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Gegen Ende

Ausgabe: Märkte

Gegen Ende

Über Berliner Mythen und die Zwänge des Immobilienmarktes
Interview: Malte Bergmann und Denis Sennefelder / Fotos: Denis Sennefelder

Lange boten die Risse in der Berliner Topographie weite Öffnungen für alternative Wohnformen. Vom Verfall bedrohte Häuser wurden in Eigenregie belebt, bespielt und instand-besetzt. Mit der neoliberalen Restrukturierung des Wohnungsmarktes und der anhaltenden Nachfrage nach innerstädtischen Wohnlagen ändert sich dies. Für seine Fotodokumentation Gegen Ende hat Denis Sennefelder eineinhalb Jahre Menschen begleitet, die mit der Bedrohung leben ihre Wohnräume verlassen zu müssen. Seine Fotos richten den Blick auf die Beziehung zwischen den Menschen und ihren, oft über Jahre hinweg angeeigneten, Räumen. Es geht um den Kampf zu bleiben, um zerplatzte Träume und Neuanfänge.

 

Als  Stadt-Soziologe interessiere ich mich für die alltäglichen Dimensionen des städtischen Lebens und Wandels. Ich frage mich immer wieder: Wie machen sich Menschen eine Stadt zu eigen? Was für Kulturen der Aneignung entstehen daraus? Und wie gehen Menschen mit Brüchen und Eingriffen in ihrer Alltagswelt um? Im Vorfeld des Gesprächs habe ich über die inhaltlichen Anknüpfungspunkte zwischen meiner und Denis Arbeit nachgedacht. Dabei sind meine Fragen immer wieder darum gekreist, wie diese Bilder entstanden sind. Ich gehe davon aus, dass es eine Verwandtschaft zwischen seiner fotografischen Arbeit und dem, was ich Feldforschung nenne, gibt. In beiden Fällen geht es darum, eine gewisse »Natürlichkeit« für fremde Alltagswelten zu bekommen und dennoch ein »professioneller Fremder« zu bleiben.



Malte Bergmann: Du hast jetzt über eineinhalb Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Kannst du dich noch erinnern, was dein ursprüngliches Interesse an dem Thema war?

 

Denis Sennefelder: Es gab mehrere »Initialzündungen«, die mein Interesse für sogenannte Sanierungshäuser geweckt haben. Zum einen Freunde und Bekannte, die in solchen Häusern wohnen oder selbst zu »Sanierungsopfern« wurden. Hinzu kam meine Faszination für Orte, die im Stadtbild erkennbar »aus dem Rahmen fallen« und dazu oft Anziehungspunkt für einen ebensolchen Menschenschlag sind.

Dieses wunderschöne leerstehende Gründerzeithaus in der Schlesischen Straße 25: Das hat für mich etwas von einer Trutzburg. Durch die zerbrochenen Scheiben ist es einerseits etwas Totes, gleichzeitig gehen dort täglich Menschen aus und ein und halten es am Leben. Und nicht zuletzt die Räumung der Liebigstraße 14 in Berlin-Friedrichshain im Februar 2011, die mir verdeutlicht hat wie rapide sich die Veränderungen in Berlin zuspitzten. Ab da fing ich an, mich mit der Situation einzelner Projekte und teilweise entmieteter Häuser in meinem Umfeld zu befassen.

 

Als wir uns zusammen die Bilder angesehen haben, kamen wir schnell darauf, dass es deiner Arbeit weder darum geht, reine Porträts von Menschen oder von den Häusern zu machen. Vielmehr geht es auf eine Art immer um Beziehungen zwischen Räumen und Menschen …

 

Ja das stimmt. Allerdings waren mir die einzelnen Personen und ihre Geschichte schon sehr wichtig. Klar war aber: Ich konnte weder alle betroffenen Menschen noch alle betroffenen Häuser in meine Arbeit einbeziehen. Fotografie ist für mich ein subjektives Medium – und folglich erzähle ich mit einer subjektiven Auswahl von Personen und Orten meine Sicht dieser Geschichte. Menschen und Orte gehören in der Serie »untrennbar« zusammen.

 

Du hast deine Arbeit »Gegen Ende« betitelt. Für viele, die nach Berlin kommen, hat die Stadt eine beinahe mythische Anziehungskraft. Neben dem reichen kulturellen Leben verspricht Berlin auch Bewohnern mit wenig Ressourcen Möglichkeitsräume, die es so in anderen Metropolen kaum gibt. Ist dein Projekt vielleicht auch ein Abgesang auf diesen Mythos?

