Yellow – Red (Berlin)
Yellow – Red (Berlin)
Andreas von Ow
28.04.20: Start meiner Reise, beginnend um meine Wohnung in Berlin Schöneberg/Friedenau herum…
Corona-Shut down, alles entspannter auf den Straßen. Weniger Hektik, weniger Unfälle, aber auch: weniger Farbmaterial für mich…
11.05.20: Schauend die Straßen abtasten… Bild für Bild in Millisekunden aufnehmen, verarbeiten, bewerten und entscheiden…Rot! Anhalten! Gelb! Anhalten!
24.05.20: Ruhe in den Straßen ist schon wieder vorbei. Alles wie vorher…
#Gelb, Yellow, Kaisergelb, Gambogeyellow, Flügel des Stieglitz, Cinquefoil, Gummigutta, deep safron, Indischgelb… Oder wie sie weiter auch heißen, die Gelbs… Farbnamen kaum präzise zuordenbar, sind sie dennoch Geschichte.
Farbgedächtnis ist unser ungenauestes Gedächtnis…
Indischgelb: Indische Kühe, bekamen weniger zu trinken und wurden mit Mangobaumblättern gefüttert… der schöne Farbstoff ist Destillat aus deren intensiven Urin… heilige Kühe…
17.06.20: Steglitz: Rot. Bremsen! Zurück! Erblicktes mit Bildgedächtnis wieder aufsuchen/rekonstruieren. Bildgedächtnis zählt jetzt. Dann Erkennen: ein Blütenblatt einer Geranie, vom Balkon gefallen, lockte mich in die Irre. Loreley… Verpasse evtl. gerade andere Rotsplitter außerhalb meines Blickfeldes...
23.06.20: Auto fährt über etwas drüber. Das Knacken kenne ich! Gelbsplitter! Das Gehör schaut auch mit.
19.06.20: Fliegerviertel, Tempelhof, Regen, gedämpfte Farben, Gras nicht so grün, Blüten noch zu, Häuser in Graustufen… Herr im Trenchcoat, feist, blasses Gesicht, beobachtete mich lange: „Ah, Sie picken uns die roten Punkte aus‘m Stadtbild?!“ Ich: „Ja“… Er lächelt zufrieden und geht weiter… Tropfnass…
Leuchtende Rots und Gelbs, zwischen dem Pflaster, warten darauf, von mir entdeckt zu werden.
Wo eins auftaucht, sind meist noch mehr drumherum…
Bremsen… Fußknöchel am Pedal aufschrammen, mich freuen über die fette Beute. Tiefes schönes Blutrot an meinem Knöchel…
13.07.20: Kreuzberg: Herrenloses Fahrrad, verbogen… Katzenaugen hängen noch dran… Will sie nicht abzupfen… Ich drehe um, mach‘s doch, wie ein Aasgeier…
Mercedes-Benz-Arena, eine der erfolgreichsten Multifunktionsarenen der Welt… 1,3 Millionen Besucher jährlich etc… Drumherum: seelenloses Investoren-Büro-Wohnquartier, niemand hängt hier Pflanzen an den Balkon… Beispiel für knallhart kalkulierte „Gemütlichkeit“ und Systemgastronomieästhetik…
18.06.20: EDEKA, Bergmannstraße, Kreuzberg: lese Gelbsplitter auf... Jemand läuft mir hinterher, überreicht mir stolz ein Stück Gelb, die Kostbarkeit in einem Taschentuch gehalten. „Oooh, Danke!“ Er hat eine Kappe auf, Struppelhaare, Fingernägel mit schwarzen Rändern, nuschelt ein „Tschüss“, lächelt schüchtern nach unten und geht zurück zu Kumpel und Dosenbier auf dem Bordstein…
01.09.20: Heerstraße, Neustaaken, Spandau: auf ehemaligem Todesstreifen stehen jetzt LIDL und Nagelstudio
12.09.20: Arbeitstage in meinem riesigen Outdoor-Atelier werden jetzt kürzer, Tageslicht bestimmt meine Arbeitszeit.
Gelbe und rot-bräunliche Blätter fallen von den Bäumen, fordern mein Farbsehen heraus, täuschen mich herrlich… vor kurzem noch das Grün oben, an den Bäumen… versteckt es jetzt als leuchtendes Goldgelb, Goldocker, Rubinrot und Braun meine Gelbs und Rots vor mir…
09.11.20: Dröhnende Laubbläser, Herbstblätterberge genau da, wo ich sonst leicht was finde, weil da die Stadtreinigung nicht hinkommt: Bauminseln, Fahrradständer, unbeachtete Ecken, Parkplätze etc. …
Sehr sauber in Dahlem! Einmal hier mit Pipilotti Rist spazieren gehen, genüsslich Blink- und Rücklichter der Lamborghinis und Maseratis zerklopfen. Reiche Gelb-Rot-Ernte.
15.11.20: Schöneberg… Rot!... bremsen… absteigen… zermatschte Rosenblüten vom 9.11. auf den Stolpersteinen im Gehweg… Ich radel weiter, mein Gedankenfluss hat sich verändert…
#Rot, red, scarletred, scharlachrot, #vermillon usw… ihre Namen verraten Geschichte…
William Turner waren diese Namen nur für den Farbenkauf wichtig, alles andere war ihm relativ egal… auch, dass sein heiß geliebtes Zinnoberrot nicht dauerhaft war… er wollte sein Farbenfest, im Hier und Jetzt!...
