99% Engagement
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Wie das Festival Osten zwischen Es-war-einmal und Was-könnte-sein vermittelt
Anna-Lena Wenzel
Zum dritten Mal hat das Festival Osten an drei Wochenenden im September nach Sachsen-Anhalt eingeladen. Das Ziel: einen Ort für gegenseitiges Interesse zu schaffen – zwischen den Locals und den Angereisten, zwischen der Es-war-einmal und der Was-könnte-Sein-Fraktion. Nach Stationen im ehemaligen Kulturhaus in Bitterfeld und der Feuerwehr Bitterfeld-Wolfen ist mit dem Kraftwerk Zschornewitz bei Gräfenhainichen ein weiterer geschichtsträchtiger Ort hinzugekommen: 1916 gebaut, war es für einige Zeit das leistungsstärkste Braunkohlekraftwerk der Welt. Schnell wuchs es, ebenso wie die Braunkohletagebauten drumrum, die die Umgebung umpflügten, ausnahmen und versehrt zurückließen – und in den letzten Jahrzehnten in eine grüne Landschaft umgewandelt wurden. Parallel zum Kraftwerk entstand eine Werkssiedlung, angelegt an Gartenstädte, deren Pittoreskheit überrascht, weil sie weder zu den damaligen rauchenden Schloten, noch zur heutigen Arbeitsplatztristesse in der Region passen mag. Prädestiniert ist das Kraftwerk für das Festival, weil es sowohl vom Damals als auch von der Transformation erzählt, die diese Gegend prägt. Das spürt man sofort, wenn man das ehemalige Werksgelände durch das Eingangstor betritt: Man steht vor einer weiten grünen Wiese, sieht scharf links auf eine rostige, entkernte Fassade, dahinter Photovoltaik Anlagen und geradeaus ein übriggebliebenes Gebäude stehen. Von der ehemaligen Größe und Betriebsamkeit ist nichts mehr übrig geblieben. 1992 wurde das Kraftwerk außer Betrieb genommen und stillgelegt. Bis 2015 wurde es sukzessive zurückgebaut. Wie viele Seen, die sich an den tiefsten Punkt zurückziehen, hat sich das Kraftwerk auf seinen Ursprung, die Schaltzentrale, reduziert. Über längere Zeit war es nicht zugänglich bis es vom Forum Rathenau und Ferropolis übernommen und nun zu einem Ort der Industriekultur umgebaut wird (mit einiger Verspätung könnte man meinen). Das Forum ist Host und Kooperationspartner des Festivals. Eine kluge Entscheidung, da so nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort, sondern automatisch eine lokale Anbindung gegeben ist und ein Experte für alternative Energiegewinnung mit im Boot ist. Noch einen weiteren Grund gibt es für die Wahl des Kraftwerks als Festivalstandort: Nach der letzten Ausgabe 2024 auf dem Gelände der Feuerwache in Wolfen zeichnete sich ab, dass das Festival nicht wieder auf städtischem Gelände stattfinden könne. [1] Schon damals bekam das Festival den Gegenwind der AfD zu spüren – in Form von Demonstrationen und der Klage eines lokalen AfD-Politikers. Die Präsenz und Strategien der AfD sind den Festival-Betreibern demnach schon länger vertraut. Ihre Strategie gegen diesen Gegenwind: ein Festivalangebot, das ortsspezifisch wie spartenübergreifend ist und die Besucher*innen ins Handeln und in den Austausch bringt, Präsenz über den Festivalzeitraum hinaus und die Entscheidung, ein politisches Festival zu sein, das gleichwohl ohne Brandmauer auskommt, weil es an die Begegnung als Gegenmittel zu Verhärtung und Beharrung glaubt.
