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VON EIN- UND »AUSWOHNERN«

Ausgabe: Märkte

VON EIN- UND »AUSWOHNERN«

DER MERCATO ESQUILINO IN ROM
Text: Johannes von Müller/Foto: Roberto Poveda

I.

Am schlimmsten in ganz Rom, lässt Alberto Moravia den Protagonisten einer seiner berühmten Kurzgeschichten, einen Taschendieb, fluchen, seien die burini. Moravia ist der vielleicht bedeutendste römische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Hervorgetan hat er sich als Chronist all derer, die unter den zunehmenden wirtschaftlichen und in unmittelbarer Folge sozialen Veränderungen zu leiden haben, dabei aber über keine eigene Stimme verfügen. In seinen Erzählungen schlendert er mit Prostituierten und Plakatklebern über die nächtlichen Straßen, sitzt mit Lastkraftwagenfahrern und Zigarettenhehlern in schmutzigen Osterien oder betritt mit Dienstboten herrschaftliche Häuser durch die Hintertür. Und immer wieder folgt er voller Hoffnung einer seiner Gestalten aus einem der umliegenden ärmlichen Dörfer in die große Stadt; angezogen von den verheißungsvollen Lichtern von Rom.

Zu der ernüchternden Wirklichkeit, die sie hier zwangsläufig erwartet, gehört stets auch eine derbe Zurückweisung durch all jene, die die Stadt als ihr angestammtes Territorium begreifen. Ganz so wie der Taschendieb, der auf die burini schimpft. Eine unzweideutige Arroganz spricht aus diesem römischen Idiom, mit dem seit alters her die Städter jene Bauern bedenken, die in die Stadt ziehen, den buro, die Butter, und andere Erzeugnisse auf einem der Märkte feilzubieten. Doch fährt der Taschendieb, und nun spricht aus ihm der Gesellschaftsanalytiker Moravia, versöhnlich fort: Letzten Endes sind wir alle burini, die irgendwann schlicht die Stadt nicht mehr verlassen haben und so zu Römern wurden.

Bauern und Händler von außerhalb kamen schon in der Antike über die immer gleichen Verkehrswege in die Stadt: die großen Heerstraßen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Rom führten und die Metropole am Tiber zum damaligen Zentrum der Welt machten. Unmittelbar hinter den Stadttoren lagen die Märkte. Anders als in kleineren Städten, vor allem in mittelalterlichen Gründungen, die vielleicht aus Handelsplätzen hervorgegangen sind, befanden sich die Märkte also nicht im Zentrum. Stattdessen fungierten sie in der Peripherie als Membranen, an denen Stadt und Umland, sonst durch klare Grenzen geschieden, zwar auch weiterhin getrennt waren, sich dennoch durchdringen und austauschen konnten. Sie boten nicht nur als temporäre Handelsplätze einen Anreiz für die Bauern, die Stadt aufzusuchen; sie ermöglichten durch die von ihnen geprägte heterogene Umgebung denjenigen, die blieben, einen dauerhaften Eintritt in die hermetische urbane Gemeinschaft. Die wiederum, Moravias Pointe deutet es an, ist überhaupt nur das Produkt dieser Migration.

 

II.

Ein eben solcher Ort befindet sich im Osten der Stadt, unweit der Porta Maggiore. Ihr ein wenig vorgelagert kündet das antike Grab eines zu Reichtum gekommenen Bäckers (in seiner Gestalt ist es den damaligen Öfen nachempfunden) von der merkantilen Geschichte der Gegend. Tatsächlich findet auch heute noch nur einige hundert Meter weiter, auf der Rückseite der Piazza Vittorio Emanuele II., mit dem Mercato Esquilino täglich einer der größten Märkte Roms statt. Seinen Namen verdankt er dem umliegenden Bezirk: Esquilin. Die Gegend gilt als Roms Melting Pot, das multiethnische Zentrum am Rande der Hauptstadt. Das über die Grenzen Italiens hinaus bekannte orchestra di Piazza Vittorio etwa, dessen Programm ausdrücklich in einer musikalischen Melange der zehn Nationen besteht, die hier zusammen spielen, hat seine geistige Heimat nicht zufällig im Herzen des Esquilin.