Protention: in etwa Vorahnung: „Da blitzt ein Stück rot hervor, da könnten gleich noch mehr sein…“
Retention: nebst den aktuell zufließenden Bildern, den unmittelbar vorausgegangenen Augenblick im Gedächtnis festhalten… beim Vorbeifahren blitzschnelles Überprüfen dieser Nachbilder...
Attention ist sowieso auch gefragt…
02.12.20: Von Hafen Neukölln nach Tempelhof bezaubernde Duftsymphonie: Kaffee von Jacobs, Tabak von Philip Morris, gebrannte Mandeln und Baklava von einer türkischen Großbäckerei, Weihnachtskekse vom Bahlsen-Werk… Industrielandschaft in Grautönen, grauer Himmel, Marlboro-Mann leuchtet bunt.
In Tempelhof Kleingartenanlagen, kilometerweit…Rollrasencharme und Laubbläserklarheit… Weihnachtsmänner und Gartenzwerge leuchten…
02.02.21: Weiße Decke liegt über der Stadt… auch über Rot und Gelb…
Ab jetzt mehr Indoor-Atelier, Rohmaterial aufbereiten… von anderen Teilen befreien, reinigen, auskochen, trocknen…
15.02.21: Mein Streunern und Sammeln ist keine künstlerische Tätigkeit an sich, es ist der Prolog und untrennbarer, wichtiger Bestandteil des Gesamtbildes, der Malerei, welche dies dann spürbar ausstrahlt...
Vierter Standmixer im Atelier gecrasht… sind nur für Smoothies brauchbar…
Ich will die Farbe erschließen und nicht zur Wiedergabe von etwas verwenden, Farbe nicht nur nutzen, sondern sie durch malen in sich be- und verstärken… und in mir aufnehmen, verinnerlichen. Es steckt genug in den Farbmaterialien… Ich schaue schnell das Zitat von Claude Romano aus „de la couleur“nach, das mir seit Tagen durch den Kopf geht:
„Der Maler erlebt nicht auf der einen Seite die Farbe und auf der anderen die Welt; er erlebt die Welt in und durch die Farbe!“. Voilà!
02.05.21: Weißensee: Mann, Feinrippunterhemd, rauchend am Fenster im 3. Stock, hielt mich, Handy in der Hand, die Gegend prüfend, für einen Immobilienmakler, der das Haus knipst… ich umriss ihm kurz mein Vorhaben… er rief nochmal runter: „Und wo willste hin?“ „Da, wo ich noch nicht war.“ „Naja, und wohin?“ „Weiß ich noch nicht, aber ich finde den Weg, Danke!“ „Na wenn du nicht weißt, wo du hinwillst, kann ick dir ooch nich helfen…“.
16.06.21: Faktoren wie: Kombinationen der Farben zueinander, Sonnenstand, Lichteinfall + Blickwinkel, sind bei jedem einzelnen Bildsignal, was das Auge aufnimmt, grundlegende Faktoren für das was das das Gehirn blitzschnell analysiert. Meine Gelb-Rot-Tour verdeutlicht mir das noch mal… #affordanz, #InteractionOfColor, #Qualia, #Sichtfelder, #FieldsOfView, #Sichtweisen…
18.06.21: Falkenhagener Feld, Spandau, Westplattenbau-Großsiedlung, Sozialer Brennpunk, Menschen unterschiedlichster Kulturen… Viele rote Scherben in einem Haufen voller Autoteile gefunden. Junge fragt Vater, was da passiert ist. Er sagt: Ehestreit, Frau hat Auto von Mann kaputtgeschlagen…
Straßen und Wege sind vermeintlich gebaut, um von A nach zu B kommen… Auf der Straße bin ich zu langsam, auf dem Radweg zu nervig, auf dem Gehweg per se als Radfahrer verhasst... Passe in keine Kategorie… Meine Körpersprache unterscheidet sich von denen, die was anderes suchen sowieso. Wohin gehöre ich nun?
Das Fremdsein kann man so simpel haben. Es so bewusst erfahren… und aushalten... weitet Blick und Empathie.
Es ist immer gut zu versuchen, die Welt durch die Augen von jemand anderem nochmal anzuschauen…
27.10.21: Bedeckt, Abgedeckt, Versteckt, Herbstlaub…
Tage werden wieder kürzer
Ausgiebiges Betrachten… Ist Hingabe altmodisch? Oder essenzieller Dauerbrenner?
08.01.22: Schwarzer Filzstift, schneller Strich auf der Stadtkarte = Zwei Stunden lang Gezuckel und Gerumpel über Stock und Stein… und Birken (typische Pionierpflanze z.B. auf ehem. Todesstreifen) …
14.01.22: Fahre ich nur noch die Strecken ab, oder bin ich noch ganz bei rot und gelb? Funktioniert mein längst verinnerlichter „Farbfilter“ noch?
21.01.22: Die Entstehung der roten und der gelben Malerei, von vorne bis hinten langsam erzählt… Von der Materialgewinnung (diese Farbsammeltour) bis zu den fertigen Arbeiten, dem Höhepunkt…
Erzählt bei Instagram…
Verlangsamt und doch komprimiert…
in einem Medium, was dem Verlangen nach schnellstmöglicher Konsumierung von Bild-Ereignissen dient…
02.02.22: Immer wieder Staunen, mich so frei bewegen zu können! Andernorts wäre es sicherlich nicht möglich oder anders.
04.02.22: Bei Großbeeren: Alter Mann auf Rennrad will mir beim Weg helfen. Ich lehne dankend ab, frage, was die gelben Brillengläser brächten, er meint, man sähe mit diesem Farbfilter vor Augen die Konturen besser.
