ein Denkmal
ein Denkmal
Über das Projekt und die Ausstellung "Denkmal streicheln - Denkmal hören"
Audio: Sabine Ercklentz und Justin Time, Text: Anna-Lena Wenzel, Fotos: Elke Stamm
Sommer / Draußen
Eine Einladung zu drei Stadtspaziergängen in Spandau mit der Überschrift Denkmal streicheln – Denkmal hören. Das klingt so ungewöhnlich, wie interessant. Der zweite geht durch das Falkenhagener Feld und beginnt am Klinkeplatz, beim Denkmal für Carl Klinke. Aufgestellt 1908, ist es die erste von vier Stationen, die die Künstler*innen Sabine Ercklentz und Justin Time für den heutigen Spaziergang ausgewählt haben. Gäbe es diesen Anlass nicht, hätte ich keines der Denkmäler bemerkt, wäre an ihnen im alltäglichen, funktionalen Stadtdurchquerungsmodus vorbeigegangen. Das Denkmal besteht aus einem zweiteiligen Granitsockel, auf dem ein Soldat aus türkisverfärbter Bronze steht. Der Soldat in Uniform hat einen Ehrenkranz um den Oberkörper gelegt und stützt sich auf seinem Gewehr ab, der obere Teil ist nach hinten geneigt, während der Kopf nach vorne gebeugt ist. Trotz der Tatsache, dass der Soldat erhöht steht, wir also zu ihm hochschauen müssen, fällt mir auf, dass seine Haltung weniger heroisch ist, als üblich. Der Soldat wirkt angeschlagen, ob er mit der linken Hand eine Schussverletzung auf der Brust befühlt?
Nach einer kurzen Vorstellung und Einführung in die Projektidee bekommen wir Kopfhörer, die über Kontaktmikrofone mit dem Denkmal verbunden sind. Es folgt die Einladung, sich dem Denkmal zu nähern und es anzufassen. Im nächsten Schritt ergreifen einzelne Teilnehmer*innen die Initiative und klopfen oder streicheln das Denkmal, um es zum Klingen zu bringen. Einige nehmen Gegenstände wie Zweige zur Hilfe oder werfen herumliegende Eicheln auf das Denkmal. Es gehe darum, ins Innere hineinzuhören, sagen die beiden Initiator*innen, Mithilfe der Mikrofone würden die Geräusche wie unter einem Mikroskop akustisch vergrößert.
Das Ergebnis ist eine multisensorische Erfahrung: neben dem genauen Schauen, das immer neue Details zu Tage treten lässt und Fragezeichen aufwirft, lassen sich durch das Anfassen die unterschiedlichen Materialien erfühlen – mal ist die Oberfläche rau oder glatt, mal kalt oder von der Sonne erwärmt. Der Sound ist mal dumpfer oder verstärkter, je nachdem ob der Sockel oder die Skulptur erklingt. Man meint verschiedene Bewegungen hören zu können: einem eher behutsamen Reiben folgt ein nachdrückliches Klopfen. Hinzu kommen der urbane Kontext und die öffentliche Situation, in der wir uns befinden. Unsere kleine Gruppe und die ungewöhnlichen Handlungen erregen die Neugierde von Passant*innen. Sie bleiben stehen, fragen nach und kommentieren. Ein Teilnehmer der Gruppe, der aus Spandau kommt, weiß etwas mehr über die Geschichte des Soldaten Klinke und den Grund für das Aufstellen des Denkmals. Er starb im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 bei der Erstürmung der Düppelner Schanzen im heutigen Dänemark. Er hatte „mit dem Pionier Kitto einen 30 Pfund schweren Pulversack entzündet, den sie vom eigens ausgehobenen Graben aus gegen den Fuß der Palisadenreihe der Schanze II schleuderten. Bei der schnellen Explosion des Pulvers erlitt Klinke starke Verbrennungen. Der tödliche Schuss ereilte ihn, als er den Graben taumelnd verließ“, heißt es auf der Website Bildhauerei-in-Berlin. Ein anderer Teilnehmer spricht daraufhin im heutigen wording von einem Selbstmordattentat. Auf dem Sockel ist eine Inschrift zu lesen: „Dem Bataillon in treuer Anhänglichkeit zum 18. April 1908. Zugeeignet vom Verein der Kameraden vom Pionier-Bataillon von Rauch zu Berlin.“ In den Zeilen davor wird nicht nur Klinkes „Heldentod“ erwähnt, sondern auch allen in „unseren Feldzügen von 1804, 1866 und 1870/71 für König und Vaterland sowie in China und Südwestafrika für Kaiser und Reich gefallenen und gestorbenen Kameraden“ erinnert. Ich stutze mehrmals beim Lesen – über die eigentümliche Sprache und die Heroisierung von Krieg und Kolonialismus. „Dass es so etwas heute noch gibt“, entfährt es mir.
