Umherschweifung in Rothenburgsort
Umherschweifung in Rothenburgsort
Eine Nachbarschaftserkundung in Hamburg
Ingo Böttcher und Barbara Niklas, Fotos: Miguel Ferraz Araújo
Natürlich wollten wir bei der Versammlung der Mikropolitiken ein bisschen etwas von unserem Viertel zeigen. Wir finden Rothenburgsort gut, dieses langgestreckte, unhippe Viertel an der Norderelbe, das trotz seiner jüngsten Entdeckung durch die Stadtplanung für die meisten Hamburger:innen ein weißer Fleck auf dem inneren Stadtplan ist. Wir – Barbara vom Studiengang Freies Design an der Kunsthochschule ins Mikropol gefallen und Ingo, alteingesessen und immer für ein Gespräch über den Stadtteil zu haben, sind beide engagiert im Mikropol.
Für uns ist Rothenburgsort ein Schmelztiegel-Stadtteil, in dem sozialer Wohnungsbau auf Subkultur und Industrielandschaft auf Elbuferidyll trifft, wo sich Rennrad-Schickeria und Mietshaus-Nachbarschaften begegnen, wo sich Nischen für Eigenheiten finden – und wo es sich unfassbar hamburgisch leben lässt.
Eine klassische Stadtteilführung passte nicht zu unserer Vorstellung des Wochenendes: Wir hatten so tolle Gäste, so viel Erfahrung mit Stadt, so gute Perspektiven eingeladen, wir wollten keine Frontalveranstaltung, sondern gemeinsame Erfahrung und gemeinsames Handeln. Also einfach die Leute auf eigene Faust loslaufen lassen, eine allgemeine Dérive womöglich? Auch ein Ansatz, aber ein bisschen zu isoliert, ein bisschen zu theoretisch. Wir wollten das Beste aus beidem und hatten uns vorgenommen, das zu versuchen: einerseits ein grober Plan und eine ungefähre Richtung mit Informationen on demand, andererseits: keine fixierte Route, kein vorgegebener Rhythmus, Gespräche und Interaktion geschehen lassen … Wir sagten „Umherschweifung“ zu der Art von Stadtteilspaziergang, die wir uns vorstellten. In der kollektiven Bewegung sollten individuelle Erkundungen möglich sein und ohne zu viel Vorformuliertes und jenseits geplanter Wegführung eine eigene Perspektive aufs Viertel entwickelt werden.
Die Gruppe, die Lust hatte, dabei zu sein, kapierte schnell, worum es ging. Etwa 35 Menschen brachen am Mikropol auf, nur ganz zu Beginn im Schlepptau der Initiator:innen und ihrem Handwagen, darauf ein paar Getränke, eine Trittleiter, ein Fernglas, Straßenkreide. Dann bald an der Strecke sich verteilend, ein kleiner Kern nah an den Guides mit Fragen und Hinweisen, andere abseits unterwegs an Details, Hauseingängen, Baustellenschildern, vor Zäunen, weitere in kleinen Gruppen in Gesprächen. Alle in einer gemächlichen Bewegung, irgendwann sich sammelnd auf dem Parkplatz von Aldi; erste Gelegenheit, Informationen aufzustocken, Beobachtungen mitzuteilen und Anekdoten zum Besten zu geben.
Die Leute hatten unverkennbar ihren Spaß an der Stadt-Erkundung, sie waren neugierig und wollten miteinander reden. Da waren Stadt- und Stadtteil-Aktivist:innen von außerhalb mit je eigenem Selbstverständnis von Aneignung und Aktion; da waren Hamburger:innen, gespannt auf unseren Stadtteil und seine Eigenheiten; und da waren die Rothenburgsorter:innen, die sich alltäglich im Quartier bewegen, die in ihren Nachbarschaften Veränderungen miterleben, Geschichten aufschnappen. Was immer unsere Vorstellung des Rundgangs gewesen war, ab hier klickte die Gruppe und übernahm die Erkundung als kollektives Vorhaben, als reales Spiel einer gemeinsamen Entdeckungsreise.