09.02.22: Stahnsdorf, Stadtrand, Bausparkassenprospektlebenstraumhäuser vs. LPG-Landwirtschaftsgebäudereste und Kalter Krieg-Überbleibsel. DDR-Charme vs. Schöner Wohnen-Ästhetik…
07.04.22: Jagdschloss Grunewald… #Minium, #cinnabarred, #cinnabaris, #Drachenblutharz, #Mennige usw.…
18.04.22: Mapping und Abgleichen: Biketracker, Stadtplan, Google Maps… Vorhandene Wege/Straßen und solche, die nicht mehr existieren... Altmodischer Stadtplan (von 2018), Satellitenbilder (von jetzt?), physische Realität (definitiv jetzt).
01.05.22: Rummelsburg: Betonblöcke, Waschbetonplatten,
Grammatikfehler, Kaffeepötte aus niedrig gebrannter Keramik klingen beim Umrühren von einem der Balkone…
Lichtenberg: Die DDR-Stadtplanung ist eigentlich übersichtlich. Hatte seinen Zweck. Häuserblöcke, viele verzweigte Wege und Straßen, ähneln sich sehr, wiederholen sich oft, verwirren mein Gefühl für Himmelsrichtungen…
Vieles ist zu zart, um gedacht, noch mehreres, um besprochen zu werden. – Blütenstaub. Novalis, 250. Geburtstag
03.05.22: So viele eingesammelte Bilder im Kopf, überlagern sich, Erinnerungen an Orte überdecken sich... Wenn ich nach langer Zeit wieder dorthin zurückkehre, ploppt die Kenntnis über sie wieder auf…
Wann und wie erinnere ich mich an Erlebtes? Wie verändern sich diese Erinnerungen und was verknüpfen ich mit ihnen?
25.05.22: Potsdam-Babelsberg Nord:
Zischen und Rattern,
zerschneiden Stille,
Roboterrasenmäher
trimmen auf Normhöhe
31.05.22: Kladow: Katzenkopfsteinpflaster
Tourbeginn, Fahrradkarte verloren. Aufregung. Weg zurück. Suchen. Gefunden. 30min Puls hoch. Erleichterung. Weiterfahrt.
Wildschwein gesichtet…niedlich…keine Gefahr…auf dem Fahrrad wirke ich groß, ich erschrecke sie eher... Ich muss behutsam sein im Wald…
Pläne gucken, Pläne machen... Was ist effektiver beim Unterwegssein? Lange überlegen oder einfach machen? Wie sehr beeinträchtigt Effizienzdenken mein Sehen?
Robinien blühen,
Windstille im Wald,
Brummen bestimmt den Unterton,
in weißer Blütenwolke,
im blauen Himmel…
Bienenarmada,
ihre Wohnkästen: gestapelt in einer Lichtung,
ein Bienen-Marzahn… Sehr schön!
10.07.22: Potsdam-Schlaatz: Pappeln sind im Wind am lautesten. Aber anders als Schwarzwaldtannen und –fichten.
Fokussiert und unter meiner „Käseglocke“… viele trauen sich kaum, mich anzusprechen… Ich muss mich wieder mehr für diese Gespräche öffnen…
Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, ich glaube, man hält mich für einen Einbrecher…
Ist es hier mein Vorteil beim Rumstreunern, nicht „ausländisch“ auszusehen?
Karpfenangler an der Nuthe, gegenüber Heizkraftwerk, Potsdam Drewitz. Vater und Sohn, arabischer Akzent, Angelexperten! Hab von ihnen viel dazugelernt über Flora und Fauna in diesem Fluss!
18.07.22: Lankwitz, Flaschensammler im Audi gesehen…
Südlich davon: Verwaiste Feldwege… Flurbereinigung, nicht mehr gebraucht, zugewuchert…paradiesisch…
Spillings-Pflaume, Ost-Name für Bauernpflaume, leckerste Wegzehrung zurzeit!
20.07.22: Lichtenrade: Siedlungsstraßen, von 1900 rum, enden plötzlich im Gestrüpp oder Feld. War wohl mehr geplant. Relikte der stark expandierenden Stadt, des Gross-Berlin-Projektes…
Berlin-Mythos wird immer zwischen Prenzlberg, Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg, Wedding erzählt, nie im Speckgürtel…
der Sehnsuchtsort Berlin, ist eher klein…
bin seit ca. einem Jahr abseits davon im viel größeren Teil, dem Normalo-Land, unterwegs…
27.07.22: Rahnsdorf: eher Pferdeland als Kuhland…
Leute mit Hundchen versperren mit Hundeleine auf ganzer Breite den Weg…
24.08.22: Niederschöneweide: Grillfeuergeruch, schöne leckere Erinnerungen, heute mit Sorge: Waldbrandgefahr
03.09.22: Schmöckwitz: wurde gleich zweimal nach dem Weg gefragt. Wirke wohl ortskundig… bin selbst fremd hier, habe die meisten Straßen auch nur einmal abgefahren…
Meine Karte kann ich in ein paar Jahren sicherlich so nicht mehr abfahren, vieles wird sich ändern… Neubaugebiete, gesperrte Wälder wegen Dürre, umstürzende Bäume, Flurbereinigung etc...
Bewusster schauen, das Auge trainieren, lässt einen mehr entdecken und sehen, was man nicht erwartet hätte… Mit Erwartung sieht man weniger…
03.10.22: Unglaubliche, normale und alltägliche Freiheit, umher fahren zu können, wo man möchte, die jeder haben sollte!