Das entspricht einem Verständnis von Kunst und Kultur, wie es die Kuratorin Mirjam Zadoff formuliert, die als Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München ebenfalls Erfahrungen mit Gegenwind hat: „Die grundlegende Aufgabe von Kunst und Kultur besteht meines Erachtens darin, Möglichkeitsräume zu öffnen, unterschiedliche Schattierungen in Diskursen sichtbar zu machen und Grundlagen für Gespräche zu schaffen, die auf politischer Ebene gerade nicht geführt werden, weil Zuspitzung, Vereinfachung und Polarisierung vorherrschen.“[2]
Den Auftakt macht die Choreografin Irina Pauls, die am Eröffnungswochenende am 12. September dazu einlädt, sich nach der offiziellen Begrüßung an den Händen zu fassen und einen Kreis zu bilden. Das In-die-Bewegung-kommen und sich gegenseitig Anfassen und Anschauen öffnet den Raum und schafft Nähe über Generationsunterschiede und Habitus hinweg. Darüber hinaus gibt es weitere mikropolitische Entscheidungen, die das Festival nahbar machen und für ein diverses Publikum öffnen, wie ein breitgefächertes Programm, das statt auf aufwendige Neu-Produktionen den Fokus auf einer Vielzahl von Angeboten wie Werkstätten und Spaziergängen setzt; die Benutzung einer Sprache, die keine Antragprosa, sondern angewandt ist sowie ein Verpflegungsmix aus Pizza und Currywurst, Café und Softeis.
Neben der Herausforderung ein politisches Festival ohne dezidierte politische Positionierung sein zu wollen, gilt es noch einen weiteren Spagat zu überbrücken: Wird einerseits auf die spezifische ostdeutsche Geschichte des Ortes rekurriert, versucht man gleichzeitig nicht in einem Es-war-einmal-Diskurs stecken zu bleiben. Wie schnell das Damals heller erstrahlt als das Jetzt, kann man bei einer Führung einer Kraftwerkseniorin durch das Gebäude kennenlernen. Nachdem sie die unglaublich kurze Erbauungszeit des Kraftwerks preist, kann sie sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass sie es bedauerlich fände, dass einige historische Ausstellungsstücke für das Festival hätten weichen müssen. Dieses etwas nostalgische Zurückschauen ins Es-war-einmal geht oft einher mit einer einseitigen Erzählung der Transformationszeit als Zeit der Verluste und des Niedergangs und einer Skepsis gegenüber Neuerungen. Im Angesicht der vielen Arbeitslosen und Weggezogenen und des Verlusts von Identitätsmarkern[3] mag man das verstehen, und dennoch irritiert der Widerstand gegenüber den neuen Energiegewinnungsformen ebenso wie die Abwehr gegenüber dem „Fremden“, in den diese Nostalgie übersetzt wird.[4] Die Festival-Macher*innen versuchen dazwischen zu navigieren – indem sie das „Kraftwerk Zukunft“ zum Motto erkoren haben oder, zum Beispiel wie Christian Tschirner vorschlagen, das Wasserregulierungssystem, das Bitterfelds Grundwasser davor bewahrt, verseucht zu werden, den Weltkulturerbestatus zuzuerkennen – um damit auf die Verbesserungen und Investitionen vor allem im Umweltschutz zu verweisen, die nach der Wende eintraten.
In einer anderen Situation erfährt man wiederum, wie wichtig der Blick zurück ist, weil er Unbeachtetes ins Licht rückt. Wie bei dem Screening des Films Die Männer der „Vereinten Kraft“ aus dem Jahr 1990, in dem mehrere Männer porträtiert werden, die in einem Heizkraftwerk in Berlin-Mitte arbeiten. Die Regisseurin Kerstin Bastian ist im Nachgespräch sichtlich ergriffen. Sie sagt: „30 Jahre lang ist mein Film auf kein Interesse gestoßen, er wurde nicht ausgezeichnet und auch nicht im Fernsehen gezeigt. Erst jetzt gibt es Anfragen und Einladungen wie diese. Aber für manche der Porträtierten kommt das zu spät – Milan hat sich über die Jahre zugrunde gerichtet.“ Kerstin Bastian bricht die Stimme, sie ist keine geölt-routinierte Podiumssprecherin, die zum x-ten Mal über ihren Film spricht. Ihr Beispiel verweist auf die Versäumnisse und das Desinteresse an der DDR-Geschichte, die die letzten Jahrzehnte geprägt haben und etliche (Verletzungs-)Spuren hinterlassen haben.