Die zarte und unvoreingenommene Art der Annäherung und Auseinandersetzung, auf der das Konzept von Denkmal streicheln – Denkmal hören aufbaut, führt uns nicht nur die historischen Fakten und die zeitspezifische Form der Erinnerung vor Augen (und ins Ohr), sie ermöglicht auch eine Form der Aneignung, indem sie uns als Teilnehmer*innen aktiviert. Und sie gibt Raum für Austausch über das Gesehene und Gehörte. Andere Beziehungen zu den Denkmälern werden möglich – subjektiv-intime ebenso wie kritisch-distanzierte. Die ästhetisch-sinnlich-haptische Ebene kommt ebenso zum Tragen wie die intellektuell-zeithistorische. Eine Teilnehmerin fragt: “What is it that is being memorized here? Is it victory, loss? Should we feel sad about it or should we... I think it is a little unclear”, und bringt damit einige der aufgeworfenen Fragen auf den Punkt. Zum Abschluss lädt uns Justin Time zum nächsten Spaziergang in der Siemensstadt ein. Die Route werde verschiedene Formen von Denkmäler umfassen: das umstrittene heroisierende Denkmal für die Gefallenen der Siemenswerke, errichtet 1934, ein Gedenkstein für Wilhelm von Siemens von 1977 und eine jüngst verlegte Stolperschwelle für die Zwangsarbeiter*innen in der Siemensstadt vor der Christophoruskirche, wo diese untergebracht waren. Schon die Auflistung macht deutlich, welche unterschiedliche Weisen des Gedenkens es im öffentlichen Raum zu erkunden und zu erfassen gilt.
Winter / Drinnen
Im Februar 2026 hat die Ausstellung Denkmal streicheln – Denkmal hören in der Zitadelle Spandau eröffnet. Die beiden Künstler*innen haben dafür das Soundmaterial, das sie während der Spaziergänge aufgenommen haben, in eine multisensorische Rauminstallation verwandelt, die in einem Raum präsentiert wird: weiße Sockel und eine Vitrine, auf denen üblicherweise Denkmäler oder Skulpturen präsentiert werden, stehen verteilt im Raum, der von einem Zusammenschnitt einzelner Kommentare aus den Spaziergängen und den Sounds der Denkmäler erfüllt wird. Auf einigen Sockeln steht der Hinweis „Bitte Berühren“ oder „Bitte Setzen“; folgt man diesen Anweisungen, kann man die Sounds fühlen, denn sie setzen die Sockel in Bewegung, bringen sie ins Schwingen, machen sie zu Resonanzkörpern.
Die Künstler*innen – Justin Time mit einem Schwerpunkt auf Film, Sabine Ercklentz auf Musik und Komposition – haben sich entschieden, die Ausstellung nicht als Dokumentation der drei Spaziergänge zu konzipieren, sondern diese konzeptuell in eine Installation zu überführen und weiterzuentwickeln. Aus diesem Grund sieht man weder präzise Abbildungen der Denkmäler, erfährt etwas über den Ablauf der Touren oder bekommt Interpretationen der Sounds. Stattdessen wird man angehalten, sich erneut einzulassen auf die fein austarierte Gesamtkomposition aus Bild, Sound und Objekten. Eine Projektion wirft schattenhafte schwarz-weiß Bilder von Skulpturen an zwei Wände, schleichend verändert sich der Blickwinkel, lässt einen Adler und dann einen griechischen Gott erscheinen und wieder verschwinden. Die weißen Sockel sind hier von ihrer repräsentativen Funktion entlastet, sie dürfen für sich stehen und werden durch eingebaute Transducer zum Verstärker der Sounds – und vielleicht auch zu Leerstellen.
Die Künstler*innen verstehen diese fragmentarische Arbeit als ein Sprungbrett für Gedanken und nicht als eine abgeschlossene bzw. in sich geschlossene Kunstinstallation. Die Wirkung hängt stark von den Besucher*innen ab – nehmen sie Platz, hören zu und trauen sich, die Sockel anzufassen? Wenn sie sich einlassen, bekommen sie einen Eindruck einer zeitbasierten Arbeit, die sich ständig im Wandel befindet – und damit einen Hinweis darauf gibt, dass Geschichte niemals stillsteht, sondern eine Abfolge unterschiedlicher Interpretationen und Aneignungen ist.
Info:
Die Ausstellung „Justin Time und Sabine Ercklentz – Denkmal Streicheln – Denkmal Hören“ im Projektraum des Zentrums für Aktuelle Kunst in der Zitadelle Spandau ist noch bis zum 3. Mai 2026 zu sehen und zu fühlen.