#TagDerDeutschenEinheit, #DayOfGermanUnity
Klopfen auf Blech überall...
Nüsse und Kastanien fallen vom Himmel
zerdellen Autos.
Herbst kommt langsam, aber sicher…
02.05.22: Meine Pinzette unterwegs verloren. Mist. Lieblingswerkzeug… wie bestimmte Pinsel eben auch…
Sabotageakte, Kabeldurchschneider... und ich streunere hier rum... Hält man mich für einen möglichen Täter? Ich schleiche auch durch „kritische Infrastruktur“, werde argwöhnischer beäugt als bisher…
24.10.22: Lichtenbergstudios, AIR, Schlüsselübergabe, und weiter geht die Tour von dort aus…
Nöldnerplatz, Max-Taut-Schule: ältere Dame, ehemalige Vermesserin, kennt die Gegend qua Beruf aus dem Effeff, sprach mich lächelnd an, weil ich mit meiner Stadtkarte rumhantierte… interessanter Austausch…
29.10.22: Bahnhof Nöldnerplatz, warte auf S-Bahn nach Wartenberg. Doch lieber Ausstellungen anschauen? Oder Stadt-Landschaft mit ausfransenden Rändern?… Bin hin und her gerissen... Dann doch: entgegengesetzte Richtung… Charlottenburg, Galerien gucken…
30.10.22: Alt-Lichtenberg: Platten-Bau Architektur, schlicht, gern unhübsch neben kiezigen Altbau-Carrés der 1920er Jahre, aufwendig saniert... Spannende städtebauliche Wechselbäder…
31.10.22: Wartenberg: Bevölkerungsdichte hoch, betonklötzeweise Fenster- und Balkonfronten, Parkplätze, große Versorgungszentren mit Supermärkten… weit und breit kein Buchladen, guter Kaffee auch nicht… Dönerverkäufer kommt mit Mühe vom Spielautomaten weg, Fritteuse war zugedeckt…
Mit Idee und Elan könnte man hier einiges tun, die eigene Umgebung gestalten, die Orte um sich herum beleben…. Aber es schwebt eine Wolke von Unzufriedenheit und Lethargie in der Luft.
Etwas weiter nördlich: verwilderte Streuobstwiesen, alte Apfelsorten, mitgenommen und eingekocht. Ein Fest!
04.11.22: Karlshorst: Lieferdienst-Typ raunzt mich in gebrochenem Deutsch an. Er fühlte sich bedroht, dachte ich, mit meinem Handy in der Hand sieht es aus, als observiere ich ihn. Dabei prüfte ich die Fahrradkarte aufm Handy… versuchte ihn dann zu beruhigen und von meiner Arbeit zu erzählen… sein Fokus war zu stark auf seiner Angst. Ich habe durch meine Arbeit an diesem Ort, in seiner Nähe, eine starke negative Reaktion ausgelöst… so sehr stehen Tagelöhner2.0 unter Druck!
Abends: Auszug aus den Lichtenbergstudios…
05.11.22: Alle Wege, genau abgefahren und abgesucht, schreiben sich abends per Filzstift wieder in Plan und Gedächtnis ein… samt Fotos und Impressionen…
Erinnerungen werden immer wieder überschrieben, zusammengefasst, verändert… Jeder Quadratmeter Abtasten war wichtig dafür.
24.11.22: Winterzeit. Ab 16 Uhr ist wieder Feierabend…
Die gelben und roten Teilchen, Erinnerungen stecken drin, werden aufbereitet und erstmal in große Sammelbehälter getan, vermengen sich zu Vergangenheit und sind bereit für das, was aus ihnen Neues entstehen wird!
Über das Projekt „Yellow – Red (Berlin)“:
Katzenaugen, Reflektoren, Splitter von Autorücklichtern, Indizien infrastruktureller Abnutzung, Sedimente des Verkehrsflusses durch die Adern der Stadt… In Berlin fallen fielen sie mir besonders auf. Ich beschloss sie zu sammeln und sie zum Material für meine zwei Farbmalereien in der Zukunft – eine in Gelb, die andere in Rot zu machen.
Dafür suche ich alle Straßen, Wege, Plätze auf meiner Stadtkarte per Fahrrad danach ab. Ist diese komplett geschwärzt, ist die Farbmaterialsammeltour und somit der erste Teil der Arbeit beendet. Der urbane Raum, meine Bewegung und Aufmerksamkeit darin, sowie das anfallende Material beeinflussen das Sammelgutvolumen. Seit April 2020 bin ich unterwegs und hab bisher ca. 25.000 km Weg zurückgelegt. Etwa 1/6 der Stadtkarte ist noch zu machen. Die Gelb-Rot-Sammeltour und somit auch die Sammlung meiner Beobachtungen und Überlegungen gehen also bis heute weiter. Haus-Sitting-Angebote sind sehr willkommen!
Diese Textform entstammt meiner Lecture-Performance „#Sichtfelder/#FieldsOfView“, bei der ich Auszüge meiner Beobachtungen und Gedanken, die ich während meiner Tour aphorismenartig notiert habe, live über die projizierten Foto- und Videonotizen von unterwegs sprach. Es ergaben sich Überschneidungen und Überschreibungen der Bedeutungsebenen von Text und Bild, die durch diese Kombination weitere Zwischenebenen aufmachten.
Die Lecture-Performance, die ich unter anderem im Dezember 2022 an der Kunstakademie Karlsruhe gehalten habe, wurde für diesen Text bearbeitet und gekürzt.
