Editorial Umherschweifen

Editorial Umherschweifen

Plädoyer für das Verlaufen, Offenlaufen, Auflaufen...
Das Umherschweifen kann viele Formen annehmen – man kann im Geiste auf Reisen gehen, sich bei Instagram verlaufen oder bis in den Morgen berauscht raven. Hier soll es vor allem um eine urbane, räumliche Praxis gehen, die auch unter den Begriffen Flanieren oder Wandern bekannt ist. Es geht um einen bestimmten Modus – um das interesselose Schauen und das unzielgerichtete Gehen, um das Gedankenschweifen-lassen und die Wahrnehmung-öffnen. In Zeiten der algorithmusgesteuerten Inhaltzuführung und der permanenten Standortverfügbarkeit verkümmert die Fähigkeit, sich auf den Moment und die Umgebung einzulassen. Es gibt kaum noch Gelegenheiten sich zu verlaufen, Zufallsfunde zu machen und ungeplante Begegnungen zu haben (es sei denn, man ist mit Kindern unterwegs.)
Die im Schwerpunkt Umherschweifen versammelten Künstler*innen und Autor*innen berichten von den Eindrücken und Fundstücken, die sie auf ihren Touren finden und in Form von Zeichnungen und Foto-Dokumentationen festhalten, wie Esther Ernst in ihren tollen Zeichnungen. Wobei Wahrnehmungsvermehrung auch in Momenten des Wartens passieren kann, wie Julianne Corday und Julia Fabricius eindrucksvoll darstellen. Zu ihrer Anleitung zum Warten gesellen sich Wanderanleitungen der Autorin Anneke Lubkowitz. die sich dabei auf starke Frauen bezieht. Die Kuratorin Clementine Butler-Gallie ergänzt diese um Umleitungen und Abweichungen, während Ingo Böttcher und Barbara Niklas berichten von einem kollektiven Umherschweifen im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort und wie dies den Blick für die Nachbarschaft und das Alltägliche weiten kann.
Kein Problem, wenn Ihr beim Lesen kurz abgeschweift seid, genauso so soll es sein. Ich wünsche viel Spaß beim Stöbern in den Beiträgen und beim selber Ausprobieren.

Anna-Lena Wenzel, April 2026
Kurzbeiträge

Einwürfe

Vom Rande aus: Kamen Esra Canpalat geht dem "Am Rande sein" im doppelten Sinn nach - in der Peripherie der Ruhrgebiets und im Gefühl des Nicht-Dazugehörens.
50% Urban Anna-Lena Wenzel berichtet von einer einwöchigen Sommerschule zum Thema Transformation in Motion.
Zwischen Laternen und Flaggen Ein Essayfragment von Marco Oliveri über das fragile Konstrukt Nachbarschaft

Fundsachen

Gefährten* Eine Serie von Stoffbeuteln, hergestellt aus Stoffen aus der VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt, fotografiert von Lysann Nemeth.
Malheur Couleur Die Farbe Weiß weckt zuallererst Assozia
Sechser Inflationär verbreitet: gepinselte Sechsen auf temporärem Stadtmobiliar. 

Straßenszenen

Untitled History Anna-Lena Wenzel über die Arbeit "Untitled History" von Eske Schlüters und Tillmann Terbuyken im Hamburger Alten Elbpark
Ist das Kunst oder Vogelschutz? Mit ihren "Cuts" bearbeitet Birgit Hölmer Schaufenster und gibt im Gespräch mit Elke Fallat Einblicke in ihre Arbeitsweise und Motivation.
Berliner Trümmerberge Eine Recherche zu den Berliner Trümmerbergen von Karoline Böttcher mit einem Text von Luise Meier. 

So klingt

Detroit Kathrin Wildner schickt eine Soundpostkarte aus Detroit
ein Denkmal Sabine Ercklentz und Justin Time bringen mit "Denkmal streicheln - Denkmal hören" Denkmäler zum Klingen.
Cemal Kemal Altun Entlang der Berliner Hardenbergstraß

So lebt

Sorge „Sorge“: meine Platte, meine Heimat,
(e) es sich in der Schule der Arbeit Ute Richter deckt mit ihrer künstlerischen Forschung ein vergesenes Kapitel der emanzipatorischen Erwachsenenbildung in Leipzig auf.
man nicht mehr im Prenzlauer Berg Das war einmal: der Prenzlauer Berg im Jahr 1991, erinnert von Jo Preußler