Berlin Umrunden

Schwerpunkt: Umherschweifen

Berlin Umrunden

Zeichnerisch festgehaltene Wahrnehmungsexplosion
Zeichnungen: Esther Ernst, Gespräch: Esther Ernst und Anna-Lena Wenzel
Anna-Lena Wenzel: Wie ist das Projekt „Berlin Umrundungen“ entstanden?

Esther Ernst: Von 2021 bis 2025, also über einen Zeitraum von vier Jahren, habe ich mich mit dem „Stadt-Umland-Gebiet“ von Berlin-Brandenburg beschäftigt. Dieses Gebiet verbindet die Metropole mit dem suburbanen Verdichtungsraum und den ländlichen Flächen. Obwohl es mich seit vielen Jahren umgibt, kannte ich das Gebiet in seiner disparaten Struktur kaum. Da während der Corona-Pandemie die Reisemöglichkeiten eingeschränkt waren, fand ich es naheliegend, die rund 400 Kilometer lange, ringförmige Planungsregion zu bewandern. Ich erkundete und verzeichnete (auch dank zweier Stipendien) den Berliner Speckgürtel, verbautes und landwirtschaftlich genutztes Gebiet, verwilderte Natur, kranke Wälder, Binnengewässer, Feuchtgebiete und Moore, intakte Kleinstädte, verlassene Dörfer, Werkssiedlungen, Renaturierungsprojekte, Industrieflächen, Vergnügungswelten und Konsumtempel. Kennzeichnend für den Ballungsraum Berlin ist ja das Nebeneinander von Ungleichem. Dies erzeugt Spannungen und wirft Fragen auf, wie wir an den Rändern der Stadt leben und diese gestalten wollen.

ALW: Wie hast Du Deine Eindrücke festgehalten?

EE: Währen der Wanderungen hielt ich meine Eindrücke unmittelbar mit Bleistift, Buntstift, Aquarell und Wachspastell auf A2-grossen Arbeitsblättern fest. Anschließend übertrug ich die Skizzen und Notate auf eine 220 x 300 cm große Zeichnung mit dem Titel „Berlin Umrundungen“.

ALW: Wie viel Planung und wie viel Umherschweifen, das heißt Spontanität, steckt in Deinen Wanderungen?  

EE: Üblicherweise bereite ich die Wanderungen vor und überlege, wie ich mit den Öffis zum Wanderausgangspunkt (und wieder nach Hause) komme, welche Route ich wandere, wo ich gegebenenfalls übernachte oder mich verpflege usw. Diese Orga ist für Brandenburg hilfreich. Ich studiere verschiedene Karten und was auf ihnen verzeichnet ist, schlage einiges im Lexikon nach und mache mir Recherchenotizen. Durch die Vorbereitung kann ich mich während des Wanderns auf die Gegenwart einlassen, spontan sein, Umwege nehmen, abschweifen, die Route verlängern oder verkürzen. Zudem komme ich durch mein Vorwissen auch schneller mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Unterwegs gibt es viel zu entdecken und es entzünden sich neue Fragen, sodass ich die Wanderungen nachbereite und wiederholt recherchiere. Schlussendlich hängt ja alles mit allem zusammen und ist miteinander verwoben. Das war über die vier Jahre hinweg so toll zu erleben.

Wie schweifst Du denn umher? Ich nehme Dich ja auch als eine leidenschaftliche und neugierige Beobachterin Deiner Umwelt wahr. Wo zieht es Dich hin? Und warum?

ALW: Schweifen, oder Stadtstreunern, wie ich es nenne, fängt für mich dann an, wenn ich keinem konkreten Ziel folge, sondern drauflos gehe und mich in einer fremden Stadt von meiner Neugier leiten lasse. Ich versuche dabei auf digitale Hilfe zu verzichten, weil mich das von dem Einlassen auf den Ort ablenkt. Für ein Magazin habe ich eine Zeitlang Straßenporträts geschrieben und war immer wieder überrascht, wieviel man sehen und finden kann, wenn man genau schaut. Was mich reizt, sind Orte oder Gegenden, die heterogen oder undefiniert sind, weil sie sich in einem Übergang befinden, gleichzeitig Zeichen der Zeit tragen und von der Gegenwart erzählen.  

EE: Welche heterogenen und undefinierten Orte kommen Dir spontan in den Sinn?

ALW: Das Ihme-Center, das ich vor kurzem in Hannover erkundet habe – eine Großwohnsiedlung inklusive Gewerbeflächen, die zum Teil seit Jahren leer stehen. Gleichzeitig befindet sich Wohnungen direkt am Fluß mit Blick ins Grüne. Diese Kontraste laden das alles total auf. In Berlin mag ich sehr gerne die Gleichzeitigkeit von Gewerbe und Natur, wenn man an den Kanälen unter den Autobahnen entlangläuft. Das entspricht doch ein bisschen dem disparaten Stadt-Umland-Raum, den du bei den „Berlin Umrundungen“ erkundet hast, oder? Was zieht dich noch an? Wenn ich mir deine Stadtkarten ins Gedächtnis rufe, gibt es eine Mischung aus Detailgenauigkeit und Stadtübersicht, und dann Architekturdetails, Tiere, aber auch Begegnungen und Sound.

EE: Ja, das geht mir ähnlich mit der Aufmerksamkeit für aufgeladene Kontraste. Wobei mich auch die Homogenität beschäftigt. Die fühlt sich merkwürdig an. Ich habe mich mal mit einem Bergdorf in den Berner Alpen auseinander gesetzt. Wunderschön. Nix stört. Und irgendwann wurde mir bewusst, dass das Dorf fast ausschließlich auf Tourismus ausgerichtet ist. Es fehlt der eigene Charakter, das Unaufgeräumte, Unentschiedene, Ziellose, Verkackte…
Ich sehe Dich beim Streunern Fotos und Notizen machen. Manchmal hebst Du was vom Boden auf und nimmst es mit. Was passiert mit dem Material?