Links: Yellow – Red (Berlin) - Andreas von Ow
Instagram: Von_ow__yellow_red
Corona-Shut down, alles entspannter auf den Straßen. Weniger Hektik, weniger Unfälle, aber auch: weniger Farbmaterial für mich…
11.05.20: Schauend die Straßen abtasten… Bild für Bild in Millisekunden aufnehmen, verarbeiten, bewerten und entscheiden…Rot! Anhalten! Gelb! Anhalten!
24.05.20: Ruhe in den Straßen ist schon wieder vorbei. Alles wie vorher…
#Gelb, Yellow, Kaisergelb, Gambogeyellow, Flügel des Stieglitz, Cinquefoil, Gummigutta, deep safron, Indischgelb… Oder wie sie weiter auch heißen, die Gelbs… Farbnamen kaum präzise zuordenbar, sind sie dennoch Geschichte.
Farbgedächtnis ist unser ungenauestes Gedächtnis…
Indischgelb: Indische Kühe, bekamen weniger zu trinken und wurden mit Mangobaumblättern gefüttert… der schöne Farbstoff ist Destillat aus deren intensiven Urin… heilige Kühe…
17.06.20: Steglitz: Rot. Bremsen! Zurück! Erblicktes mit Bildgedächtnis wieder aufsuchen/rekonstruieren. Bildgedächtnis zählt jetzt. Dann Erkennen: ein Blütenblatt einer Geranie, vom Balkon gefallen, lockte mich in die Irre. Loreley… Verpasse evtl. gerade andere Rotsplitter außerhalb meines Blickfeldes...
23.06.20: Auto fährt über etwas drüber. Das Knacken kenne ich! Gelbsplitter! Das Gehör schaut auch mit.
19.06.20: Fliegerviertel, Tempelhof, Regen, gedämpfte Farben, Gras nicht so grün, Blüten noch zu, Häuser in Graustufen… Herr im Trenchcoat, feist, blasses Gesicht, beobachtete mich lange: „Ah, Sie picken uns die roten Punkte aus‘m Stadtbild?!“ Ich: „Ja“… Er lächelt zufrieden und geht weiter… Tropfnass…
Leuchtende Rots und Gelbs, zwischen dem Pflaster, warten darauf, von mir entdeckt zu werden.
Wo eins auftaucht, sind meist noch mehr drumherum…
Bremsen… Fußknöchel am Pedal aufschrammen, mich freuen über die fette Beute. Tiefes schönes Blutrot an meinem Knöchel…
13.07.20: Kreuzberg: Herrenloses Fahrrad, verbogen… Katzenaugen hängen noch dran… Will sie nicht abzupfen… Ich drehe um, mach‘s doch, wie ein Aasgeier…
Mercedes-Benz-Arena, eine der erfolgreichsten Multifunktionsarenen der Welt… 1,3 Millionen Besucher jährlich etc… Drumherum: seelenloses Investoren-Büro-Wohnquartier, niemand hängt hier Pflanzen an den Balkon… Beispiel für knallhart kalkulierte „Gemütlichkeit“ und Systemgastronomieästhetik…
18.06.20: EDEKA, Bergmannstraße, Kreuzberg: lese Gelbsplitter auf... Jemand läuft mir hinterher, überreicht mir stolz ein Stück Gelb, die Kostbarkeit in einem Taschentuch gehalten. „Oooh, Danke!“ Er hat eine Kappe auf, Struppelhaare, Fingernägel mit schwarzen Rändern, nuschelt ein „Tschüss“, lächelt schüchtern nach unten und geht zurück zu Kumpel und Dosenbier auf dem Bordstein…
01.09.20: Heerstraße, Neustaaken, Spandau: auf ehemaligem Todesstreifen stehen jetzt LIDL und Nagelstudio
12.09.20: Arbeitstage in meinem riesigen Outdoor-Atelier werden jetzt kürzer, Tageslicht bestimmt meine Arbeitszeit.
Gelbe und rot-bräunliche Blätter fallen von den Bäumen, fordern mein Farbsehen heraus, täuschen mich herrlich… vor kurzem noch das Grün oben, an den Bäumen… versteckt es jetzt als leuchtendes Goldgelb, Goldocker, Rubinrot und Braun meine Gelbs und Rots vor mir…
09.11.20: Dröhnende Laubbläser, Herbstblätterberge genau da, wo ich sonst leicht was finde, weil da die Stadtreinigung nicht hinkommt: Bauminseln, Fahrradständer, unbeachtete Ecken, Parkplätze etc. …
Sehr sauber in Dahlem! Einmal hier mit Pipilotti Rist spazieren gehen, genüsslich Blink- und Rücklichter der Lamborghinis und Maseratis zerklopfen. Reiche Gelb-Rot-Ernte.
15.11.20: Schöneberg… Rot!... bremsen… absteigen… zermatschte Rosenblüten vom 9.11. auf den Stolpersteinen im Gehweg… Ich radel weiter, mein Gedankenfluss hat sich verändert…
#Rot, red, scarletred, scharlachrot, #vermillon usw… ihre Namen verraten Geschichte…
William Turner waren diese Namen nur für den Farbenkauf wichtig, alles andere war ihm relativ egal… auch, dass sein heiß geliebtes Zinnoberrot nicht dauerhaft war… er wollte sein Farbenfest, im Hier und Jetzt!...
Protention: in etwa Vorahnung: „Da blitzt ein Stück rot hervor, da könnten gleich noch mehr sein…“
Retention: nebst den aktuell zufließenden Bildern, den unmittelbar vorausgegangenen Augenblick im Gedächtnis festhalten… beim Vorbeifahren blitzschnelles Überprüfen dieser Nachbilder...