Die Festivalkurator*innen haben gut daran getan, zahlreiche Künstler*innen einzuladen und Podien so zu besetzen, dass eine Brücke zwischen dem damals und dem Heute geschlagen und ein potentieller Blick auf die Gegend geworfen wird. So wird im Atelier für gegenseitiges Interesse nach dem Stand des gesellschaftlichen Zusammenhalts ebenso gefragt wie nach der Energie der Zukunft. Dabei kommt das Gespräch immer wieder auf die Auswirkungen der Landtagswahl. Eine Frau, die als Lehrerin in der Gegend arbeitet, erzählt, dass sie seit der Wahl vollkommen energielos ist. Die Aussicht auf eine Regierung mit AfD-Beteiligung hätte ihr den Stecker gezogen. Die Autorin Patty Hamilton, die in Sachsen-Anhalt lebt, berichtet aber auch von der Solidarität, die sie nach den Wahlen erfahren hat und ihrer Trotzreaktion, sich jetzt erst recht einbürgern zu lassen. Dann macht sie darauf aufmerksam, dass der Prozess der Kulturkürzungen und verschärften Förderbedingungen schon längst im Gange sei und nennt als Beispiel eine Literaturfondbewerbung bei der zum ersten Mal ein Nachweis der deutschen Staatsbürgerschaft oder eine höchstens drei (!) Monate alte Meldebescheinigung eingereicht werden musste.
Der Energie-Begriff wird dabei in unterschiedliche Richtungen ausgerollt. Ich notiere mir: Energiebewegung, Energieblockade, Ressourcenströmung, Bürgerenergiegenossenschaft, Fossil-Theorie, Energie-Epos. Ich habe mit den Dimensionen zu tun: Der Ort und die sie umgebende Landschaft machen den enormen Aufwand deutlich, den Energieerzeugung bedeutet. Doch Energie ist weitgehend unsichtbar: „Wie durch Zauberhand erwärmt oder erhellt, irren Objekte verschiedenster Dimensionen durch unsere Welt frei oder auf eigens-kreierten Wegen und Strukturen. Auch darin, in lebendigen, wie inaktiven Maschinerien, spiegelt sich permanent Energie und ihr Potential“, schreiben Justus Voigt und Carl Wolff im Booklet zu ihrer mehrteiligen Arbeit Echos aus Energieland[5]. Und weisen darauf hin, dass die Art und Wiese der Energieerzeugung und -nutzung in ihren globalen Ausmaßen, in ihrer Streuung und Vielschichtigkeit für den Einzelnen nicht (mehr) fassbar sei. Genauso wie die zeitliche Dimensionen der Energiegewinnung und Extraktion, auf die Eva von Redecker in ihrem Energie-Epos hinweist. Es sind Millionen von Jahre, die die Umwandlung von Pflanzen in Kohle gedauert hat – während ihr Verbrauch oft nur Sekunden andauert.
Während sich in Zschornewitz Gespräche immer wieder um zukünftige Energiegewinnungsformen drehen, geht es in Wolfen eher um soziale Energien. Hier befindet sich der zweite Festivalstandort mitten in einer Plattenbausiedlung, die von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Durch die räumliche Nähe und die Kooperation mit dem dortigen Jugendclub 83 ist man schnell im Kontakt mit der Nachbarschaft. Hier gilt es umso mehr alternative Perspektiven auf das Vorhandene zu werfen wie es die Urbanen Dermatologien machen: „Verfall [kann] als belastend empfunden werden, aber auch als dynamisches Aufbäumen der Natur gegen den Umgang mit ihr.“ In diesem Sinne bieten Jo Preußler und Coco Bergholm einen Spaziergang durch das Viertel an und fragen: „Steckt im Schwund, im Verwitterten und im Vernachlässigten möglicherweise Hoffnung?“
Die Frage nach dem Was-könnte-sein wird mit zwei Zukunftsentwürfen beantwortet, wie die neugewonnenen und renaturierten Flächen genutzt werden können. Während auf dem Kraftwerksgelände in Zschornewitz Schafe weiden und die Wollbeschäftigung ausgerufen wird, wurde in Wolfen auf eine Brache ein Kartoffelacker angepflanzt und lockt/ruft/pamphletisiert: Auf zur Selbstversorgung! Für mehr Selbstwirksamkeit und utopisches Denken.