Ein Spielplatz mitten im Wohnquartier Stresowstraße gab Gelegenheit, die Stärke dieses Selbstverständnisses zu demonstrieren: Seit dem Corona-Lockdown im Frühjahr 2022 war das reizende kleine Areal, auf dem Spielgeräte in einen Skulpturenpark eingebettet sind, zugesperrt, das Betreten per Schild verboten. Inzwischen längst nicht mehr wegen der Pandemie, sondern – gerüchteweise, vermutlich – aufgrund der Verschleppung einer technischen Abnahme durch die örtliche Wohnungsgesellschaft. Die Gruppe war gegenüber dieser Aussperrung uneinsichtig. Mehr oder weniger sportlich, mit gegenseitiger Hilfe und der praktischerweise mitgeführten Trittleiter überwand man den Zaun fast beiläufig und begann, sich im Spielplatzgehege umzutun. Drei Dutzend Menschen, die sich auf dem verwaisten Spielplatz tummelten, blieben an diesem warmen Sommernachmittag auf den angrenzenden Balkons nicht unbemerkt, und schnell entwickelte sich ein Dialog zwischen Umherschweifenden und Anwohner:innen über die Situation. Dessen Tenor: „Wisst ihr, warum der überhaupt noch zu ist? Wir wollen unseren Spielplatz wiederhaben!“ von oben. „Nee, wissen wir nicht wirklich. Ihr auch nicht? Also wenn jemand die Tore knackt, will ich mitmachen“ von unten.
Die Umherschweifung war unterwegs schon durch ihre Größe und Vielfalt, aber auch durch ihre nach außen interessierte Haltung als Besonderheit und als öffentliche und nahbare Veranstaltung zu erkennen. Sie lud zur Kontaktaufnahme ein, suchte aber auch ihrerseits die Kommunikation mit den aufmerksam gewordenen Nachbar:innen.
Eine seit einem Jahr aufgegebene, nun weitgehend verwüstete Golf-Abschlaganlage war die abschließende Station der Erkundung: ein ebenso rätselhafter wie inspirierender Freiraum nach der beengten Stadtlandschaft der Bauprojekte und Wohnblocks. Hinter ihrer Absperrung bot die Anlage eine weitläufig-sinnliche Erfahrung, die zur Zerstreuung der Teilnehmenden und zu kreativen Interaktionen führte: Alte Golfbälle schepperten auf den Alu-Blechen der Ruine und viele Ideen, wie die Spekulation mit diesem Filetstück an der Elbe zu unterlaufen sein könnte, begleiteten die Teilnehmenden bei ihrem Rückweg zum Abendprogramm am Mikropol.
„Ich verstehe jetzt viel besser, worum es euch im Mikropol eigentlich geht“, fasste ein Berliner Besucher die Tour für sich zusammen. Seltsam, denn Strategien und Themen des Projekts waren beim Rundgang ja gar nicht zur Sprache gekommen. Aber es stimmt schon: Aus der Konstellation der Umherschweifung, die viele Perspektiven und Expertisen zusammenbringt, erklärt sich zwar zunächst der Stadtteil selbst: protzige Bauprojekte, eine verlassene Kirche, Spekulationsflächen, ein geheimer Feigenbaum, freundliche Balkonkultur, all das Grün zwischen den uniformen Nachkriegsbauten … Sobald die Teilnehmenden Eindrücke, Perspektiven und Informationen teilen, konstruieren sie aus je eigener Wahrnehmung gemeinsames Verständnis. Doch von dort leitet die Interaktion in der Umherschweifung weiter: zur Bewertung und Kritik des Vorgefundenen, zu vielleicht lustigen Ideen, was zu tun sein könnte, oder zu phantastischen Handlungsoptionen, womöglich zu Vergleichen aus der weiten Welt und konkreten Erfahrungen aus dem eigenen Stadtteil. So zeigt die Umherschweifung – diese Umherschweifung – tatsächlich gut, was Rothenburgsort bewegt, welche Themen hier anliegen und warum das Mikropol dafür der Anlaufpunkt sein kann und will. Sie macht aber auch klar, dass das, was uns an Rothenburgsort interessiert, auch andere interessiert, wenn auch vielleicht an einem anderen Ort. Es ist gerade das Alltägliche und Gegenwärtige, das zeigt, dass Stadt so viel mehr ist als ihre Gebäude und Verkehrsführungen. Stadt besteht aus ihrem sozialen Gewebe und das wird im mikropolitischen Handeln gepflegt und gestaltet.