Attention ist sowieso auch gefragt…
02.12.20: Von Hafen Neukölln nach Tempelhof bezaubernde Duftsymphonie: Kaffee von Jacobs, Tabak von Philip Morris, gebrannte Mandeln und Baklava von einer türkischen Großbäckerei, Weihnachtskekse vom Bahlsen-Werk… Industrielandschaft in Grautönen, grauer Himmel, Marlboro-Mann leuchtet bunt.
In Tempelhof Kleingartenanlagen, kilometerweit…Rollrasencharme und Laubbläserklarheit… Weihnachtsmänner und Gartenzwerge leuchten…
02.02.21: Weiße Decke liegt über der Stadt… auch über Rot und Gelb…
Ab jetzt mehr Indoor-Atelier, Rohmaterial aufbereiten… von anderen Teilen befreien, reinigen, auskochen, trocknen…
15.02.21: Mein Streunern und Sammeln ist keine künstlerische Tätigkeit an sich, es ist der Prolog und untrennbarer, wichtiger Bestandteil des Gesamtbildes, der Malerei, welche dies dann spürbar ausstrahlt...
Vierter Standmixer im Atelier gecrasht… sind nur für Smoothies brauchbar…
Ich will die Farbe erschließen und nicht zur Wiedergabe von etwas verwenden, Farbe nicht nur nutzen, sondern sie durch malen in sich be- und verstärken… und in mir aufnehmen, verinnerlichen. Es steckt genug in den Farbmaterialien… Ich schaue schnell das Zitat von Claude Romano aus „de la couleur“nach, das mir seit Tagen durch den Kopf geht:
„Der Maler erlebt nicht auf der einen Seite die Farbe und auf der anderen die Welt; er erlebt die Welt in und durch die Farbe!“. Voilà!
02.05.21: Weißensee: Mann, Feinrippunterhemd, rauchend am Fenster im 3. Stock, hielt mich, Handy in der Hand, die Gegend prüfend, für einen Immobilienmakler, der das Haus knipst… ich umriss ihm kurz mein Vorhaben… er rief nochmal runter: „Und wo willste hin?“ „Da, wo ich noch nicht war.“ „Naja, und wohin?“ „Weiß ich noch nicht, aber ich finde den Weg, Danke!“ „Na wenn du nicht weißt, wo du hinwillst, kann ick dir ooch nich helfen…“.
16.06.21: Faktoren wie: Kombinationen der Farben zueinander, Sonnenstand, Lichteinfall + Blickwinkel, sind bei jedem einzelnen Bildsignal, was das Auge aufnimmt, grundlegende Faktoren für das was das das Gehirn blitzschnell analysiert. Meine Gelb-Rot-Tour verdeutlicht mir das noch mal… #affordanz, #InteractionOfColor, #Qualia, #Sichtfelder, #FieldsOfView, #Sichtweisen…
18.06.21: Falkenhagener Feld, Spandau, Westplattenbau-Großsiedlung, Sozialer Brennpunk, Menschen unterschiedlichster Kulturen… Viele rote Scherben in einem Haufen voller Autoteile gefunden. Junge fragt Vater, was da passiert ist. Er sagt: Ehestreit, Frau hat Auto von Mann kaputtgeschlagen…
Straßen und Wege sind vermeintlich gebaut, um von A nach zu B kommen… Auf der Straße bin ich zu langsam, auf dem Radweg zu nervig, auf dem Gehweg per se als Radfahrer verhasst... Passe in keine Kategorie… Meine Körpersprache unterscheidet sich von denen, die was anderes suchen sowieso. Wohin gehöre ich nun?
Das Fremdsein kann man so simpel haben. Es so bewusst erfahren… und aushalten... weitet Blick und Empathie.
Es ist immer gut zu versuchen, die Welt durch die Augen von jemand anderem nochmal anzuschauen…
27.10.21: Bedeckt, Abgedeckt, Versteckt, Herbstlaub…
Tage werden wieder kürzer
Ausgiebiges Betrachten… Ist Hingabe altmodisch? Oder essenzieller Dauerbrenner?
08.01.22: Schwarzer Filzstift, schneller Strich auf der Stadtkarte = Zwei Stunden lang Gezuckel und Gerumpel über Stock und Stein… und Birken (typische Pionierpflanze z.B. auf ehem. Todesstreifen) …
14.01.22: Fahre ich nur noch die Strecken ab, oder bin ich noch ganz bei rot und gelb? Funktioniert mein längst verinnerlichter „Farbfilter“ noch?
21.01.22: Die Entstehung der roten und der gelben Malerei, von vorne bis hinten langsam erzählt… Von der Materialgewinnung (diese Farbsammeltour) bis zu den fertigen Arbeiten, dem Höhepunkt…
Erzählt bei Instagram…
Verlangsamt und doch komprimiert…
in einem Medium, was dem Verlangen nach schnellstmöglicher Konsumierung von Bild-Ereignissen dient…
02.02.22: Immer wieder Staunen, mich so frei bewegen zu können! Andernorts wäre es sicherlich nicht möglich oder anders.
04.02.22: Bei Großbeeren: Alter Mann auf Rennrad will mir beim Weg helfen. Ich lehne dankend ab, frage, was die gelben Brillengläser brächten, er meint, man sähe mit diesem Farbfilter vor Augen die Konturen besser.