Der trägt denn auch seinen Namen, so die gängigste Deutung des Ursprungs, weil hier nicht die inquilini lebten, die Einwohner (im Sinne der Alteingesessenen der urbs, die rund um das hochgelegene Kapitol ansässig waren), sondern eben die esquilini, die Auswohner, die von außerhalb gekommen waren und sich seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert unterhalb der Stadt in diesem suburbium, dem ersten Suburb der Weltgeschichte, niedergelassen hatten. Der Mercato Esquilino ist also angesiedelt in einer Gegend, die von Beginn an geprägt ist durch Zuwanderung, beziehungsweise mag er für Letztere vielleicht überhaupt erst den Anstoß gegeben haben.

Nur beiläufig sei bemerkt, dass sich die Auswohner ihren Bezirk zu Anfang mit einer anderen Randgruppe teilen mussten: den Toten, die auf einem ausgedehnten, in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenem Gräberfeld bestattet wurden. In der römisch-antiken Kultur, in der, anders als in der christlichen, die Nekropolen entfernt von den Wohnstätten angelegt wurden, ist die Aussagekraft einer solchen Situation nicht zu unterschätzen. Hier klingt bereits eine Ablehnung an, wie sie auch aus der Bezeichnung burino spricht – aller Durchlässigkeit zum Trotz scheint sie der Begegnung verschiedener Lebenswelten innezuwohnen.

 

III.

Im Laufe der Geschichte hat der Esquelin selbstredend tiefgreifende Veränderungen erfahren. Seine heutige Erscheinung beispielsweise geht auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Als Rom Hauptstadt des unter der Krone der Savoyer vereinigten Italiens wurde, erfuhr die geradezu explodierende Stadt eine bauliche Grunderneuerung. Ihre oberste Maxime war es, dem neugewonnenen Status der Stadt und den mit ihm einhergehenden repräsentativen Ansprüchen zu entsprechen. Hiervon erzählen nicht zuletzt die gründerzeitlichen Bürgerhäuser, die in den Straßen des Esquelin vorherrschen und die von den höheren Beamten bezogen werden sollten. Der nun rasch immer weiter wachsende Verwaltungsapparat rief sie aus allen Teilen des Landes nach Rom. So kamen sie zwar von außen, doch in ihrer Funktion waren sie zugleich die inquilini des bürokratischen Roms, das nun in erster Linie eines war: Regierungssitz.

Wie bereits bedeutet wurde, sollte sich das Wesen des Quartiers, das ihm immerhin zu seinem Namen verholfen hatte, dennoch erhalten, der Esquilin sich auch weiterhin treu bleiben. Vielleicht, der Gedanke drängt sich auf, ist es das durch den Markt geprägte und von ihm nicht zu lösende Ambiente, das sich beharrlich zu behaupten weiß. Seit den 1980er Jahren wächst die Zahl der chinesischen Einwanderer in ganz Italien beständig. Die Mehrheit ist zunächst illegal im Land: Sie reisen ein mit einem Touristenvisum, ist dieses abgelaufen, tauchen sie unter und hoffen auf die sanatoria, die nachträglich erteilte Aufenthaltsgenehmigung. Besonders in der Textilindustrie werden sie als kostengünstigere Arbeitskräfte beschäftigt. Doch führen viele der ehemaligen Einwanderer längst auch selbst Geschäfte, in denen sie die Waren anbieten, deren niedrige Produktionskosten sich in den günstigen Preisen spiegeln. Diese Läden finden sich in außergewöhnlicher Dichte rund um die Piazza Vittorio – der Esquilin wird denn auch im Sprachgebrauch mittlerweile als quartiere cinese bezeichnet, das China Town Roms; wenn auch neben der chinesischen Gemeinde eine Vielzahl anderer ethnischen Gruppen ansässig ist.

Zwar sind es nicht mehr die Auswohner aus der Campania, die aus dem römischen Umland auf den Markt kommen, von denen Moravia erzählt und die dem Bezirk zu seinem Namen verholfen haben. Doch bleibt bezeichnenderweise der Markt der Ort, um den herum sich die Fremden, woher sie auch kommen mögen, ansiedeln. Ein Ort, der geprägt ist von Austausch und Handel und der dennoch (oder gerade deshalb) die Ressentiments nicht überwinden kann. Heutzutage sprechen nicht wenige Römer von den cinesi ebenso abfällig wie Moravias Taschendieb von den burini. Mit einem Unterschied allerdings: Offenkundig haben sie noch nicht begriffen, dass auch sie, die sie sich als inquilini der urbs verstehen, ursprünglich nichts anderes gewesen sind: esquilini.

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