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Investorentraum oder Anwohnertreffpunkt?

Ausgabe: Märkte

Investorentraum oder Anwohnertreffpunkt?

Markthallenkonzepte in Berlin und Hamburg im Vergleich
Text und Foto: Anna-Lena Wenzel

Samstagvormittag in der Markhalle Neun in Kreuzberg. Aus Anlass des französischen Nationalfeiertags gibt es französische Spezialitäten und Musik. In der Marktküche wird Crémant ausgeschenkt, exquisite farbenfrohe Macarons verkauft. Fast alle Tische sind besetzt und die Kinderspielecke ist gut besucht.

 

Seit gut einem Jahr ist hier zwei Tage die Woche Markt. Davor war die Halle jahrelang vor allem „Behälter“ für Aldi, Kik und Drospa. 2009 wollte der Eigentümer, die Berliner Großmarkt GmbH (BGM), über den Liegenschaftsfond die Halle verkaufen und initiierte einen Wettbewerb, der nach dem Bestpreisverfahren entschieden werden sollte. Doch gegen dieses Verfahren regte sich vor allem Widerstand von Anwohnerseite; eine Bürgerversammlung wurde veranstaltet und die zukünftige Nutzung der Halle zu einem öffentlichen – und politischen Thema gemacht. Diskutiert wurden sowohl die Fragen, was die Kriterien für die Vergabe betrifft, als auch, was so ein Konzept „kosten darf“. Am Ende wurde ein neues Vergabeverfahren ausgerufen, für das sich auch die Projektgruppe „Markthalle Neun“ bewarb. Es gelang ihr nicht nur Anwohner_innen und Medien zu mobilisieren, sondern auch Lokalpolitiker_innen und Großmarktverantwortliche von ihrem Konzept zu überzeugen: mit Erfolg – die Projektgruppe bekam den Zuschlag. Seitdem wurden eine Reihe von Veranstaltungen organisiert und die Markthalle schrittweise wieder mit Leben gefüllt. Statt der Halle dabei ein fertiges Investorenkonzept überzustülpen, geschieht der Umbau langsam – und möglichst transparent.

 

Während in Berlin also im Austausch mit den Anwohner_innen ein neues Markthallenkonzept entsteht, sorgt in Hamburg gerade die mangelnde Bürgerbeteiligung beim Umbau der Rindermarkthalle für Ärger.

Das Areal der alten Rindermarkthalle auf St. Pauli ist eines der letzten großen verfügbaren innerstädtischen Grundstücke mit hohem symbolischem Gehalt. Da St.Pauli in besonderem Maße von Gentrifizierungsprozessen betroffen ist, wird hier der Kampf um jeden verbliebenen Freiraum umso unerbittlicher geführt. Das Areal mit dem denkmalgeschützten Gebäude steht seit  zweieinhalb Jahren leer. Es gehört der Stadt Hamburg und wird von der Sprinkenhof AG verwaltet.

 

Der Bezirk Mitte beschloss schon vor Jahren ein „stadtteilverträgliches Nutzungskonzept“. Favorisiert wurde eine Mischnutzung inklusive einer Musikhalle für 4000 Besucher. Doch die geplante Bürgerbeteiligung wurde bei den Entscheidungen komplett umgangen. Anwohner_innen aus dem Karoviertel, der Schanze und St. Pauli Nord taten sich daraufhin zu der Initiative „Unser! Areal“ zusammen, die eng verknüpft ist mit „leute:real“ und „Die Wunschproduktion“, die sich ebenfalls für die Umgestaltung der Rindermarkthalle engagieren. Auch das Projekt die „Keimzelle“, die die Rindermarkthalle als großräumige soziale Gartenfläche nutzen will, ist mit von der Partie. Um die Stimmung der Anwohner_innen einzufangen, die bislang gänzlich unberücksichtigt blieb, wurde 2010 eine umfangreiche Umfrage durchgeführt. Zusätzlich wurden auf dem Areal Planungswürfel aufgestellt. Sie dienten dazu, neue Nutzungsideen zu entwickeln und eine anwohnerbasierte Stadtplanung zu erproben.Doch die Stadt hatte schon im September 2011 mit dem Lebensmittelunternehmen Edeka einen Vertrag ausgehandelt, der ein mindestens zwölf Jahre währendes Nutzungsrecht beinhaltete. Neben Edeka sollen nach einer zweijährigen Umbauzeit ein Discounter und ein Drogeriemarkt auf dem 14.000 Quadratmeter großen Areal untergebracht werden – um die Nahversorgung im Stadtteil zu gewährleisten. Zudem ist eine Marktnutzung eingeplant sowie Raum für soziokulturelle Nutzungen, die zum Selbstkostenpreis vermietet werden sollen.Mit der Erarbeitung des Marktkonzepts hat Edeka die Firma Maßmann & Co Handelsimmobilien betraut, eine noch junge Firma, die nun vieles besser machen will. Vielversprechend wird verlautbart: „Die Markthalle soll in Absprache und nach den Bedürfnissen der Anwohner entwickelt werden.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Planer genügend Spielraum von ihrem Auftraggeber mitbekommen haben und es ihnen gelingt, die Anwohner von der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens zu überzeugen und das zerrüttete Vertrauen der Anwohner_innen zurückzugewinnen. Zu oft wurden bisher jedoch Beteiligungsverfahren und die Stimmen der Anwohner übergangen, als dass man den Verlautbarungen Glauben schenken mag. Und zu oft gingen kommerzielle Interessen vor nachbarschaftlichen Bedürfnissen – wie die Planungswürfel zeigen, die in „Leuchttürme der verhinderten Beteiligung“ transformiert wurden.

 

Es wäre den Verantwortlichen in Hamburg zu wünschen, wenn sie sich ein Beispiel an der Entwicklung des Konzepts der Markthalle Neun nehmen würden – aber nur solange, wie es dieser gelingt, ihren Anwohnerbonus nicht zu verspielen. Denn durch ihren Fokus auf „qualitativ hochwertige Nahrungsmittel“ – die sich ein guter Teil der direkten Nachbarschaft nicht leisten kann – und junge Kreative (in Form von Veranstaltungen wie dem „Vintage Flohmarkt“ und dem „handmade supermarket“) droht die Markthalle Neun zum Vorreiter der Gentrifizierung im Viertel zu werden.

 

 

Ein weiterer Artikel zum Thema: http://www.99prozenturban.de/der-geteilte-marktplatz

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