Doch bevor ich Kartoffelsuppe löffel, ziehe ich mich auf den roten Hochsitz zurück, ich will kurz allein sein. Und finde ein Gedicht von Stefan Wartenberg, das die Zerrissenheit meiner Eindrücke gut in Wort fasst:
„das alles ist in mir gespeichert und wird gegen meinen Willen
von Melodien aktiviert die wie die Schmetterlinge in der Luft
komplexer Strömung ausgeliefert sind weswegen ich so flatter
und trotzdem will ich nicht zurück ich will kein Ostdeutscher mehr sein
ich tausch das Selbsterlebte gegen eine selbstgedrehte Kippe
und spiele Phönix aus der Asche auf dieser feuerroten Kanzel“
Auf dem Nachhauseweg muss ich an das Olympia-Nachtreffen denken, das parallel zum Festivalwochenende stattgefunden hat. Wir waren eine 12-köpfige Delegation, die 1996 zum Jugendfest der olympischen Spiele Atlanta reisen durfte. Ich bereue nicht, es verpasst zu haben, aber beim Durchgehen der Teilnehmer*innen fällt mir zum ersten Mal auf, dass wir alle aus Westdeutschland kamen. Wie konnte das passieren? Schon zum Auswahllehrgang kamen von den 96 Teilnehmer*innen nur sechs aus dem Osten. Wenn man erstmal anfängt, die Ost-Brille aufzusetzen und nach Ungleichheiten zu suchen, wird man schnell fündig: Die ständige Markierung des Ostens bei gleichzeitiger Unmarkierung des Westens, die Leerstellen in der Kunst/ Kunstgeschichte/ Geschichtserzählung, die sich nun langsam füllen. Ich bin dankbar über ein Format wie das Osten-Festival, das mir als westdeutsch-sozialisierte Person hilft, die Ost-Brille aufzusetzen, mich dem Osten auszusetzen, sowohl zurück in das Was-war und nach vorne in das Was-könnte-sein zu schauen. Darin liegt sein Potential, der Verengung des Blicks und der Verhärtung der Seele zu begegnen.
Am letzten Wochenende – als zum Kuchenessen noch mal alle an einer langen Tafel Platz nehmen – verkünden die Organisator*innen, dass sie weiter machen, aber nicht mehr im Festival-Turnus. Das dankbare Herz bekommt einen Dämpfer, aber es schaut nach vorne.
[1] Vgl. Anne Fromm: Ach, wäre es nur ein Es-könnte-mal-Land, taz, 12.9.2026, https://taz.de/Sachsen-Anhalt-nach-den-Wahlen/!6208050/
[2] Erinnern heißt, Zukunft zu entwerfen. Im Gespräch mit Mirjam Zadoff, in: ARCH+: Metaxy. Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau, Nr. 265, September 2026, S. 16.
[3] So unaufgeregt wie eindringlich erzählt der Film Glück auf, ahoi! von Sven Johne, der in der Schaltzentrale zu sehen ist, von dieser Transformation: Dabei wird die Demenz des Vaters, mit der Veränderung der Landschaft verglichen, der ihre Identität als Bergbauregion abhanden gekommen ist. So wie die persönliche Erinnerung fragmentarisch wird und langsam zerfällt, wird das Gedächtnis der Landschaft brüchig und neu be/geschrieben.
[4] Auf das oft paradoxe Verhältnis zu Macht macht Ada Mukhina in ihrer Performance Switch aufmerksam. Darin erinnert sie zunächst auf die machtvolle Geste des Schalterumlegens, mit der im Kraftwerk 1948 die Energie-Blockade Westberlins ausgelöst wurde. Im nächsten Schritt stellt sie die Option, „günstiges“ Gas aus Russland zu beziehen, als potentielle Unterwerfung dar. Was sind die Gründe für diese passive Haltung? Die Verwendung von Begriffen aus dem BDSM-Kontext ist dabei bewusst gewählt und rückt die Frage der Motivation noch mal in ein anderes Licht. Energie ist Potenz – und Grundlage für Abhängigkeiten.