Eine Einladung zu drei Stadtspaziergängen in Spandau mit der Überschrift Denkmal streicheln – Denkmal hören. Das klingt so ungewöhnlich, wie interessant. Der zweite geht durch das Falkenhagener Feld und beginnt am Klinkeplatz, beim Denkmal für Carl Klinke. Aufgestellt 1908, ist es die erste von vier Stationen, die die Künstler*innen Sabine Ercklentz und Justin Time für den heutigen Spaziergang ausgewählt haben. Gäbe es diesen Anlass nicht, hätte ich keines der Denkmäler bemerkt, wäre an ihnen im alltäglichen, funktionalen Stadtdurchquerungsmodus vorbeigegangen. Das Denkmal besteht aus einem zweiteiligen Granitsockel, auf dem ein Soldat aus türkisverfärbter Bronze steht. Der Soldat in Uniform hat einen Ehrenkranz um den Oberkörper gelegt und stützt sich auf seinem Gewehr ab, der obere Teil ist nach hinten geneigt, während der Kopf nach vorne gebeugt ist. Trotz der Tatsache, dass der Soldat erhöht steht, wir also zu ihm hochschauen müssen, fällt mir auf, dass seine Haltung weniger heroisch ist, als üblich. Der Soldat wirkt angeschlagen, ob er mit der linken Hand eine Schussverletzung auf der Brust befühlt?
Nach einer kurzen Vorstellung und Einführung in die Projektidee bekommen wir Kopfhörer, die über Kontaktmikrofone mit dem Denkmal verbunden sind. Es folgt die Einladung, sich dem Denkmal zu nähern und es anzufassen. Im nächsten Schritt ergreifen einzelne Teilnehmer*innen die Initiative und klopfen oder streicheln das Denkmal, um es zum Klingen zu bringen. Einige nehmen Gegenstände wie Zweige zur Hilfe oder werfen herumliegende Eicheln auf das Denkmal. Es gehe darum, ins Innere hineinzuhören, sagen die beiden Initiator*innen, Mithilfe der Mikrofone würden die Geräusche wie unter einem Mikroskop akustisch vergrößert.
Das Ergebnis ist eine multisensorische Erfahrung: neben dem genauen Schauen, das immer neue Details zu Tage treten lässt und Fragezeichen aufwirft, lassen sich durch das Anfassen die unterschiedlichen Materialien erfühlen – mal ist die Oberfläche rau oder glatt, mal kalt oder von der Sonne erwärmt. Der Sound ist mal dumpfer oder verstärkter, je nachdem ob der Sockel oder die Skulptur erklingt. Man meint verschiedene Bewegungen hören zu können: einem eher behutsamen Reiben folgt ein nachdrückliches Klopfen. Hinzu kommen der urbane Kontext und die öffentliche Situation, in der wir uns befinden. Unsere kleine Gruppe und die ungewöhnlichen Handlungen erregen die Neugierde von Passant*innen. Sie bleiben stehen, fragen nach und kommentieren. Ein Teilnehmer der Gruppe, der aus Spandau kommt, weiß etwas mehr über die Geschichte des Soldaten Klinke und den Grund für das Aufstellen des Denkmals. Er starb im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 bei der Erstürmung der Düppelner Schanzen im heutigen Dänemark. Er hatte „mit dem Pionier Kitto einen 30 Pfund schweren Pulversack entzündet, den sie vom eigens ausgehobenen Graben aus gegen den Fuß der Palisadenreihe der Schanze II schleuderten. Bei der schnellen Explosion des Pulvers erlitt Klinke starke Verbrennungen. Der tödliche Schuss ereilte ihn, als er den Graben taumelnd verließ“, heißt es auf der Website Bildhauerei-in-Berlin. Ein anderer Teilnehmer spricht daraufhin im heutigen wording von einem Selbstmordattentat. Auf dem Sockel ist eine Inschrift zu lesen: „Dem Bataillon in treuer Anhänglichkeit zum 18. April 1908. Zugeeignet vom Verein der Kameraden vom Pionier-Bataillon von Rauch zu Berlin.“ In den Zeilen davor wird nicht nur Klinkes „Heldentod“ erwähnt, sondern auch allen in „unseren Feldzügen von 1804, 1866 und 1870/71 für König und Vaterland sowie in China und Südwestafrika für Kaiser und Reich gefallenen und gestorbenen Kameraden“ erinnert. Ich stutze mehrmals beim Lesen – über die eigentümliche Sprache und die Heroisierung von Krieg und Kolonialismus. „Dass es so etwas heute noch gibt“, entfährt es mir.