 

Es gibt persönliche Wehmut in der Arbeit. Trauer über das Verschwinden von Orten, die in meiner Vergangenheit einen positiven Platz einnehmen. Viele Räume sind verschwunden, manche sind weiter gezogen. Für jene, die Berlin erst jetzt kennen lernen oder von der Stadt hören, lebt der Mythos, von dem du gesprochen hast, nach wie vor. Für die, die hier schon länger leben, ist aber klar: »Freiräume überall und für jeden zugänglich« – das ist Vergangenheit. Das

soll nicht heißen, dass ich nur zurückschauen und bedauern möchte. Der Titel formuliert auch eine kämpferische Haltung: »Sich gegen das Ende zu stellen«. Auch in einer scheinbar aussichtslosen Situation zu sagen: »Wir bleiben alle!«

 

Du hast unterschiedliche Leute für deine Arbeit begleitet und bist sicher auf sehr unterschiedliche Träume gestoßen.

 

Gemeinsam war allen, dass sie gerne dort geblieben wären, wo sie wohnten oder noch wohnen. Für viele ist der Traum geplatzt, andere kämpfen noch und wenige haben eine zufriedenstellende Lösung gefunden. Wenigen geht es nur um eine »günstige« Miete, es ist der persönliche Bezug zu ihrem Wohnraum, der ihre Wünsche bestimmt. Mit Geld oder anderen Sachleistungen ist das nicht auszugleichen, auch wenn das wohl der Traum vieler Eigentümer ist.

 

Wenn ich mich eines Themas angenommen habe, dann gab es auch immer eine Initialzündung, eine Faszination für eine Gruppe oder einem Phänomen. Dann kam der Zugang zu dieser Gruppe und die mühsame – oft auch einschüchternde – Phase der Annährung.

 

Mir war die Dimension des Themas zu Beginn nicht klar. Erst als ich mit der Zeit merkte, dass die Verdrängung ganz unterschiedliche Leute betrifft, wie stark die Bedrohung ist und wie essentiell Menschen darunter leiden, ist mir die Tragweite bewusst geworden. Erst an diesem Punkt wurde mir klar, was ich am Ende sagen will oder nicht sagen will. Ich konnte erklären was ich tue. So sind die Verbindungen enger und vertrauensvoller geworden. Ich konnte Orte fotografieren, die für eine Vielfalt stehen und deren Erhalt ich mir für die Stadt wünsche. Vor

allem habe ich die Chance bekommen, Menschen in ihren Häusern so zu zeigen, wie ich sie kennen gelernt habe, und damit etwas festzuhalten, was Berlin ausmacht. Und das hoffentlich auch in Zukunft bleibt.

 

Mathias Heyden hat, wie ich finde,  eine interessante Typologie der unterschiedlichen Wellen alternativen Wohnens in Berlin beschrieben. Da gibt es zuerst die kämpferischen Instand-Besetzungen der 80er Jahre, dann die eher abgeklärtere Generation der 90er, die weniger auf harte politische Konfrontation als auf Kompromiss und Legalisierung setzte. Für ihn sind die aktuellen Baugruppen und genossenschaftlichen Bauprojekte die letzte dieser Wellen. Ich denke oft, dass der Berlin-Mythos nicht stirbt, sondern einfach immer mehr privatisiert und kommerzialisiert wird.

 

Schon die erste Generation der Hausbesetzer in den 80er Jahren hat sich aufgeteilt in »Nichtverhandler« und »Verhandler«. Die »Nichtverhandler« wollten Revolution ohne Kompromisse und die anderen wollten, so wie du es für die letzte Welle beschreibst, einfach selbstbestimmten Wohnraum und haben Legalisierungen angestrebt. Um selbst zu bauen oder zu kaufen braucht man Geld und das fehlt den Menschen, die jetzt von Verdrängung betroffen sind,

überwiegend. Es gibt aber auch andere Modelle, die in Berlin oder auch anderswo zum Tragen kommen. So wird z.B. der Schokoladen in Mitte, der Anfang 2012 akut von der Räumung bedroht war, jetzt durch eine Schweizer Stiftung beim Kauf der Gebäude unterstützt. Sie vermittelt Geld und Kredite und stellt das Haus einem Verein zur Verfügung. Selbstbestimmte Kulturprojekte können so weiter bestehen und der angeschlossene Wohnraum bleibt erhalten.

 

Wenn es jetzt bereits »Gegen Ende« steht, was ist dann aus deiner Sicht

noch zu retten, was bleibt?