Wir waren sehr glücklich über den Verlauf dieses Experiments, das sich zu einem situationistisch aufgebohrten Stadtteilrundgang ausgewachsen hatte. Es war schön, wie unsere komplizierten kleinen Geheimpfade – durch die Büsche, den Deich hinauf, die Schutzwand herab, dann durch den Zaun … – von drei Dutzend gut gelaunten Stadtteil-Entdecker:innen ganz selbstverständlich benutzt wurden. Es war lustig, zu erleben, wie unsere Besucher:innen sich noch bei der Party am Abend auf englisch Bilder von unserm „Fig-Tree“ zeigten, dem irgendwie geheimen Feigenbaum in der Stresowstraße. Davon blieb etwas im Viertel haften, jedenfalls bei allen Rothenburgsorter: innen, die dabei waren: Das Gefühl, dass unsere Spaziergänge, unsere alltäglichen Wege und Beobachtungen relevant sind. Die Erfahrung, dass es sich lohnt, sie aufmerksam zu gehen; das Wissen, dass sie in eine kollektive Erfahrung einfließen können, die dann womöglich eine eigene Dynamik, eine verändernde Kraft entwickelt. Denn das war vielleicht die wichtigste Erfahrung aus der Rothenburgsorter Umherschweifung: die so charmante wie kreative Unaufhaltsamkeit von zwanzig, dreißig, vierzig Menschen, die miteinander verbunden durch den Stadtteil schweifen; die kollektive, spielerische Herstellung einer Situation, die das Potenzial nachbar:innenschaftlicher Praxis greifbar werden lässt und eine Ahnung von Aktion und Veränderung erlaubt.
Ingo Böttcher und Barbara Niklas sind beide aktiv im Mikropol im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Das Mikropol ist ein etwa 50 m2 großes ehemaliges Toilettenhäuschen, das 2019 von Nachbar:innen, Freund:innen und Kompliz:innen zu einem selbstorganisierten Stadtteilzentrum umgebaut wurde. 2023 hat hier die Versammlung der Mikropolitiken stattgefunden, deren Beiträge (ergänzt um weitere) in der gleichnamigen Publikation zusammengefasst wurden. Sie wurde von Kayoung Kim, Lisa Marie Zander, Marius Töpfer und Thies Warnke 2025 im Hamburger adocs Verlag herausgegeben.
Für uns ist Rothenburgsort ein Schmelztiegel-Stadtteil, in dem sozialer Wohnungsbau auf Subkultur und Industrielandschaft auf Elbuferidyll trifft, wo sich Rennrad-Schickeria und Mietshaus-Nachbarschaften begegnen, wo sich Nischen für Eigenheiten finden – und wo es sich unfassbar hamburgisch leben lässt.
Eine klassische Stadtteilführung passte nicht zu unserer Vorstellung des Wochenendes: Wir hatten so tolle Gäste, so viel Erfahrung mit Stadt, so gute Perspektiven eingeladen, wir wollten keine Frontalveranstaltung, sondern gemeinsame Erfahrung und gemeinsames Handeln. Also einfach die Leute auf eigene Faust loslaufen lassen, eine allgemeine Dérive womöglich? Auch ein Ansatz, aber ein bisschen zu isoliert, ein bisschen zu theoretisch. Wir wollten das Beste aus beidem und hatten uns vorgenommen, das zu versuchen: einerseits ein grober Plan und eine ungefähre Richtung mit Informationen on demand, andererseits: keine fixierte Route, kein vorgegebener Rhythmus, Gespräche und Interaktion geschehen lassen … Wir sagten „Umherschweifung“ zu der Art von Stadtteilspaziergang, die wir uns vorstellten. In der kollektiven Bewegung sollten individuelle Erkundungen möglich sein und ohne zu viel Vorformuliertes und jenseits geplanter Wegführung eine eigene Perspektive aufs Viertel entwickelt werden.