Die zarte und unvoreingenommene Art der Annäherung und Auseinandersetzung, auf der das Konzept von Denkmal streicheln – Denkmal hören aufbaut, führt uns nicht nur die historischen Fakten und die zeitspezifische Form der Erinnerung vor Augen (und ins Ohr), sie ermöglicht auch eine Form der Aneignung, indem sie uns als Teilnehmer*innen aktiviert. Und sie gibt Raum für Austausch über das Gesehene und Gehörte. Andere Beziehungen zu den Denkmälern werden möglich – subjektiv-intime ebenso wie kritisch-distanzierte. Die ästhetisch-sinnlich-haptische Ebene kommt ebenso zum Tragen wie die intellektuell-zeithistorische. Eine Teilnehmerin fragt: “What is it that is being memorized here? Is it victory, loss? Should we feel sad about it or should we... I think it is a little unclear”, und bringt damit einige der aufgeworfenen Fragen auf den Punkt. Zum Abschluss lädt uns Justin Time zum nächsten Spaziergang in der Siemensstadt ein. Die Route werde verschiedene Formen von Denkmäler umfassen: das umstrittene heroisierende Denkmal für die Gefallenen der Siemenswerke, errichtet 1934, ein Gedenkstein für Wilhelm von Siemens von 1977 und eine jüngst verlegte Stolperschwelle für die Zwangsarbeiter*innen in der Siemensstadt vor der Christophoruskirche, wo diese untergebracht waren. Schon die Auflistung macht deutlich, welche unterschiedliche Weisen des Gedenkens es im öffentlichen Raum zu erkunden und zu erfassen gilt.
Winter / Drinnen
Im Februar 2026 hat die Ausstellung Denkmal streicheln – Denkmal hören in der Zitadelle Spandau eröffnet. Die beiden Künstler*innen haben dafür das Soundmaterial, das sie während der Spaziergänge aufgenommen haben, in eine multisensorische Rauminstallation verwandelt, die in einem Raum präsentiert wird: weiße Sockel und eine Vitrine, auf denen üblicherweise Denkmäler oder Skulpturen präsentiert werden, stehen verteilt im Raum, der von einem Zusammenschnitt einzelner Kommentare aus den Spaziergängen und den Sounds der Denkmäler erfüllt wird. Auf einigen Sockeln steht der Hinweis „Bitte Berühren“ oder „Bitte Setzen“; folgt man diesen Anweisungen, kann man die Sounds fühlen, denn sie setzen die Sockel in Bewegung, bringen sie ins Schwingen, machen sie zu Resonanzkörpern.
Die Künstler*innen – Justin Time mit einem Schwerpunkt auf Film, Sabine Ercklentz auf Musik und Komposition – haben sich entschieden, die Ausstellung nicht als Dokumentation der drei Spaziergänge zu konzipieren, sondern diese konzeptuell in eine Installation zu überführen und weiterzuentwickeln. Aus diesem Grund sieht man weder präzise Abbildungen der Denkmäler, erfährt etwas über den Ablauf der Touren oder bekommt Interpretationen der Sounds. Stattdessen wird man angehalten, sich erneut einzulassen auf die fein austarierte Gesamtkomposition aus Bild, Sound und Objekten. Eine Projektion wirft schattenhafte schwarz-weiß Bilder von Skulpturen an zwei Wände, schleichend verändert sich der Blickwinkel, lässt einen Adler und dann einen griechischen Gott erscheinen und wieder verschwinden. Die weißen Sockel sind hier von ihrer repräsentativen Funktion entlastet, sie dürfen für sich stehen und werden durch eingebaute Transducer zum Verstärker der Sounds – und vielleicht auch zu Leerstellen.
Die Künstler*innen verstehen diese fragmentarische Arbeit als ein Sprungbrett für Gedanken und nicht als eine abgeschlossene bzw. in sich geschlossene Kunstinstallation. Die Wirkung hängt stark von den Besucher*innen ab – nehmen sie Platz, hören zu und trauen sich, die Sockel anzufassen? Wenn sie sich einlassen, bekommen sie einen Eindruck einer zeitbasierten Arbeit, die sich ständig im Wandel befindet – und damit einen Hinweis darauf gibt, dass Geschichte niemals stillsteht, sondern eine Abfolge unterschiedlicher Interpretationen und Aneignungen ist.
Info:
Die Ausstellung „Justin Time und Sabine Ercklentz – Denkmal Streicheln – Denkmal Hören“ im Projektraum des Zentrums für Aktuelle Kunst in der Zitadelle Spandau ist noch bis zum 3. Mai 2026 zu sehen und zu fühlen.
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