09.02.22: Stahnsdorf, Stadtrand, Bausparkassenprospektlebenstraumhäuser vs. LPG-Landwirtschaftsgebäudereste und Kalter Krieg-Überbleibsel. DDR-Charme vs. Schöner Wohnen-Ästhetik…
07.04.22: Jagdschloss Grunewald… #Minium, #cinnabarred, #cinnabaris, #Drachenblutharz, #Mennige usw.…
18.04.22: Mapping und Abgleichen: Biketracker, Stadtplan, Google Maps… Vorhandene Wege/Straßen und solche, die nicht mehr existieren... Altmodischer Stadtplan (von 2018), Satellitenbilder (von jetzt?), physische Realität (definitiv jetzt).
01.05.22: Rummelsburg: Betonblöcke, Waschbetonplatten,
Grammatikfehler, Kaffeepötte aus niedrig gebrannter Keramik klingen beim Umrühren von einem der Balkone…
Lichtenberg: Die DDR-Stadtplanung ist eigentlich übersichtlich. Hatte seinen Zweck. Häuserblöcke, viele verzweigte Wege und Straßen, ähneln sich sehr, wiederholen sich oft, verwirren mein Gefühl für Himmelsrichtungen…
Vieles ist zu zart, um gedacht, noch mehreres, um besprochen zu werden. – Blütenstaub. Novalis, 250. Geburtstag
03.05.22: So viele eingesammelte Bilder im Kopf, überlagern sich, Erinnerungen an Orte überdecken sich... Wenn ich nach langer Zeit wieder dorthin zurückkehre, ploppt die Kenntnis über sie wieder auf…
Wann und wie erinnere ich mich an Erlebtes? Wie verändern sich diese Erinnerungen und was verknüpfen ich mit ihnen?
25.05.22: Potsdam-Babelsberg Nord:
Zischen und Rattern,
zerschneiden Stille,
Roboterrasenmäher
trimmen auf Normhöhe
31.05.22: Kladow: Katzenkopfsteinpflaster
Tourbeginn, Fahrradkarte verloren. Aufregung. Weg zurück. Suchen. Gefunden. 30min Puls hoch. Erleichterung. Weiterfahrt.
Wildschwein gesichtet…niedlich…keine Gefahr…auf dem Fahrrad wirke ich groß, ich erschrecke sie eher... Ich muss behutsam sein im Wald…
Pläne gucken, Pläne machen... Was ist effektiver beim Unterwegssein? Lange überlegen oder einfach machen? Wie sehr beeinträchtigt Effizienzdenken mein Sehen?
Robinien blühen,
Windstille im Wald,
Brummen bestimmt den Unterton,
in weißer Blütenwolke,
im blauen Himmel…
Bienenarmada,
ihre Wohnkästen: gestapelt in einer Lichtung,
ein Bienen-Marzahn… Sehr schön!
10.07.22: Potsdam-Schlaatz: Pappeln sind im Wind am lautesten. Aber anders als Schwarzwaldtannen und –fichten.
Fokussiert und unter meiner „Käseglocke“… viele trauen sich kaum, mich anzusprechen… Ich muss mich wieder mehr für diese Gespräche öffnen…
Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, ich glaube, man hält mich für einen Einbrecher…
Ist es hier mein Vorteil beim Rumstreunern, nicht „ausländisch“ auszusehen?
Karpfenangler an der Nuthe, gegenüber Heizkraftwerk, Potsdam Drewitz. Vater und Sohn, arabischer Akzent, Angelexperten! Hab von ihnen viel dazugelernt über Flora und Fauna in diesem Fluss!
18.07.22: Lankwitz, Flaschensammler im Audi gesehen…
Südlich davon: Verwaiste Feldwege… Flurbereinigung, nicht mehr gebraucht, zugewuchert…paradiesisch…
Spillings-Pflaume, Ost-Name für Bauernpflaume, leckerste Wegzehrung zurzeit!
20.07.22: Lichtenrade: Siedlungsstraßen, von 1900 rum, enden plötzlich im Gestrüpp oder Feld. War wohl mehr geplant. Relikte der stark expandierenden Stadt, des Gross-Berlin-Projektes…
Berlin-Mythos wird immer zwischen Prenzlberg, Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg, Wedding erzählt, nie im Speckgürtel…
der Sehnsuchtsort Berlin, ist eher klein…
bin seit ca. einem Jahr abseits davon im viel größeren Teil, dem Normalo-Land, unterwegs…
27.07.22: Rahnsdorf: eher Pferdeland als Kuhland…
Leute mit Hundchen versperren mit Hundeleine auf ganzer Breite den Weg…
24.08.22: Niederschöneweide: Grillfeuergeruch, schöne leckere Erinnerungen, heute mit Sorge: Waldbrandgefahr
03.09.22: Schmöckwitz: wurde gleich zweimal nach dem Weg gefragt. Wirke wohl ortskundig… bin selbst fremd hier, habe die meisten Straßen auch nur einmal abgefahren…
Meine Karte kann ich in ein paar Jahren sicherlich so nicht mehr abfahren, vieles wird sich ändern… Neubaugebiete, gesperrte Wälder wegen Dürre, umstürzende Bäume, Flurbereinigung etc...
Bewusster schauen, das Auge trainieren, lässt einen mehr entdecken und sehen, was man nicht erwartet hätte… Mit Erwartung sieht man weniger…
03.10.22: Unglaubliche, normale und alltägliche Freiheit, umher fahren zu können, wo man möchte, die jeder haben sollte!
#TagDerDeutschenEinheit, #DayOfGermanUnity
Klopfen auf Blech überall...
