattfand, um die Projektraumaktivitäten als Teil des Berliner Kunstgeschehens und in eine veränderte Repräsentationsstrategie Berlins einzubinden.

In diesem Spannungsgefüge der Raumproduktion zwischen gesellschaftspolitischem Potenzial für Verwertungsprozesse und Widerstandsformen haben sich Projekträume wie General Public seit dem Mauerfall bewegt. Dieser Prozess ist 2014 an sein Ende gekommen. Ein deutliches Indiz hierfür ist, dass selbst die Höhe des Projektraumpreises nicht mehr ausreichte, um die signifikante Mieterhöhung zu finanzieren und den Raum zu halten.[10] General Public hat den Raum stattdessen geschlossen und das Preisgeld u.a. für eine abschließende Publikation eingesetzt. Sie dokumentiert neben den künstlerischen und kuratorischen Aushandlungsprozessen, die General Public während seines 10-jährigen Bestehens angestoßen hat, auch die Verwobenheit von künstlerischen, urbanistischen, immobilienökonomischen und kulturpolitischen Praktiken und Feldern. Im Rückblick gewinnen die gesellschaftspolitischen Veränderungen von Eigentums- und Machtverhältnissen sowie der Einfluss der Kulturförderung, wie sie im und durch den Raum von General Public sichtbar geworden sind, wie unter einem Mikroskop in ihrer historischen und politischen Bedingtheit deutlich Kontur.


[1] Zitiert aus Gesprächsnotizen von Naomi Henning mit Mitgliedern von General Public 2018, in: General Public 2005-2015, hrsg.v. Naomi Hennig und Anna-Lena Wenzel, adocs Verlag, Hamburg 2020. S. 36.

[2] Vgl. Annette Maechtel: Raumproduktionen im Nachwende-Berlin am Beispiel von Botschaft e.V. (1990-1996), unveröffentlichte Dissertation 2017, im Erscheinen bei bbooks 2019.

[3] Vgl. Hartmut Häußermann: Von der Stadt im Sozialismus zur Stadt im Kapitalismus, in: Hartmut Häußermann und Rainer Neef (Hg.): Stadtentwicklung in Ostdeutschland. Soziale und räumliche Tendenzen, Opladen 1996, S. 5–47.

[4] Vgl. Andrej Holm: Stadterneuerung in Ostberlin: Wer bleibt, wer geht und vor allem warum? Prozessual bedingte Differenzierung von Beteiligungschancen an der Stadterneuerung, in: Christine Hannemann, Sigrun Kabisch und Christine Weiske (Hg.): Neue Länder – Neue Sitten? Transformationsprozesse in Städten und Regionen Ostdeutschlands, S. 184–205.

[5] Zusätzlich konnten in den 1990er Jahren noch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) zur Finanzierung abgerufen werden, vgl. Maechtel 2017.

[6] Senator Roloff-Momin zitiert in: Abgeordnetenhaus von Berlin: Plenarprotokoll 12/47 vom 29.04.1993, S. 3933.

[7] Beispielsweise setzten sich Botschaft e.V. 1993 mit dem Projekt „IG Farben. Performance einer Aktie“ mit den Restitutionsansprüchen des WW2-Waffenlieferanten IG Farben auseinander und dokumentierte den Aktiengewinn der in Liquidation befindlichen Firma, die während des NS-Regimes als Firmenimperium maßgelblich für die Herstellung des Giftgases Zyklon B verantwortlich war. Es entstand 1993 neben einem Fernsehbeitrag und einer Publikation eine Ausstellung mit Vorträgen in dem Ausstellungsaum bzw. der Bar Friseur.

[8] Kulturstaatssekretär Tim Renner zitiert in: „Kaufen Sie sich mal wieder eine Hose, lieber Claus Peymann“, Die Zeit, Nr. 16/2015.

[9] In: Joachim Fahrun: SPD und Linke wollen Wowereits Kunsthalle verhindern, in: Berliner Morgenpost, 16.09.2009.

[10] Die Miete war laut Oliver Baurhenn mündlich auf 7,50 Euro festgelegt worden, aber nach der Sanierung sollten die Räume dann doch über 10 Euro/qm netto kalt kosten.
 

Der Artikel ist der Publikation General Public 2005-2015 über den gleichnamigen Projektraum in der Schönhauser Allee entnommen, die, herausgegeben von Naomi Hennig und Anna-Lena Wenzel, 2020 im adocs Verlag in Hamburg erschienen ist.

© Foto: General Public Archiv

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