[5] Justus Voigt und Carl Wolff: Ambivalente Wirklichkeiten. Echos aus Energieland, 2024/2026
Fotos: Anna-Lena Wenzel, Falk Wenzel (Perfomance Ada Mukhina) und Jo Preussler (Wolfen)
Das entspricht einem Verständnis von Kunst und Kultur, wie es die Kuratorin Mirjam Zadoff formuliert, die als Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München ebenfalls Erfahrungen mit Gegenwind hat: „Die grundlegende Aufgabe von Kunst und Kultur besteht meines Erachtens darin, Möglichkeitsräume zu öffnen, unterschiedliche Schattierungen in Diskursen sichtbar zu machen und Grundlagen für Gespräche zu schaffen, die auf politischer Ebene gerade nicht geführt werden, weil Zuspitzung, Vereinfachung und Polarisierung vorherrschen.“[2]
Den Auftakt macht die Choreografin Irina Pauls, die am Eröffnungswochenende am 12. September dazu einlädt, sich nach der offiziellen Begrüßung an den Händen zu fassen und einen Kreis zu bilden. Das In-die-Bewegung-kommen und sich gegenseitig Anfassen und Anschauen öffnet den Raum und schafft Nähe über Generationsunterschiede und Habitus hinweg. Darüber hinaus gibt es weitere mikropolitische Entscheidungen, die das Festival nahbar machen und für ein diverses Publikum öffnen, wie ein breitgefächertes Programm, das statt auf aufwendige Neu-Produktionen den Fokus auf einer Vielzahl von Angeboten wie Werkstätten und Spaziergängen setzt; die Benutzung einer Sprache, die keine Antragprosa, sondern angewandt ist sowie ein Verpflegungsmix aus Pizza und Currywurst, Café und Softeis.
Neben der Herausforderung ein politisches Festival ohne dezidierte politische Positionierung sein zu wollen, gilt es noch einen weiteren Spagat zu überbrücken: Wird einerseits auf die spezifische ostdeutsche Geschichte des Ortes rekurriert, versucht man gleichzeitig nicht in einem Es-war-einmal-Diskurs stecken zu bleiben. Wie schnell das Damals heller erstrahlt als das Jetzt, kann man bei einer Führung einer Kraftwerkseniorin durch das Gebäude kennenlernen. Nachdem sie die unglaublich kurze Erbauungszeit des Kraftwerks preist, kann sie sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass sie es bedauerlich fände, dass einige historische Ausstellungsstücke für das Festival hätten weichen müssen. Dieses etwas nostalgische Zurückschauen ins Es-war-einmal geht oft einher mit einer einseitigen Erzählung der Transformationszeit als Zeit der Verluste und des Niedergangs und einer Skepsis gegenüber Neuerungen. Im Angesicht der vielen Arbeitslosen und Weggezogenen und des Verlusts von Identitätsmarkern[3] mag man das verstehen, und dennoch irritiert der Widerstand gegenüber den neuen Energiegewinnungsformen ebenso wie die Abwehr gegenüber dem „Fremden“, in den diese Nostalgie übersetzt wird.[4] Die Festival-Macher*innen versuchen dazwischen zu navigieren – indem sie das „Kraftwerk Zukunft“ zum Motto erkoren haben oder, zum Beispiel wie Christian Tschirner vorschlagen, das Wasserregulierungssystem, das Bitterfelds Grundwasser davor bewahrt, verseucht zu werden, den Weltkulturerbestatus zuzuerkennen – um damit auf die Verbesserungen und Investitionen vor allem im Umweltschutz zu verweisen, die nach der Wende eintraten.
In einer anderen Situation erfährt man wiederum, wie wichtig der Blick zurück ist, weil er Unbeachtetes ins Licht rückt. Wie bei dem Screening des Films Die Männer der „Vereinten Kraft“ aus dem Jahr 1990, in dem mehrere Männer porträtiert werden, die in einem Heizkraftwerk in Berlin-Mitte arbeiten. Die Regisseurin Kerstin Bastian ist im Nachgespräch sichtlich ergriffen. Sie sagt: „30 Jahre lang ist mein Film auf kein Interesse gestoßen, er wurde nicht ausgezeichnet und auch nicht im Fernsehen gezeigt. Erst jetzt gibt es Anfragen und Einladungen wie diese. Aber für manche der Porträtierten kommt das zu spät – Milan hat sich über die Jahre zugrunde gerichtet.“ Kerstin Bastian bricht die Stimme, sie ist keine geölt-routinierte Podiumssprecherin, die zum x-ten Mal über ihren Film spricht. Ihr Beispiel verweist auf die Versäumnisse und das Desinteresse an der DDR-Geschichte, die die letzten Jahrzehnte geprägt haben und etliche (Verletzungs-)Spuren hinterlassen haben.