Nüsse und Kastanien fallen vom Himmel
zerdellen Autos.
Herbst kommt langsam, aber sicher…
02.05.22: Meine Pinzette unterwegs verloren. Mist. Lieblingswerkzeug… wie bestimmte Pinsel eben auch…
Sabotageakte, Kabeldurchschneider... und ich streunere hier rum... Hält man mich für einen möglichen Täter? Ich schleiche auch durch „kritische Infrastruktur“, werde argwöhnischer beäugt als bisher…
24.10.22: Lichtenbergstudios, AIR, Schlüsselübergabe, und weiter geht die Tour von dort aus…
Nöldnerplatz, Max-Taut-Schule: ältere Dame, ehemalige Vermesserin, kennt die Gegend qua Beruf aus dem Effeff, sprach mich lächelnd an, weil ich mit meiner Stadtkarte rumhantierte… interessanter Austausch…
29.10.22: Bahnhof Nöldnerplatz, warte auf S-Bahn nach Wartenberg. Doch lieber Ausstellungen anschauen? Oder Stadt-Landschaft mit ausfransenden Rändern?… Bin hin und her gerissen... Dann doch: entgegengesetzte Richtung… Charlottenburg, Galerien gucken…
30.10.22: Alt-Lichtenberg: Platten-Bau Architektur, schlicht, gern unhübsch neben kiezigen Altbau-Carrés der 1920er Jahre, aufwendig saniert... Spannende städtebauliche Wechselbäder…
31.10.22: Wartenberg: Bevölkerungsdichte hoch, betonklötzeweise Fenster- und Balkonfronten, Parkplätze, große Versorgungszentren mit Supermärkten… weit und breit kein Buchladen, guter Kaffee auch nicht… Dönerverkäufer kommt mit Mühe vom Spielautomaten weg, Fritteuse war zugedeckt…
Mit Idee und Elan könnte man hier einiges tun, die eigene Umgebung gestalten, die Orte um sich herum beleben…. Aber es schwebt eine Wolke von Unzufriedenheit und Lethargie in der Luft.
Etwas weiter nördlich: verwilderte Streuobstwiesen, alte Apfelsorten, mitgenommen und eingekocht. Ein Fest!
04.11.22: Karlshorst: Lieferdienst-Typ raunzt mich in gebrochenem Deutsch an. Er fühlte sich bedroht, dachte ich, mit meinem Handy in der Hand sieht es aus, als observiere ich ihn. Dabei prüfte ich die Fahrradkarte aufm Handy… versuchte ihn dann zu beruhigen und von meiner Arbeit zu erzählen… sein Fokus war zu stark auf seiner Angst. Ich habe durch meine Arbeit an diesem Ort, in seiner Nähe, eine starke negative Reaktion ausgelöst… so sehr stehen Tagelöhner2.0 unter Druck!
Abends: Auszug aus den Lichtenbergstudios…
05.11.22: Alle Wege, genau abgefahren und abgesucht, schreiben sich abends per Filzstift wieder in Plan und Gedächtnis ein… samt Fotos und Impressionen…
Erinnerungen werden immer wieder überschrieben, zusammengefasst, verändert… Jeder Quadratmeter Abtasten war wichtig dafür.
24.11.22: Winterzeit. Ab 16 Uhr ist wieder Feierabend…
Die gelben und roten Teilchen, Erinnerungen stecken drin, werden aufbereitet und erstmal in große Sammelbehälter getan, vermengen sich zu Vergangenheit und sind bereit für das, was aus ihnen Neues entstehen wird!
Über das Projekt „Yellow – Red (Berlin)“:
Katzenaugen, Reflektoren, Splitter von Autorücklichtern, Indizien infrastruktureller Abnutzung, Sedimente des Verkehrsflusses durch die Adern der Stadt… In Berlin fallen fielen sie mir besonders auf. Ich beschloss sie zu sammeln und sie zum Material für meine zwei Farbmalereien in der Zukunft – eine in Gelb, die andere in Rot zu machen.
Dafür suche ich alle Straßen, Wege, Plätze auf meiner Stadtkarte per Fahrrad danach ab. Ist diese komplett geschwärzt, ist die Farbmaterialsammeltour und somit der erste Teil der Arbeit beendet. Der urbane Raum, meine Bewegung und Aufmerksamkeit darin, sowie das anfallende Material beeinflussen das Sammelgutvolumen. Seit April 2020 bin ich unterwegs und hab bisher ca. 25.000 km Weg zurückgelegt. Etwa 1/6 der Stadtkarte ist noch zu machen. Die Gelb-Rot-Sammeltour und somit auch die Sammlung meiner Beobachtungen und Überlegungen gehen also bis heute weiter. Haus-Sitting-Angebote sind sehr willkommen!
Diese Textform entstammt meiner Lecture-Performance „#Sichtfelder/#FieldsOfView“, bei der ich Auszüge meiner Beobachtungen und Gedanken, die ich während meiner Tour aphorismenartig notiert habe, live über die projizierten Foto- und Videonotizen von unterwegs sprach. Es ergaben sich Überschneidungen und Überschreibungen der Bedeutungsebenen von Text und Bild, die durch diese Kombination weitere Zwischenebenen aufmachten.
Die Lecture-Performance, die ich unter anderem im Dezember 2022 an der Kunstakademie Karlsruhe gehalten habe, wurde für diesen Text bearbeitet und gekürzt.
Links: Yellow – Red (Berlin) - Andreas von Ow
Instagram: Von_ow__yellow_red