Die Gruppe, die Lust hatte, dabei zu sein, kapierte schnell, worum es ging. Etwa 35 Menschen brachen am Mikropol auf, nur ganz zu Beginn im Schlepptau der Initiator:innen und ihrem Handwagen, darauf ein paar Getränke, eine Trittleiter, ein Fernglas, Straßenkreide. Dann bald an der Strecke sich verteilend, ein kleiner Kern nah an den Guides mit Fragen und Hinweisen, andere abseits unterwegs an Details, Hauseingängen, Baustellenschildern, vor Zäunen, weitere in kleinen Gruppen in Gesprächen. Alle in einer gemächlichen Bewegung, irgendwann sich sammelnd auf dem Parkplatz von Aldi; erste Gelegenheit, Informationen aufzustocken, Beobachtungen mitzuteilen und Anekdoten zum Besten zu geben.
Die Leute hatten unverkennbar ihren Spaß an der Stadt-Erkundung, sie waren neugierig und wollten miteinander reden. Da waren Stadt- und Stadtteil-Aktivist:innen von außerhalb mit je eigenem Selbstverständnis von Aneignung und Aktion; da waren Hamburger:innen, gespannt auf unseren Stadtteil und seine Eigenheiten; und da waren die Rothenburgsorter:innen, die sich alltäglich im Quartier bewegen, die in ihren Nachbarschaften Veränderungen miterleben, Geschichten aufschnappen. Was immer unsere Vorstellung des Rundgangs gewesen war, ab hier klickte die Gruppe und übernahm die Erkundung als kollektives Vorhaben, als reales Spiel einer gemeinsamen Entdeckungsreise.
Ein Spielplatz mitten im Wohnquartier Stresowstraße gab Gelegenheit, die Stärke dieses Selbstverständnisses zu demonstrieren: Seit dem Corona-Lockdown im Frühjahr 2022 war das reizende kleine Areal, auf dem Spielgeräte in einen Skulpturenpark eingebettet sind, zugesperrt, das Betreten per Schild verboten. Inzwischen längst nicht mehr wegen der Pandemie, sondern – gerüchteweise, vermutlich – aufgrund der Verschleppung einer technischen Abnahme durch die örtliche Wohnungsgesellschaft. Die Gruppe war gegenüber dieser Aussperrung uneinsichtig. Mehr oder weniger sportlich, mit gegenseitiger Hilfe und der praktischerweise mitgeführten Trittleiter überwand man den Zaun fast beiläufig und begann, sich im Spielplatzgehege umzutun. Drei Dutzend Menschen, die sich auf dem verwaisten Spielplatz tummelten, blieben an diesem warmen Sommernachmittag auf den angrenzenden Balkons nicht unbemerkt, und schnell entwickelte sich ein Dialog zwischen Umherschweifenden und Anwohner:innen über die Situation. Dessen Tenor: „Wisst ihr, warum der überhaupt noch zu ist? Wir wollen unseren Spielplatz wiederhaben!“ von oben. „Nee, wissen wir nicht wirklich. Ihr auch nicht? Also wenn jemand die Tore knackt, will ich mitmachen“ von unten.
Die Umherschweifung war unterwegs schon durch ihre Größe und Vielfalt, aber auch durch ihre nach außen interessierte Haltung als Besonderheit und als öffentliche und nahbare Veranstaltung zu erkennen. Sie lud zur Kontaktaufnahme ein, suchte aber auch ihrerseits die Kommunikation mit den aufmerksam gewordenen Nachbar:innen.
Eine seit einem Jahr aufgegebene, nun weitgehend verwüstete Golf-Abschlaganlage war die abschließende Station der Erkundung: ein ebenso rätselhafter wie inspirierender Freiraum nach der beengten Stadtlandschaft der Bauprojekte und Wohnblocks. Hinter ihrer Absperrung bot die Anlage eine weitläufig-sinnliche Erfahrung, die zur Zerstreuung der Teilnehmenden und zu kreativen Interaktionen führte: Alte Golfbälle schepperten auf den Alu-Blechen der Ruine und viele Ideen, wie die Spekulation mit diesem Filetstück an der Elbe zu unterlaufen sein könnte, begleiteten die Teilnehmenden bei ihrem Rückweg zum Abendprogramm am Mikropol.