Die Festivalkurator*innen haben gut daran getan, zahlreiche Künstler*innen einzuladen und Podien so zu besetzen, dass eine Brücke zwischen dem damals und dem Heute geschlagen und ein potentieller Blick auf die Gegend geworfen wird. So wird im Atelier für gegenseitiges Interesse nach dem Stand des gesellschaftlichen Zusammenhalts ebenso gefragt wie nach der Energie der Zukunft. Dabei kommt das Gespräch immer wieder auf die Auswirkungen der Landtagswahl. Eine Frau, die als Lehrerin in der Gegend arbeitet, erzählt, dass sie seit der Wahl vollkommen energielos ist. Die Aussicht auf eine Regierung mit AfD-Beteiligung hätte ihr den Stecker gezogen. Die Autorin Patty Hamilton, die in Sachsen-Anhalt lebt, berichtet aber auch von der Solidarität, die sie nach den Wahlen erfahren hat und ihrer Trotzreaktion, sich jetzt erst recht einbürgern zu lassen. Dann macht sie darauf aufmerksam, dass der Prozess der Kulturkürzungen und verschärften Förderbedingungen schon längst im Gange sei und nennt als Beispiel eine Literaturfondbewerbung bei der zum ersten Mal ein Nachweis der deutschen Staatsbürgerschaft oder eine höchstens drei (!) Monate alte Meldebescheinigung eingereicht werden musste.
Der Energie-Begriff wird dabei in unterschiedliche Richtungen ausgerollt. Ich notiere mir: Energiebewegung, Energieblockade, Ressourcenströmung, Bürgerenergiegenossenschaft, Fossil-Theorie, Energie-Epos. Ich habe mit den Dimensionen zu tun: Der Ort und die sie umgebende Landschaft machen den enormen Aufwand deutlich, den Energieerzeugung bedeutet. Doch Energie ist weitgehend unsichtbar: „Wie durch Zauberhand erwärmt oder erhellt, irren Objekte verschiedenster Dimensionen durch unsere Welt frei oder auf eigens-kreierten Wegen und Strukturen. Auch darin, in lebendigen, wie inaktiven Maschinerien, spiegelt sich permanent Energie und ihr Potential“, schreiben Justus Voigt und Carl Wolff im Booklet zu ihrer mehrteiligen Arbeit Echos aus Energieland[5]. Und weisen darauf hin, dass die Art und Wiese der Energieerzeugung und -nutzung in ihren globalen Ausmaßen, in ihrer Streuung und Vielschichtigkeit für den Einzelnen nicht (mehr) fassbar sei. Genauso wie die zeitliche Dimensionen der Energiegewinnung und Extraktion, auf die Eva von Redecker in ihrem Energie-Epos hinweist. Es sind Millionen von Jahre, die die Umwandlung von Pflanzen in Kohle gedauert hat – während ihr Verbrauch oft nur Sekunden andauert.
Während sich in Zschornewitz Gespräche immer wieder um zukünftige Energiegewinnungsformen drehen, geht es in Wolfen eher um soziale Energien. Hier befindet sich der zweite Festivalstandort mitten in einer Plattenbausiedlung, die von Leerstand und Rückbau geprägt ist. Durch die räumliche Nähe und die Kooperation mit dem dortigen Jugendclub 83 ist man schnell im Kontakt mit der Nachbarschaft. Hier gilt es umso mehr alternative Perspektiven auf das Vorhandene zu werfen wie es die Urbanen Dermatologien machen: „Verfall [kann] als belastend empfunden werden, aber auch als dynamisches Aufbäumen der Natur gegen den Umgang mit ihr.“ In diesem Sinne bieten Jo Preußler und Coco Bergholm einen Spaziergang durch das Viertel an und fragen: „Steckt im Schwund, im Verwitterten und im Vernachlässigten möglicherweise Hoffnung?“
Die Frage nach dem Was-könnte-sein wird mit zwei Zukunftsentwürfen beantwortet, wie die neugewonnenen und renaturierten Flächen genutzt werden können. Während auf dem Kraftwerksgelände in Zschornewitz Schafe weiden und die Wollbeschäftigung ausgerufen wird, wurde in Wolfen auf eine Brache ein Kartoffelacker angepflanzt und lockt/ruft/pamphletisiert: Auf zur Selbstversorgung! Für mehr Selbstwirksamkeit und utopisches Denken.