 

Auf der einen Seite steht das »Gegen Ende«. Mit Begriffen wie: Sanierungsbescheid,

Mieterhöhung, Verwertungsklage, Räumung, Luxussanierung. Ist ein Haus luxussaniert, dann möchte der Eigentümer auch das Maximum aus den Anlagen rausholen, sonst hat sich die ganze Arbeit für ihn ja nicht gelohnt. Wer sich das nicht leisten kann, der ist raus und mit ihm die illegalen Partys und Konzerte, Wandbemalung und die nicht genehmigte Schaukel. Der ökonomische Druck treibt die Stadt und ihre Bewohner zwangsläufig in diese Richtung. Das Ergebnis dieser Entwicklung kann man sich heute im Prenzlauer Berg anschauen. Liegt die Betonung bei »Gegen Ende« auf dem „Gegen“, dann sehe ich einen wachsenden Widerstand, der eine Menge Menschen mobilisiert und auch eine mediale Wahrnehmung für das Problem schafft. Es schließen sich Mieter zusammen, die sich sonst nur aus dem Hausflur kannten, und wehren sich gemeinsam. Vom Kiezspaziergang über Protestcamps wie Kotti & Co bis hin zur Besetzung von Leerstand – der Widerstand ist vielfältig.

 

Du hast ja von der zunehmenden Politisierung erzählt. Wie bist du mit dieser Entwicklung im Bezug auf deine konkrete Arbeit umgegangen? Der künstlerische Zugang zum Thema ist doch in der Regel ein anderer als der politische.

 

Mich haben die politischen Veranstaltungen aus dem linken Umfeld natürlich interessiert und auch Treffen der Kiezinitiativen habe ich auf der Suche nach den verschiedenen Formen der Betroffenheit und Gegenwehr besucht. Für meine fotografische Arbeit wollte ich aber eine gewisse Distanz zu den mehr oder weniger politischen Bewegungen. Zum einen, um meine Unabhängigkeit im Umgang mit dem Thema zu bewahren, und auf der anderen Seite, um mir einen möglichst offenen Blick auf die Problematik zu erhalten. Das hat aber nicht verhindert, dass viel von dem, was ich gehört und gesehen habe, am Ende doch Einfluss ausgeübt hat. Aktion spielt zwar nur eine abstrakte Rolle in meinen Bildern und doch kann man sie spüren.

 

Es gibt in den Berliner Szenen eine gewisse Tendenz zum Selbstmitleid und zur Nostalgie. Ich wünsche mir oft noch mehr Mut dem »Ende« neue Visionen entgegen zu setzen.

 

Mut finde ich auch gut und den zeige ich auch gerne. Ich bilde natürlich einen

Status quo ab, etwas das angegriffen wird und sich wehrt, etwas, das verschwindet

und trotzdem in Teilen überlebt. Viele der Mieter, die ich getroffen habe, sind zermürbt durch Ungewissheit, juristischen Kampf oder finanzielle Not und haben gar keine Kraft in dieser

Phase eine »Vision« zu entwickeln. Dazu braucht es auch den Willen der Politik, einen Dialog zwischen Eigentümern und Bewohnern politisch zu stützen. Leider werden die Probleme als solche von Berlins Politikern entweder gar nicht oder meist zu spät wahrgenommen. Von neuen Visionen für eine gerechte Zukunft der Stadt ganz zu schweigen.

 

Nach diesem Eintauchen in eine mir fremde Lebensrealität, musste ich oft auch meinen ursprünglichen Zugang zum Thema infrage stellen und mir eingestehen, dass ich manchmal auch Illusionen aufgesessen bin.

 

Schwierig war schon der erste Zugang zu den Menschen. Es ist ja so, dass Menschen, die nicht im Medienbetrieb arbeiten, oft erst kamerascheu sind. Menschen, die sich existenziell bedroht fühlen, sind es natürlich umso mehr. Für mich war es schon desillusionierend festzustellen, auf welchen Widerstand ich gestoßen bin, obwohl ich meine Arbeit als einen positiven Beitrag im

Sinne der Mieter gesehen habe. Es hat wirklich lange gedauert, bis ich mir das entsprechende Vertrauen erarbeitet hatte. Am Ende dieser eineinhalb Jahre habe ich ein intensives persönliches Verhältnis zu vielen aufgebaut. Vor allem durch diese langsame und vorsichtige Annäherung habe ich die Möglichkeit bekommen, Fotografien von Menschen zu machen, die sonst in der

Öffentlichkeit nicht repräsentiert sind. Diese Menschen sind aber ein wichtiger Bestandteil dieses Mythos der Stadt, den wir alle so attraktiv finden.

 

 

 

Das Gespräch wurde in leicht überarbeiteter Form aus dem Buch zum Fotoprojekt „Gegen Ende“ übernommen.

 

www.denis-sennefelder.de


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