„Ich verstehe jetzt viel besser, worum es euch im Mikropol eigentlich geht“, fasste ein Berliner Besucher die Tour für sich zusammen. Seltsam, denn Strategien und Themen des Projekts waren beim Rundgang ja gar nicht zur Sprache gekommen. Aber es stimmt schon: Aus der Konstellation der Umherschweifung, die viele Perspektiven und Expertisen zusammenbringt, erklärt sich zwar zunächst der Stadtteil selbst: protzige Bauprojekte, eine verlassene Kirche, Spekulationsflächen, ein geheimer Feigenbaum, freundliche Balkonkultur, all das Grün zwischen den uniformen Nachkriegsbauten … Sobald die Teilnehmenden Eindrücke, Perspektiven und Informationen teilen, konstruieren sie aus je eigener Wahrnehmung gemeinsames Verständnis. Doch von dort leitet die Interaktion in der Umherschweifung weiter: zur Bewertung und Kritik des Vorgefundenen, zu vielleicht lustigen Ideen, was zu tun sein könnte, oder zu phantastischen Handlungsoptionen, womöglich zu Vergleichen aus der weiten Welt und konkreten Erfahrungen aus dem eigenen Stadtteil. So zeigt die Umherschweifung – diese Umherschweifung – tatsächlich gut, was Rothenburgsort bewegt, welche Themen hier anliegen und warum das Mikropol dafür der Anlaufpunkt sein kann und will. Sie macht aber auch klar, dass das, was uns an Rothenburgsort interessiert, auch andere interessiert, wenn auch vielleicht an einem anderen Ort. Es ist gerade das Alltägliche und Gegenwärtige, das zeigt, dass Stadt so viel mehr ist als ihre Gebäude und Verkehrsführungen. Stadt besteht aus ihrem sozialen Gewebe und das wird im mikropolitischen Handeln gepflegt und gestaltet.
Wir waren sehr glücklich über den Verlauf dieses Experiments, das sich zu einem situationistisch aufgebohrten Stadtteilrundgang ausgewachsen hatte. Es war schön, wie unsere komplizierten kleinen Geheimpfade – durch die Büsche, den Deich hinauf, die Schutzwand herab, dann durch den Zaun … – von drei Dutzend gut gelaunten Stadtteil-Entdecker:innen ganz selbstverständlich benutzt wurden. Es war lustig, zu erleben, wie unsere Besucher:innen sich noch bei der Party am Abend auf englisch Bilder von unserm „Fig-Tree“ zeigten, dem irgendwie geheimen Feigenbaum in der Stresowstraße. Davon blieb etwas im Viertel haften, jedenfalls bei allen Rothenburgsorter: innen, die dabei waren: Das Gefühl, dass unsere Spaziergänge, unsere alltäglichen Wege und Beobachtungen relevant sind. Die Erfahrung, dass es sich lohnt, sie aufmerksam zu gehen; das Wissen, dass sie in eine kollektive Erfahrung einfließen können, die dann womöglich eine eigene Dynamik, eine verändernde Kraft entwickelt. Denn das war vielleicht die wichtigste Erfahrung aus der Rothenburgsorter Umherschweifung: die so charmante wie kreative Unaufhaltsamkeit von zwanzig, dreißig, vierzig Menschen, die miteinander verbunden durch den Stadtteil schweifen; die kollektive, spielerische Herstellung einer Situation, die das Potenzial nachbar:innenschaftlicher Praxis greifbar werden lässt und eine Ahnung von Aktion und Veränderung erlaubt.
Ingo Böttcher und Barbara Niklas sind beide aktiv im Mikropol im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Das Mikropol ist ein etwa 50 m2 großes ehemaliges Toilettenhäuschen, das 2019 von Nachbar:innen, Freund:innen und Kompliz:innen zu einem selbstorganisierten Stadtteilzentrum umgebaut wurde. 2023 hat hier die Versammlung der Mikropolitiken stattgefunden, deren Beiträge (ergänzt um weitere) in der gleichnamigen Publikation zusammengefasst wurden. Sie wurde von Kayoung Kim, Lisa Marie Zander, Marius Töpfer und Thies Warnke 2025 im Hamburger adocs Verlag herausgegeben.