Doch bevor ich Kartoffelsuppe löffel, ziehe ich mich auf den roten Hochsitz zurück, ich will kurz allein sein. Und finde ein Gedicht von Stefan Wartenberg, das die Zerrissenheit meiner Eindrücke gut in Wort fasst:
„das alles ist in mir gespeichert und wird gegen meinen Willen
von Melodien aktiviert die wie die Schmetterlinge in der Luft
komplexer Strömung ausgeliefert sind weswegen ich so flatter
und trotzdem will ich nicht zurück ich will kein Ostdeutscher mehr sein
ich tausch das Selbsterlebte gegen eine selbstgedrehte Kippe
und spiele Phönix aus der Asche auf dieser feuerroten Kanzel“
Auf dem Nachhauseweg muss ich an das Olympia-Nachtreffen denken, das parallel zum Festivalwochenende stattgefunden hat. Wir waren eine 12-köpfige Delegation, die 1996 zum Jugendfest der olympischen Spiele Atlanta reisen durfte. Ich bereue nicht, es verpasst zu haben, aber beim Durchgehen der Teilnehmer*innen fällt mir zum ersten Mal auf, dass wir alle aus Westdeutschland kamen. Wie konnte das passieren? Schon zum Auswahllehrgang kamen von den 96 Teilnehmer*innen nur sechs aus dem Osten. Wenn man erstmal anfängt, die Ost-Brille aufzusetzen und nach Ungleichheiten zu suchen, wird man schnell fündig: Die ständige Markierung des Ostens bei gleichzeitiger Unmarkierung des Westens, die Leerstellen in der Kunst/ Kunstgeschichte/ Geschichtserzählung, die sich nun langsam füllen. Ich bin dankbar über ein Format wie das Osten-Festival, das mir als westdeutsch-sozialisierte Person hilft, die Ost-Brille aufzusetzen, mich dem Osten auszusetzen, sowohl zurück in das Was-war und nach vorne in das Was-könnte-sein zu schauen. Darin liegt sein Potential, der Verengung des Blicks und der Verhärtung der Seele zu begegnen.
Am letzten Wochenende – als zum Kuchenessen noch mal alle an einer langen Tafel Platz nehmen – verkünden die Organisator*innen, dass sie weiter machen, aber nicht mehr im Festival-Turnus. Das dankbare Herz bekommt einen Dämpfer, aber es schaut nach vorne.
[1] Vgl. Anne Fromm: Ach, wäre es nur ein Es-könnte-mal-Land, taz, 12.9.2026, https://taz.de/Sachsen-Anhalt-nach-den-Wahlen/!6208050/
[2] Erinnern heißt, Zukunft zu entwerfen. Im Gespräch mit Mirjam Zadoff, in: ARCH+: Metaxy. Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau, Nr. 265, September 2026, S. 16.
[3] So unaufgeregt wie eindringlich erzählt der Film Glück auf, ahoi! von Sven Johne, der in der Schaltzentrale zu sehen ist, von dieser Transformation: Dabei wird die Demenz des Vaters, mit der Veränderung der Landschaft verglichen, der ihre Identität als Bergbauregion abhanden gekommen ist. So wie die persönliche Erinnerung fragmentarisch wird und langsam zerfällt, wird das Gedächtnis der Landschaft brüchig und neu be/geschrieben.
[4] Auf das oft paradoxe Verhältnis zu Macht macht Ada Mukhina in ihrer Performance Switch aufmerksam. Darin erinnert sie zunächst auf die machtvolle Geste des Schalterumlegens, mit der im Kraftwerk 1948 die Energie-Blockade Westberlins ausgelöst wurde. Im nächsten Schritt stellt sie die Option, „günstiges“ Gas aus Russland zu beziehen, als potentielle Unterwerfung dar. Was sind die Gründe für diese passive Haltung? Die Verwendung von Begriffen aus dem BDSM-Kontext ist dabei bewusst gewählt und rückt die Frage der Motivation noch mal in ein anderes Licht. Energie ist Potenz – und Grundlage für Abhängigkeiten.
[5] Justus Voigt und Carl Wolff: Ambivalente Wirklichkeiten. Echos aus Energieland, 2024/2026
Fotos: Anna-Lena Wenzel, Falk Wenzel (Perfomance Ada Mukhina) und Jo Preussler (Wolfen)