ALW: Das Material, das ich vom Boden aufsammel, die sogenannten Fundstücken, nehme ich mit ins Atelier, dort gibt es eine Wand, wo ich sie probehänge, und einen Lagerraum. Das Finden geht nicht unbedingt mit einem spezifischen Blick einher – oft sehe ich die Objekte, (denen man im besten Fall ihre Funktion nicht mehr ansieht,) nebenbei, beim Fahrradfahren oder durch die Stadt laufen – aber es braucht eine gewisse Offenheit im Blick, sonst findet man nichts.

EE: Und die Fotos?

ALW: Sie haben eher einen dokumentarischen Charakter, ich habe weder eine gute Kamera noch bin ich ausgebildete Fotografin. Aber es gibt trotzdem einen spezifischen Blick auf die Umgebung und die Dinge, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich habe zum Beispiel mal eine Serie „Haus hoch“ gemacht und immer Häuserfassaden nach oben fotografiert. Das sitzt tief.

EE: Wie reagierst Du während dem Schweifen auf grübelnde Gedanken, die mutmaßlich den offenen Blick verhängen? Schaust Du dann nach innen, oder vertröstest Du die auf später?

ALW: Interessante Frage – ich mag am Stadtstreunern ja vor allem das im Moment- und in der Umgebung-Sein, das mich vom Grübeln fernhält. Hast du das manchmal, dass dich Orte grüblerisch machen? Oder ist es eher das Mit-Dir-Sein, daß Raum für diese Gedanken lässt?

EE: Es ist wohl eher mein Leben oder eine bestimmte Fragestellung oder ein Problem oder eine große Freude, über die ich beim Wandern bisweilen grübel… Aber grundsätzlich mag ich, wie Du, die Gegenwärtigkeit und die erhöhte Aufmerksamkeit für die Umwelt beim Wandern.
Wie erinnerst Du Dich an Deine Stadtstreunerungen? Wenn ich mich richtig entsinne, machst Du ja auch Notizen von Deinen Erlebnissen. Ist das Schreiben danach auch noch mal eine Entdeckungsreise?

ALW: Hm, vielleicht eher eine Vertiefung und Übersetzung? Aber es gibt da nicht so eine richtige Praxis für, jedenfalls nicht, wenn es sich nur um Ausflüge handelt. Das ist etwas anderes, wenn ich länger unterwegs bin – zum Beispiel als ich dich in Jerevan besucht habe, und so geflasht war von den vielen Eindrücken, dass ich die gerne teilen wollte. Das nimmt dann oft eine tagebuchartige Struktur an.

Bilder:
1-6: Skizzen auf Arbeitsblätter zu „Berlin Umrunden“
7: „Berlin Umrundungen“, 2021 – 2025, gefaltete Zeichnung
8: Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich, 2025, „Berlin Umrundungen“, 220 x 300 cm, Bleistift, Buntstift, Tusche, Wachspastell auf gefaltetem Papier, kaschiert auf Leinen, Foto: Zoe Tempest
9: In Aktion für die Britzenale/ Kartieren vor Ort, 2025 
 
Kurzbeiträge

Einwürfe

Vom Rande aus: Kamen Esra Canpalat geht dem "Am Rande sein" im doppelten Sinn nach - in der Peripherie der Ruhrgebiets und im Gefühl des Nicht-Dazugehörens.
50% Urban Anna-Lena Wenzel berichtet von einer einwöchigen Sommerschule zum Thema Transformation in Motion.
Zwischen Laternen und Flaggen Ein Essayfragment von Marco Oliveri über das fragile Konstrukt Nachbarschaft

Fundsachen

Gefährten* Eine Serie von Stoffbeuteln, hergestellt aus Stoffen aus der VEB Schirmfabrik Karl-Marx-Stadt, fotografiert von Lysann Nemeth.
Malheur Couleur Die Farbe Weiß weckt zuallererst Assozia
Sechser Inflationär verbreitet: gepinselte Sechsen auf temporärem Stadtmobiliar. 

Straßenszenen

Untitled History Anna-Lena Wenzel über die Arbeit "Untitled History" von Eske Schlüters und Tillmann Terbuyken im Hamburger Alten Elbpark
Ist das Kunst oder Vogelschutz? Mit ihren "Cuts" bearbeitet Birgit Hölmer Schaufenster und gibt im Gespräch mit Elke Fallat Einblicke in ihre Arbeitsweise und Motivation.
Berliner Trümmerberge Eine Recherche zu den Berliner Trümmerbergen von Karoline Böttcher mit einem Text von Luise Meier. 

So klingt

Detroit Kathrin Wildner schickt eine Soundpostkarte aus Detroit
ein Denkmal Sabine Ercklentz und Justin Time bringen mit "Denkmal streicheln - Denkmal hören" Denkmäler zum Klingen.
Cemal Kemal Altun Entlang der Berliner Hardenbergstraß

So lebt

Sorge „Sorge“: meine Platte, meine Heimat,
(e) es sich in der Schule der Arbeit Ute Richter deckt mit ihrer künstlerischen Forschung ein vergesenes Kapitel der emanzipatorischen Erwachsenenbildung in Leipzig auf.
man nicht mehr im Prenzlauer Berg Das war einmal: der Prenzlauer Berg im Jahr 1991, erinnert von Jo Preußler